Wenn es um die Erziehung geht, entstehen schnell hitzige Diskussionen. Konzepte gibt es viele. Aber welches ist sinnvoll und wie werden aus Kindern schließlich glückliche Erwachsene?

Lünen

, 27.11.2018, 11:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Das Kind ist da - und nun müssen Mütter und Väter entscheiden, wie sie ihren Neuzugang erziehen wollen. Eine große Herausforderung, denn die Erziehung beinhaltet nicht nur das Aufstellen von Regeln, sondern soll einen Menschen zu einem sozialen, selbstständigen und glücklichen Menschen machen. Diese Mammutaufgabe kann einen schon ins Grübeln bringen. Wie schafft man es, einen handlungsfähigen Menschen großzuziehen?

Autoritär, antiautoritär oder demokratisch - das ist hier die Frage. Das sind die drei großen Erziehungsstile. Während bei autoritären Eltern strenge Regeln herrschen und auf das Kind übermäßige Kontrolle ausgeübt wird, gibt es beim antiautoritären Erziehungsstil so gut wie keine Grenzen: Das Kind soll sich frei entfalten. Beides sind Extreme. Die goldene Mitte wäre hier der demokratische Stil. Bei der demokratischen Erziehung werden - wie bei der autoritären Erziehung - Regeln aufgestellt, doch werden sie erklärt, sodass das Kind sie versteht. Der junge Mensch wird - ein Element der antiautoritären Erziehung - mehr in Entscheidungen einbezogen und partnerschaftlich behandelt.

Neben dieser groben Einteilung der Erziehungsmethoden lassen sich online noch viele weitere finden. Dazu kommen weitere pädagogische Konzepte. Neben altbekannten wie Montessori oder Waldorf gibt es immer wieder neue, die eine Erleuchtung der Pädagogik sein sollen.

Erziehung im Internet

Wie schafft man es also, den richtigen Erziehungsstil oder das richtige Konzept für sich und sein Kind zu finden? Für viele ist die Informationsfülle im Internet und in Büchern zu viel und sie fühlen sich überfordert, für andere ist es genau der richtige Weg, um sich mit dem Thema Erziehung auseinanderzusetzen.

Die Lünerin Janina Julius (36) ist Mutter von Lene (17 Monate) und Mila (3). Als gelernte Kinderkrankenschwester beherrschte sie also schon die Basics - die „technischen“ Grundlagen. Kinder wickeln, füttern und hochheben war für sie eine Selbstverständlichkeit. Schon in ihrer ersten Schwangerschaft hatte sie in Gefühl, wie sie ihre Kinder erziehen möchte. Dennoch hat sie währenddessen und auch danach sehr viel gelesen.

Bücher und besonders viele Blogs über Kinder und Erziehung haben sie darin bestärkt, ihren Wunsch-Weg weiter zu verfolgen. So ist sie auch über den Begriff „Attachment Parenting“ - „Bedürfnisorientierte Erziehung“ - gestolpert. „Als ich dann ein bisschen tiefer in die Materie eingetaucht bin, habe ich schon gemerkt, dass es die Art ist, wie wir unsere Kinder erziehen wollen.“

Auch die Entscheidung im Geburtshaus ganz natürlich zu entbinden, hat sie mehr in Richtung bedürfnisorientierte Erziehung gebracht. „Hier kam ich auch in den Kontakt mit Hebammen, die viel mit Bindungsorientierung zu tun haben. So habe ich mich immer mehr mit dem Thema beschäftigt.“ Aber sie ist keine strenge Anhängerin des Attachment-Parenting-Prinzips, alle Punkte möchte sie nicht umsetzen. „Aber das Grundprinzip gefällt mir gut.“

Autoritär, antiautoritär, demokratisch? Wie Janina (36) den richtigen Erziehungsstil fand

Janina Julius (36) mit Tochter Lene. © Victoria Maiwald

Der amerikanischen Professor für Kinderheilkunde und Kinderarzt Dr. William Sears hat den Begriff „Attachment Parenting“ in den 1990er-Jahren eingeführt. Das wichtigste Element des Konzeptes ist die positive Bindung zwischen Kind und Eltern. Das soll die Grundlage eines gesunden und emotional sicheren Individuums darstellen. Um das zu erreichen, stehen die Bedürfnisse (auch die der Eltern) und deren Erfüllung im Mittelpunkt. Zusätzlich hat Dr. Sears die “7 Baby-Bs“ formuliert:

  • Birth Bonding: Der sofortige Körper- und Augenkontakt zwischen Mutter und Kind nach der Geburt.
  • Breastfeeding: Bedarfsorientiertes Stillen.
  • Babywearing: Möglichst häufiges Tragen.
  • Bedsharing: Gemeinsames Schlafen im Familienbett
  • Belief in Babys cries: Geschrei als Ausdruck von Bedürfnissen ernstnehmen.
  • Beware of Babytrainers: Ablehnung von Schlaftrainingprogrammen.
  • Balance and Boundaries: Wahrung der Balance aller Familienbedürfnisse und die Beachtung von Grenzen.

