Grün statt grau auf den Dächern des Ruhrgebiets

dzDachbegrünung sorgt für besseres Klima

Fast jedes zweite Dach im Ruhrgebiet könnte begrünt werden. So steht es im Regionalen Gründachkataster für die Metropole Ruhr. Doch nicht nur das Klima würde von Moosen, Gräsern und Sträuchern auf den Dächern profitieren - auch Hausbesitzer und ihre Portemonnaies.

NRW

, 19.04.2018, 11:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zusammen könnten diese Dachgärten über 25.000 Tonnen CO2 und Staub binden. Auch für Hausbesitzer könnte sich die Investition langfristig rechnen. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was bringt ein begrüntes Dach?

Beim Wort Klima denken die meisten an das globale Klima. An das Klima im eigenen Viertel denken die wenigsten. Hier hat ein begrüntes Dach die größte Wirkung: In überhitzten Innenstädten senken sie die Temperatur, sie binden Staub und CO2, sie bilden auch Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Da viel Niederschlagswasser gespeichert wird, helfen Dachgärten auch beim Schutz vor Hochwasser.

Pro Quadratmeter kann eine Begrünung zwischen 25 und 50 Litern Regenwasser speichern, sagt Astrid Snowdon-Mahnke, Teamleiterin Klimaschutz beim RVR: „Dieses Wasser kühlt die Stadt durch Verdunstung und fließt nicht in die Kanalisation.“

Andrea Kolb vom Ausbildungszentrum für Garten- und Landschaftsbau erklärt, wie die Dachbegrünung funktioniert:

Was hat der Hausbesitzer davon?

Die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht, zwischen Sommer und Winter sind auf den Dächern immens: Die Begrünung federt das deutlich ab. Dadurch wird die Dachabdichtung vor Witterungseinflüssen geschützt, was die Lebensdauer erhöht.

Die Begrünung wirkt als Dämmung vor Kälte im Winter und vor Hitze im Sommer. „Auf Flachdächern werden Bitumenbahnen im Sommer bis zu 80 Grad heiß. Die Begrünung federt das deutlich ab“, sagt Wolfgang Ansel, Geschäftsführer des Deutschen Dachgärtnerverbandes.

Kann man mit einem begrünten Dach auch Geld sparen?

Auf lange Sicht schon, rechnet die Emschergenossenschaft vor. Auf einem Zeitraum von 40 Jahren können Hausbesitzer mit einem begrünten Dach rund 14 Prozent sparen im Vergleich zu einem herkömmlichen Kiesdach. In diesem Beispiel geht es um eine hundert Quadratmeter große Dachfläche.

Die Begrünung kostet beim Umbau zwar dreimal so viel wie der Kies – 3000 Euro statt 1000 Euro. Da das Kiesdach mit Belag und Abdichtung aber schon nach 20 Jahren erneuert werden muss, wird das grüne Dach am Ende günstiger, trotz teurerem Unterhalt.

Wichtig sind dabei die eingesparten Niederschlagswassergebühren, deren Höhe von Stadt zu Stadt stark variiert. In dem konkreten Beispiel kostete das begrünte Dach in 40 Jahren 8050 Euro, 1345 Euro weniger als das Kiesdach.

Ist mein Dach überhaupt für eine Begrünung geeignet?

Das neue Gründachkataster des Regionalverbands Ruhr (RVR) gibt konkret für jedes Gebäude in Dortmund wie im ganzen Ruhrgebiet eine Einschätzung. Jedes Dach, ob Anbau, Garage oder Wohnhaus, wird analysiert, ob es geeignet, gut geeignet, bedingt geeignet oder gar nicht geeignet ist.

Hier fließen Dachschräge, Sonneneinstrahlung oder Bebauungen wie Gauben oder Fenster in die Berechnung ein. Mit einem Klick errechnet das Portal, wie viele Quadratmeter das Dach hat und welche Kosten ungefähr für eine Begrünung anfallen würden.

