Weitere Neuinfektionen: Virologen befürchten zweite Infektionswelle

Coronavirus

Die Zahl der bestätigten Corona-Infektionen in Deutschland steigt im Tagesvergleich weiter an. Virologen befürchten, dass die Epidemie wegen der Lockerungen wieder unkontrollierbarer geworden ist.

Berlin

23.04.2020, 18:01 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die gemeldeten Infektionszahlen können die aktuelle Lage nicht abbilden - sondern hinken immer rund zehn Tage hinterher. Hat Deutschland das Virus noch im Griff?

Die gemeldeten Infektionszahlen können die aktuelle Lage nicht abbilden - sondern hinken immer rund zehn Tage hinterher. Hat Deutschland das Virus noch im Griff? © picture alliance/dpa

Die Zahl der pro Tag gemeldeten Corona-Neuinfektionen ist in Deutschland wieder angestiegen. Das zeigen die aktuellen Meldezahlen der Johns Hopkins University (JHU). So wurden in den letzten 24 Stunden 2357 neue Fälle vermerkt. Zum Vergleich: Am Vortag waren es laut JHU noch 1226 neu gemeldete Fälle. Mehr Neuinfektionen gab es zuletzt am 19. April - mit rund 3700 gemeldeten Corona-Infektionen.

Insgesamt gibt es den Universitäts-Daten zufolge inzwischen mehr als 150.720 registrierte Infektionen in Deutschland. 5315 Menschen mit dem Erreger Sars-CoV-2 sind gestorben. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts sind inzwischen 103.300 Menschen genesen. (23. April, 13.30 Uhr)

Reproduktionszahl im Visier

Wie aussagekräftig die Zahlen für die Einschätzung der Epidemie-Lage in Deutschland sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Einige der Länder melden ihre Zahlen jeweils nicht immer zur gleichen Uhrzeit. Und Experten rechnen auch hierzulande mit einer hohen Dunkelziffer nicht erfasster Fälle.

Mit dem Datenstand vom 22. April schätzt das RKI die Reproduktionszahl auf 0,9. Das bedeutet, dass im Mittel fast jeder mit Sars-CoV-2 Infizierte einen weiteren Menschen ansteckt.

Kommt eine zweite Corona-Infektionswelle?

Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum warnte in einem „Spiegel“-Interview vor einer drohenden zweiten Infektionswelle wegen verfrühter Lockerungen. „Ein großer Teil der Bevölkerung hat das Ausmaß der Situation noch nicht realisiert“, sagte Brinkmann dem „Spiegel“. „Jetzt sehen die Menschen, dass einige Maßnahmen gelockert werden, und das vermittelt ihnen den Eindruck, dass der Lockdown jetzt nach und nach aufgehoben wird und sie schon bald zum Alltag zurückkehren können.“

Die Zahlen zeigten jedoch immer nur ein zeitverzögertes Bild der Epidemie. Denn neben dem Meldeverzug verstreicht auch Zeit wegen der Inkubationszeit, also bis ein Infizierter einen Arzt aufsucht. Dann folgt das Warten auf ein Testergebnis und das Weitergeben an die Behörden. „Wir bemerken also viel zu spät, wenn die Neuinfektionen wieder steigen“, sagt Brinkmann. „Dann könnte ein exponentielles Wachstum schon wieder in Gang sein.“

Virologe Drosten: Vorsprung nicht verspielen

Aktuell sei Deutschland in einem sehr fragilen Bereich, warnt auch der Charité-Virologe Christian Drosten mit Blick auf die Lockerungen. Er sehe die Gefahr, dass Deutschland bisherige Erfolge bei der Corona-Eindämmung verspielt und die Situation entgleitet. Er bedauere es derzeit „so sehr zu sehen, dass wir gerade dabei sind, vielleicht diesen Vorsprung hier komplett zu verspielen“, sagte der Leiter der Virologie der Charité am Mittwoch im NDR-Podcast.

RND

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