Wenn die Corona-Gefahr an jeder Ecke lauert: Ein Risikopatient berichtet

Coronavirus

Wie lebt es sich zu Corona-Zeiten als Risikopatient? David aus Hannover hat durch eine Lungenfibrose nur noch 30 Prozent Lungenvolumen. Er erzählt, wie sein Leben in Zeiten von Covid-19 aussieht.

Hannover

17.04.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
Für Menschen mit Vorerkrankungen gilt besondere Vorsicht im Umgang mit dem Coronavirus.

Für Menschen mit Vorerkrankungen gilt besondere Vorsicht im Umgang mit dem Coronavirus. © picture alliance / dpa

David aus Hannover ist 36 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder, arbeitet für einen großen Versicherungskonzern und gilt als Risikopatient. Für ihn ist das Coronavirus Sars-CoV-2 besonders gefährlich. Eigentlich arbeitet er mit etwa 20 Kollegen in einem Großraumbüro.

Seit dem 17. März ist er, ebenso wie seine Kollegen und wie viele andere Arbeitnehmer auch, im Homeoffice. Auch wenn die Bundesregierung langsam die Kontaktbeschränkungen lockert, wird David wohl noch länger zu Hause sitzen: „Ich vermute, dass ich die nächsten zwei Monate nicht einen Tag auf der Arbeit sein werde. Vielleicht sogar das ganze Jahr.“

Grund dafür ist seine Vorerkrankung. Früher war er ein kerngesunder junger Mann. Bis zum Oktober 2012, als sich sein Leben grundlegend änderte. „Ich wurde immer schwächer. Ich war konditionell nie ein As, aber es wurde immer schlimmer“, so der 36-Jährige. Zum gleichen Zeitpunkt war seine Frau hochschwanger: „Wir haben im 4. oder 5. Stock im Dachgeschoss gewohnt. Und dann haben wir beide zusammen im 2. Stock Pause gemacht.“

Davids Lunge kann nur noch 30 Prozent ihrer normalen Leistung erbringen

Die Treppen wurden zur Qual. Ein Besuch beim Lungenarzt sollte Klarheit verschaffen. „Der war gleich schockiert von den Werten“, erinnert sich David an seinen ersten Besuch von vielen beim Lungenarzt. Seine Lunge konnte lediglich noch 30 Prozent ihrer normalen Leistung erbringen. Das lässt einen nicht nur schnell außer Atem kommen – fehlender Sauerstoff kann auch schnell zu Schädigungen an Herz und Hirn führen.

Für David begann eine lange Reise von einem Arzt zum anderen. Nach seinem ersten Besuch beim Lungenarzt wurde ein CT gemacht, dann ging es wieder zum Pulmologen. Anschließend zur Bronchoskopie in die Medizinische Hochschule Hannover. Aber eine richtige Ursache für die abfallende Leistung der Lunge konnte noch immer nicht gefunden werden. Letztendlich brachte eine Biopsie der Lunge zumindest halbwegs Klarheit. Ein Stück Gewebe wurde entnommen, um es zu untersuchen.

Danach war klar: Es handelt sich um eine Lungenfibrose. „Es gibt keinen speziellen Namen für die Krankheit. Mal hieß es so, mal hieß es so. Einfach gesagt: Es ist eine Lungenfibrose.“, erklärt der Hannoveraner. Dabei arbeitet das eigene Immunsystem gegen die Lunge, wodurch viele der Lungenbläschen zerstört werden. Dadurch vernarbt die Lunge und der Körper wird mit immer weniger Sauerstoff versorgt.

Keine Chance auf Heilung

Cortison, Immunsuppressiva und Sauerstoff sind das Einzige, was David jetzt helfen. Die Schäden an der Lunge sind irreversibel. „Alles, was vernarbt ist, bekommst du auch nicht wieder.“ Nur noch 30 Prozent der Lunge funktionieren: „Das ist kurz vor knapp vor einer Lungentransplantation“, wie der Familienvater erklärt. Auf der Liste für so eine Transplantation steht David jedoch noch nicht – freiwillig. Er will versuchen, eine Lungentransplantation so lange wie möglich rauszuzögern. Und das, obwohl jeder ihm sagt, dass man sich mit einer neuen Lunge wie ein neuer Mensch fühle.

Der Grund dafür ist vielen Menschen nicht klar. „Eine transplantierte Lunge hält im Schnitt sechs oder sieben Jahre. Wenn du Glück hast und jung genug bist, bekommst du noch eine zweite.“ Eine dritte Lunge gäbe es jedoch nicht mehr. Außerdem könne eine neue Lunge auch nach zwei Monaten abgestoßen werden, ergänzt David. Eine neue Lunge ist die Chance auf ein unbeschwertes Leben: „Man kann alles wieder machen. Nur weiß man eben nicht, wie alt man noch wird.“

Eine Sauerstoff-Tonne als täglicher Begleiter

Also hat sich David entschieden. Er nimmt die Einschränkungen hin, die durch seine Krankheit kommen. Denn wenn er regelmäßig seine Tabletten nimmt und unter Belastung Sauerstoff parat hat, ist alles in Ordnung. „Ich weiß, dass ich mit dem Ding noch 20 Jahre lang leben kann. Ich bin zwar ziemlich langsam, aber ich überlebe halt.“ Mit dem Ding meint er seine riesige Sauerstoff-Tonne, groß wie eine Mülltonne.