Gleichzeitig wird ausgewertet, wie viel Regenmenge zurückhalten würde, welche Dämmwirkung und CO2-Einsparung möglich wären (siehe das Eingangsbeispiel des Dortmunder U-Turms).

Wie sollten interessierte Hausbesitzer vorgehen?

Die wichtigste Frage ist: Was kann das Dach tragen. Die Statik sollte auf jeden Fall ein Experte untersuchen, bevor ein Dachgärtner beauftragt wird.

Wenn die eigenen Vorstellungen über die Nutzung und die Statik übereinstimmen, kann geplant werden: Von der Traglast hängt die Dicke der Substratschicht ab, von der wiederum hängt die Bepflanzung ab.

Von sechs Zentimetern Aufbaudicke für die einfache Extensivbegrünung bis zur 40 Zentimeter und mehr für einen richtigen Garten.

Grün statt grau auf den Dächern des Ruhrgebiets

Der Penny-Markt, der 2010 fertiggestellt wurde, ist eines der wenigen Gebäude in Werne mit grünem Dach. © Trinkwald

Wie kann so ein Dachgarten überhaupt aussehen?

Wenn die Statik mitspielt, kann der Dachgarten aussehen wie ein richtiger Garten hinter dem Haus – mit Bäumen, Beeten und Gartenmöbeln. Hier kann relaxt, gegärtnert und gespielt werden.

Diese Intensivbegrünung ist das Maximum, auch bei den Kosten, schließlich müssen zusätzlich Absturzsicherungen angebracht werden. Die Kosten für die Einrichtung sind genauso hoch wie ein normaler Garten. Haupthindernis ist hier die Statik: Die Experten vom Dachgärtnerverband rechnen mit 500 bis 1000 Kilogramm Zusatzgewicht pro Quadratmeter.

Einfacher, leichter und kostengünstiger ist eine einfache Begrünung, extensive Begrünung genannt. Diese Art Garten ist nur was fürs Auge und nicht zum Aufenthalt. Hier wachsen Bodendecker, Gräser und Moose. Der Pflegeaufwand ist gering und auch die Kosten: 30 bis 50 Euro pro Quadratmeter sollte man einplanen, so der Dachgärtnerverband.

Welche Pflanzen und Belege kommen in Frage?

Die Bepflanzung hängt von der Dicke der Substratoberfläche ab. Häufig wird ein mineralischer Ziegelbruch verwendet, was das Pflanzenwachstum hemmt, erklärt Wolfgang Ansel vom Dachgärtnerverband: „Man will ja nicht, dass es zu üppig wächst, damit man es nicht pflegen muss.“

Auch Tiere profitieren von der Dachbegrünung. Hier zum Beispiel eine Entenfamilie in Dresden:

Wie aufwändig ist die Pflege?

Wer auf eine Extensivbegrünung setzt, muss nicht viel Arbeit fürchten. Wer Pflanzen anlegt, die für die Trockenphase geeignet sind, muss eigentlich nur in der Anwachsphase wässern. Ansonsten sollte man ein bis zwei Mal im Jahr zur Pflege aufs Dach.

Je größer der Anspruch, desto größer auch der Aufwand. Ein intensivbegrünter Garten mit Rasen oder Bäumen und Beeten macht Arbeit: Wer Garten sät, wird Gartenarbeit ernten.

Gibt es Fördergeld?

Ein einheitliches Förderungsprogramm des Landes gibt es nicht – und ist vom Bauministeriums auch nicht geplant. In den meisten Städten profitieren Hausbesitzer nur indirekt von der Reduzierung der Abwassergebühren. Nur wenige Städte fördern die Begrünung direkt.

In Dortmund kann die Begrünung von Dächern in Stadterneuerungsgebieten aus Städtebaufördermitteln bezuschusst werden. In diesen Gebieten wird die Begrünung von Dächern mit 30 Euro pro Quadratmeter gestalteter Fläche, höchstens jedoch 50 Prozent der förderfähigen Kosten, gefördert.

