Wie die Gesamtschule Nordkirchen digitaler wird und mit welchen Problemen sie dabei kämpft

dzDigitalisierung an Schulen

Unterricht 2.0 ist das Ziel von Bund und Ländern für deutsche Schulen. Die Gesamtschule in Nordkirchen arbeitet darauf hin. Im Alltag zeigt sich aber, was die Pläne ausbremsen könnte.

Nordkirchen

, 30.04.2019, 05:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Für Lisa Peters (28), Deutsch- und Geschichtslehrerin an der Johann-Conrad-Schlaun-Schule in Nordkirchen, scheint es den Digitalen Wandel eigentlich kaum zu geben. Ihr Unterrichtsmaterial - Texte, Notizen und alle anderen Quellen - hat sie auf ihrem iPad. Für die Gesamtschullehrerin sei das der praktische und alltagstauglichste Weg, um sich auf den Unterricht vorzubereiten und gemeinsam mit den Schülern Themen zu erarbeiten, erklärt Peters. Schon während ihres Studiums und ihrer Zeit als Referendarin, die sie ebenfalls an der JCS verbracht hat, hat Peters hauptsächlich digital gearbeitet.

Die 28-Jährige ist kein Einzelfall im Kollegium der Nordkirchener Gesamtschule, wie Schulleiter Ulrich Vomhof erklärt: „Wir merken bei unseren Referendaren, dass sie ganz anders in den Job starten“, sagt Vomhof und meint damit: „digitaler“.

Wie die Gesamtschule Nordkirchen digitaler wird und mit welchen Problemen sie dabei kämpft

Das Interesse an den Angeboten war groß. Es ging bei dem Schulungstag um ganz konkrete und praxisbezogene Themen. Vor allem um Ideen, welche Medien sich wie für den Unterricht einsetzen lassen. © Karim Laouari

Die Motivation und den Ansporn, sich auf neue Unterrichtsmethoden einzulassen, sei allerdings im gesamten Kollegium spürbar, macht Vomhof

deutlich. Die jüngeren Kollegen sieht Vomhof dabei durchaus als Motor für den Digitalen Wandel, dem sich nicht nur die Wirtschaft sondern auch eben auch die Schulen stellen müssen.

Ein noch so gut laufender Motor bringt allerdings niemanden vom Fleck, wenn dem Auto Teile fehlen. Das bedeutet im Fall der JCS, dass die Ausstattung des Kollegiums an der Schule für eine schnelle Umstellung auf den digitalen Unterricht noch nicht ausreicht. Für insgesamt 90 Lehrer und Referendare stehen der Schule aktuell zum Beispiel lediglich sieben iPads zur Verfügung.

Wie die Gesamtschule Nordkirchen digitaler wird und mit welchen Problemen sie dabei kämpft

Für die Lehrer stellen häufig ganz alltägliche Probleme mit der Technik Hürden dar: Nicht immer laufen zum Beispiel die Präsentationen für den Unterricht so, wie sie sollen. © Karim Laouari

Eine schnelle Umstellung ist aber auch gar nicht das, was Ulrich Vomhof für seine Schule will. Es bringe nichts, allen Lehrern und Schülern ein iPad in die Hand zu drücken, wenn noch gar nicht klar sei, wie die neue Technik im Unterricht sinnvoll einzusetzen sei. „Wir müssen erst die Inhalte erarbeiten und dann über die nötige Ausstattung sprechen“, macht der Schulleiter deutlich.

Mit dem Digitalpakt Schule will das Bundesministerium Bildung und Forschung (BMBF) „über einen Zeitraum von fünf Jahren insgesamt fünf Milliarden Euro“ zur Verfügung stellen, „davon in dieser Legislaturperiode 3,5 Milliarden Euro“, lautet die Ankündigung des Ministeriums. Zusammen mit dem Eigenanteil, den die Länder für den Digitalpakt bereitstellen sollen, würden am Ende insgesamt 5,5 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, oder umgerechnet eine Summe von 500 Euro pro Schüler.

„Wir müssen erst die Inhalte erarbeiten und dann über die nötige Ausstattung sprechen.“
Ulrich Vomhof, Schulleiter der JCS

Voraussetzung für die Beantragung von Fördermitteln ist allerdings laut Vorgaben des BMBF ein technisch-pädagogisches Konzept, zum Beispiel ein Mediennutzungskonzept. Ein solches Konzept erarbeitet die JCS zurzeit.

Dazu gehören auch Schulungsangebote für das Kollegium. Eine davon fand beispielsweise Anfang März statt. Einen ganzen Tag lang beschäftigte sich das Kollegium mit ganz praktischen Fragen und Ideen zum Einsatz neuer Technik und Medien im Unterricht.