Auch Janina versucht immer, die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Auge zu behalten. „Das geht bestimmt nicht immer und besonders in der ersten Zeit habe ich meine eigenen Bedürfnisse aus den Augen verloren, aber das war für mich nie schlimm. Gerade in der Baby-Zeit war mir klar, was die Kinder brauchen und was ich ihnen geben kann, da hat es mir überhaupt nichts ausgemacht, mich zurückzunehmen.“

„Eigenes Verhalten in Frage stellen“

Mit dem Kleinkindalter der Töchter Lene und Mila kam es dann öfter mal zu Erziehungssituationen, wo sich die zweifache Mutter fragte, wie man am besten damit umgehen solle. „Seitdem stelle ich auch mein eigenes Verhalten in Frage und gucke, wie man manche Sachen lösen kann und wo die Probleme eigentlich herkommen.“

Die Denkweise der älteren Generation ist da noch etwas anders: Wenn ein Kind schreit und Wutanfälle hat, wurde Gehorsam verlangt, es wurde nicht hinterfragt, warum es denn nun schreit. „Manchmal habe ich das auch noch so im Kopf, doch ich versuche, das zu hinterfragen. Aber ich bin auch oft ungeduldig, man kann nicht immer alles richtig machen.“ Janina beschäftigt sich viel mit dem Thema Erziehung und Kindern und sucht auch in Büchern nach Antworten auf Wut- und Trotzphasen.

Die Trotzphase bei Zwei- bis Drei-Jährigen ist normal, und viele Eltern müssen mit den Wutanfällen ihrer Kleinen umgehen. Ursache der extremen Gefühle sind oft Grenzen, an die die Kinder immer wieder stoßen. Sie wollen viel alleine machen, sind aber noch nicht in der Lage dazu - das frustriert. „Außerdem können Kinder noch nicht mit der Wut umgehen, das müssen sie erst noch lernen.“ Wenn die Älteste dann mal in einer solchen Situation ist, lassen die Eltern sie erst mal eine Weile in Ruhe, anschließend sei es wichtig ihr glaubhaft zu vermitteln, dass sie ihre Gefühle und ihre Frustration nachvollziehen können. „Ich muss ihr wirklich ernsthaft zeigen, dass ich mitfühle und es verstehe. Dennoch muss ich konsequent bleiben, wenn es beispielsweise darum geht, dass sie jetzt keine Schokolade essen darf. Dann ist es meistens auch wieder gut und sie kommt auf mich zu und nimmt mich in den Arm.“

Liebevoll konsequent

Zwar gibt es keine allgemeingültige Formel, um Kinder zu erziehen, aber grundsätzliche Tipps gibt es. „Möglichst ruhig bleiben und Konsequenz zeigen. Das was ich sage, muss auch folgen. Natürlich nicht knallharte Konsequenz, sondern konsequent liebevoll“, erklärt die Diplom-Psychologin Martina Rupprecht (54). Sie ist selbst Mutter von zwei Kindern und arbeitet seit 2012 in der Erziehungsberatung der Caritas in Lünen.

Autoritär, antiautoritär, demokratisch? Wie Janina (36) den richtigen Erziehungsstil fand

Martina Rupprecht (54) berät Eltern beim Thema Erziehung. © Victoria Maiwald

Ein wichtiger Aspekt der Erziehung sei es auch, nicht auf jedes negative Verhalten des Kindes zu reagieren. Denn das sei oft das Ziel der Kinder, sie wollen eine Reaktion der Erwachsenen und Aufmerksamkeit bekommen. Solange das Kind sich nicht selbst gefährdet, könne man auch mal Geschrei, um den eigenen Willen durchzusetzen, ignorieren. Wichtig sei es, dem Kind Aufmerksamkeit für positives Verhalten zu geben und es zu loben.