In Dorsten gibt es durch die Städtebauförderung zumindest in bestimmten Teilen der Stadt die Möglichkeit einer Förderung über das Hof- und Fassadenprogramm.

Wer die Begrünung mit einer Photovoltaikanlage kombinieren kann – die Pflanzen und die Wasserverdunstung kühlen die Anlage auf natürlichem Wege herunter – der kann Fördertöpfe im Zusammenhang mit der energetischen Sanierung nutzen.

Grün statt grau auf den Dächern des Ruhrgebiets

Die Mensa am Schulzentrum an der Holtwicker Straße gehört zu den Halterner Gebäuden, deren Dach begrünt ist. © Bludau

Wie ist die Rechtslage?

Nur wenige Städte machen Dachbegrünungen zur Pflicht. Neben Essen ist Dortmund Vorreiter. Der Rat hat im vergangenen November beschlossen, bei Neubauten mit Flachdach oder nur wenig Neigung Dachbegrünungen zur Pflicht zu machen – was bei vielen neuen Bebauungsplänen schon längst vorgeschrieben ist.

Neue Baugebiete, in denen die Pflicht zur Dachbegrünung bei Flachdächern künftig gilt, sind zum Beispiel das geplante Kronprinzen-Viertel auf dem Gelände des früheren Südbahnhofs, die Baugebiete an der Skellstraße oder auf dem Betriebsgelände der Stadtwerke (DSW21).

Und wie sieht es mit bestehenden, noch unbegrünten Dächern aus?

Auch bestehende Dächer müssten bei Umbauten begrünt werden, wenn das Gebäude in einer innerstädtischen „Hitzeinsel“, einem Stadtumbau- oder Sanierungsgebiet steht.

„Hitzeinseln“ sind dicht bebaute Quartiere, in denen sich die Wärme staut. Dazu gehören neben weiten Teilen der Innenstadt auch die Ortskerne der Stadtteile. Durch Ergänzung der Bebauungspläne wird in solchen Wohn- und Gewerbegebieten die Dachbegrünung nachträglich zur Pflicht gemacht.

Was sind neben der Verbesserung des Kleinklimas und einer Einsparung bei den Abwassergebühren weitere Vorteile einer Dachbegrünung?

Sonst vorgeschriebene Ausgleichsmaßnahmen an anderer Stelle für Eingriffe in Grünbereiche könnten mit Verweis auf grüne Dächer reduziert werden.

Grün statt grau auf den Dächern des Ruhrgebiets

Vor allem aus der Vogelperspektive stechen sie ins Auge: grüne Dächer. In Dorsten sind einige öffentliche Gebäude so ausgestattet, zum Beispiel die Raoul-Wallenberg-Schule. © Blossey

Was planen die Städte selbst?

Die Stadt Dortmund hat auf ihren Gebäuden die meisten großen Flachdächer, etwa auf Sporthallen, Schulen und Verwaltungsbauten. Auch sie unterliegt ihren eigenen Beschlüssen.

Ohnehin wurden zum Beispiel die Flachdächer von neuen Kindertagesstätten bepflanzt. An bestehenden Gebäuden haben auch das Rathaus und das Stadthaus ein Flachdach.

In Castrop-Rauxel gibt es seit vielen Jahren einen politischen Beschluss, der besagt, dass bei jeder Neubausiedlung auf eine möglichst optimale Ausrichtung der Gebäude zur Sonne hin zu achten ist. Notburga Henke, Sprecherin der BUND-Ortsgruppe Ost-Vest, sagt: „Ein nacktes Flachdach ist langweilig und tot. Lassen wir auf diesen Flächen doch lieber ein kleines Biotop wachsen.“

Die Stadt Selm setzt beim Zwischentrakt der Verwaltung in Bork, einer kleinen Fläche des Kindergartens Mittendrin und einer Fläche des Anbaus der Overbergschule auf eine Begrünung.