Das Besondere: Zu dem Termin kamen zwar auch Mitarbeiter des Medienzentrums Kreis Coesfeld, den Großteil der kurzen Schulungseinheiten leiteten allerdings die Lehrer selbst. Zum Beispiel Lisa Peters. Ihr Schulungsangebot: Wie lassen sich interaktive Präsentationen für den Unterricht gestalten. Eigentlich eine einfache Sache, wie Peters vor der Schulung erklärt. Wäre da nicht die Technik.

Wie die Gesamtschule Nordkirchen digitaler wird und mit welchen Problemen sie dabei kämpft

In dem Fortbildungsangebot von Benedikt Otto (32) ging es um eine Bestandsaufnahme: Was läuft gut, was noch nicht? Der Mathematik- und Philosophielehrer ärgert sich vor allem über den Inhaltefilter „Time for Kids", der die Internetrecherche aus seiner Sicht unnötig verkompliziere. © Karim Laouari

Im Alltag zeigt sich nämlich, dass ganz einfache Dinge über das Gelingen oder das Scheitern des digitalen Wandels an Schulen entscheiden können. Lisa Peters steht kurz bevor ihre Schulung beginnen soll vor einem solchen Problem. Sie versucht, ihre Beispielpräsentation vom Laptop auf den Flachbildfernseher im Computerraum der Schule zu übertragen. Die Präsentation startet zwar, die darin eingebundenen Videos allerdings nicht.

Stress macht sich bei der 28-Jährigen nicht breit. Sie kennt das Problem. „Man hat eigentlich immer einen Plan B“, erklärt sie und bringt die Videos über Umwege doch noch rechtzeitig zum Laufen. Seit 2015 verfügt jeder Raum in der Gesamtschule über einen eigenen Flachbildfernseher mit Internetanbindung, die im Unterricht als digitale Tafeln und Medienzentren genutzt werden. Im Alltag zeigt sich dabei aber immer wieder: In jedem Raum funktioniert die Technik ein bisschen anders.

Wie die Gesamtschule Nordkirchen digitaler wird und mit welchen Problemen sie dabei kämpft

Für die Lehrer stellen häufig ganz alltägliche Probleme mit der Technik Hürden dar: Nicht immer laufen zum Beispiel die Präsentationen für den Unterricht so, wie sie sollen. © Karim Laouari

Was der technikaffine Teil des Lehrerkollegiums als störende Begleiterscheinung sieht, kann anderen Kollegen Schweißperlen auf die Stirn treiben, weiß Lisa Peters. „Ich kann verstehen, dass solche Erfahrungen einigen Kollegen einfach die Motivation nimmt, die Technik zu nutzen“, sagt sie. „Schön wäre eine eigene IT-Abteilung für die Schule“, fasst sie ihren und den Wunsch vieler Kollegen zusammen.

Einer dieser Kollegen ist Benedikt Otto (32), Lehrer für die Fächer Mathematik und Philosophie. Auch er hat zu einem Fortbildungsangebot eingeladen, obwohl in diesem Fall eher der Begriff „Bestandsaufnahme“ passt. „Was läuft gut, was kann besser laufen?“, sind die Fragen, die Otto gemeinsam mit seiner Kollegin Bettina Schwenker (62) und seinen Kollegen diskutieren möchte.

Im Alltag immer wieder durch technische Hürden frustriert

Einig sind sich die Lehrer darüber, dass die Fernseher in den Klassenräumen eine Bereicherung für den Unterricht sind. Trotzdem sagt Benedikt Otto, fühle er sich im Alltag immer wieder durch technische Hürden frustriert. So nennt er ein Problem, dem sich auch Lisa Peters immer wieder gegenübersteht.

Das Problem hat einen Namen: „Time for Kids“. Der Filter soll den Kinder- und Jugendschutz in der Schule sicherstellen. Blockiert würden aber auch viele Internetseiten, die die Lehrer für den Unterricht brauchen, darunter die Nachrichtenseite „Spiegel Online“, wie Lisa Peters erklärt. Auch eine einfache Google-Suche sei durch „Time for Kids“ häufig blockiert. „Nervig“ und „frustrierend“ nennen Peters und Otto den Inhaltefilter.

60 iPads für den Unterricht

Hindern lässt sich das Kollegium auf dem Weg in den digitalisierten Unterricht trotzdem nicht. Die vielen Vorträge und praxisnahen Themen zeigen, wie intensiv sich die Gesamtschule schon in die Arbeit mit digitalen Medien eingearbeitet hat. Jetzt soll baldmöglich die Ausstattung dem Wissen angepasst werden. Im Ausschuss für Familie, Schule, Sport und Kultur hat Ulrich Vomhof Anfang März einen Zwischenstand über die Digitalisierungsstrategie seiner Schule gegeben. Damit verbunden auch die Bitte an die Politik, der Schule 60 iPads für den Unterricht zur Verfügung zu stellen.

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