Alle zwei Wochen kommt ein Mann mit einer elektrischen Sackkarre und tauscht das Monstrum aus. Denn David benötigt viel Sauerstoff. Immer unter Belastung. Und Belastung beginnt schon beim einfachen Gehen. „Wenn ich allein nur umhergehe, sinkt mein Sauerstoffwert so sehr ab, dass es für Herz, Hirn und für jegliche andere Organe gefährlich wird.“

Die Riesen-Tonne kann er kaum bewegen, deswegen hat er noch ein kleines Gerät, das er in einem Rucksack auf seinem Rücken tragen kann, von dem Schläuche den Sauerstoff direkt in seine Nase führen. „Grundsätzlich kann ich mit dem Sauerstoff den Alltag bewältigen. Auch Einkaufen gehen.“ Theoretisch. Denn zu Corona-Zeiten sieht das anders aus.

Eine Infektion mit dem Coronavirus wäre dramatisch

Einkaufen kann David selbst jetzt nicht mehr. Allerdings wird es zum kleinen Familienausflug. David fährt seine Frau hin und während sie die Einkäufe erledigt, gehen Vater und Sohn gemeinsam spazieren. „Beim Einkaufen bin ich komplett raus. Auch Apotheke oder so. Jegliche Dinge, bei denen man mit Leuten in Kontakt kommen könnte, lassen wir jetzt halt.“

„Ich hätte anfangs nie gedacht, dass es eine Pandemie wird. Vor allem, dass es sich so schnell, so weit ausbreitet. Bis dann auch die ersten Todesfälle in Deutschland kamen. Als die Schulen geschlossen wurden, da wurde mir das so wirklich bewusst. Das ist jetzt kein Spaß mehr, jetzt wird es ernst. Und besonders für mich.“

Kontakte soll man aktuell ohnehin einschränken, aber direkten Kontakt hat David nur noch zu seiner Frau und seinen Kindern. Denn durch Covid-19 kann genau so eine Lungenfibrose ausgelöst werden, wie sie der 36-Jährige nun schon seit Jahren hat. „Mit meiner angeschlagenen Lunge, da ‚ne Lungenentzündung obendrauf – das wäre natürlich extrem gefährlich.“

Auch der Sohn ist Risikopatient

Um eine Infektion zu vermeiden, hat sich David quasi in Selbst-Quarantäne begeben. Den Großteil seines Alltags verbringt er in den eigenen vier Wänden. Um sich etwas zu bewegen, was ihm auch die Ärzte geraten haben, stehen etwa drei bis vier Mal pro Woche kurze Spaziergänge an. Aber sich wegen einer potentiellen Ansteckungsgefahr kirre zu machen, das kommt nicht infrage: „Ich bin jetzt auch nicht so verrückt, dass ich die Straßenseite wechsle, wenn ein Mensch kommt. Da reichen mir diese ein bis zwei Meter Abstand und dann ist gut.“

Sein Sohn, nennen wir ihn mal Felix, ist da schon um einiges vorsichtiger. Wenn die beiden auf ihren gemeinsamen Spaziergängen sind und andere Menschen in Sichtweite kommen, sagt er seinem Vater „Ach Papa, da vorne kommen welche, geh mal weg, geh mal in die Ecke“, damit der Abstand eingehalten ist. „Da denkt er mehr an mich als an sich“, sagt der Familienvater auch ein wenig stolz. Dabei wird auch Felix als Risikopatient eingestuft. Er ist Diabetiker.

Mit dem Kind in Quarantäne

Auch für Felix gilt das selbst auferlegte Kontaktverbot. Freunde trifft er nicht. Aber warum das nicht geht, verstehe der 7-Jährige sehr gut. „Felix ist unser kleiner Schlaufuchs. Der versteht das sehr gut – auch inwiefern ich Probleme kriegen könnte.“, erzählt der Familienvater. Auch in der Schule habe man das Coronavirus sehr gut und anschaulich erklärt. Auch die Hygienemaßnahmen: „Felix singt jetzt immer zwei- oder dreimal ‚Happy Birthday‘ beim Händewaschen, weil das genau die empfohlene Länge von 30 Sekunden hat.“

Der Osterbesuch bei Eltern und Großeltern auf Rügen musste in diesem Jahr ausgefallen. Aber auch dafür hat Felix Verständnis. Gemeinsam schaut die Familie die Ansprachen von Angela Merkel im Fernsehen und spricht anschließend darüber, was es für die Welt, Deutschland und auch die vierköpfige Familie bedeutet.

Auch der Kontakt zwischen den Familienmitgliedern ist eingeschränkt. David selbst sieht es sogar noch um einiges lockerer als seine Frau. „Wenn ich ihr sage, dass sie mir mal einen Kuss geben soll, dann sagt sie ‚Nee, ist nicht‘. Sie hat zu viel Angst, dass sie sich rein zufällig irgendwo ansteckt und mich dann wiederum infiziert.“ Denn Davids Frau ist die einzige Person, die rausgeht und sich anstecken könnte. Dadurch schwebt auch immer die Angst mit, ihre Liebsten eventuell doch anzustecken.

RND

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