Aber klassische Erziehungsstile wie autoritär, antiautoritär oder demokratisch spielen heute kaum noch eine Rolle. „Nur ganz selten sagen Leute, sie würden ihre Kinder nach dem und dem Stil erziehen. Zum Beispiel ist die komplett antiautoritäre Erziehung, die Ende der 1960er-Jahre sehr populär war, quasi verschwunden. Vermutlich aus gutem Grund, es hat sich gezeigt, dass Kinder nicht immer auf Augenhöhe mit den Erwachsenen sein wollen. Kinder möchten Kinder sein und einen Weg gezeigt bekommen. Sie brauchen Regeln und Grenzen, sonst schreien sie danach und das sehr vehement.“

Wutanfälle durchstehen

Negatives Verhalten ihrer Kinder nicht zu beachten, wie es die Psychologin Rupprecht beschreibt, kommt für Janina Julius nur in Ausnahmen in Frage. Muss mal ein akuter Wutanfall durchgestanden werden, lässt sie ihr Kind zwar erst mal in Ruhe, aber ist trotzdem da und kümmert sich.

Wenn es darum geht, dass die Kleinen gerne ihre Finger in die Steckdose stecken wollen, bleibt Janina ruhig. Sie schnappt sich das jeweilige Kind, sagt ganz ruhig „Nein, das darfst du nicht“ und setzt es woanders ab. Sie versucht die Situation ruhig und unaufgeregt zu gestalten, sodass die Kinder mit der Zeit selbst das Interesse daran verlieren. „Man sollte nicht so viel Trara um manche Sachen machen, denn das finden die Kleinen dann immer besonders lustig.“

Janina legt Wert darauf, liebevolle Grenzen zu setzen. Lene darf auf dem Sofa rumlaufen, wird aber liebevoll ermahnt, vorsichtig zu sein. Ihr Ziel der Erziehung ist es, alle Bedürfnisse - die der Kinder, aber auch die der Erwachsenen - im Auge zu behalten und miteinander zu vereinbaren, damit alle zufrieden leben können. „Die Kinder sollen eine eigene Persönlichkeit entwickeln können und dabei relativ frei sein. Es ist aber auch wichtig, sich selbst als Paar nicht zu verlieren.“

Janina versucht Beziehung statt Erziehung zu leben, sie findet, man müsse den Kindern immer ein gutes Beispiel sein, „so gehen manche Sachen auch schon von alleine“. Außerdem ist es ihr wichtig, zu verstehen, in welchen Phasen die Kinder gerade sind und entsprechend nicht zu hohe Ansprüche an sie zu stellen. „Man sollte von seinen Kindern nicht zu viel erwarten.“

Kommunikation an das Alter anpassen

Das bestätigt auch die Psychologin Rupprecht, man könne beispielsweise mit einem Dreijährigen nicht sprechen wie mit einem Zwölfjährigen. Die Kommunikation sollte an das Alter der Kinder angepasst sein. Bei kleinen Kindern reichen klare Ansagen aus, Diskussionen oder weitgefasste Erklärungen können viele Kinder noch gar nicht verstehen - das würde sie nur überfordern.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es den perfekten Erziehungsstil nicht gibt und auch keine Betriebsanleitung für Kinder. Meistens ist die gesunde Mischung in der Erziehung genau richtig. „Erziehung die nur verkopft geschieht oder nur aus dem Bauch heraus, funktioniert meistens nicht. Erziehung sollte aus beiden Seiten bestehen - aus dem Bauchgefühl, aber auch mit dem Kopf und Selbstreflexion.“

Grundlegendes was Kinder brauchen, sind Regeln und Grenzen, Wertevermittlung einer Gesellschaft, Zuwendung und natürlich Nahrung und ein Dach über dem Kopf. Wenn dann die Erziehenden an einem Strang ziehen, ist schon vieles gewonnen.

Erziehungsberatung:

Wenn man mit der Erziehung nicht weiterkommt

  • Die Caritas bietet eine kostenlose Beratung für Eltern, Jugendliche und Kinder an.
  • Die Berater haben alle verschieden Hintergründe und bieten verschiedene Beratungen an. So wird zum Beispiel ein systemischer oder ein therapeutischer Ansatz verfolgt.
  • Ein Erstgespräch findet spätestens 14 Tage nach der Anfrage statt.
  • Themen können sein: Erziehungsfragen, Trennung, Schwierigkeiten im Zusammenleben, Verhaltensauffälligkeiten, Mobbing.
  • Auch Jugendliche oder junge Erwachsene können sich an die Beratung wenden.
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