Immer mehr Tierkliniken geben ihren Status zurück, weil sie sich keine 24-stündige Verfügbarkeit leisten können. So auch die Tierklinik Lüdinghausen. Was bedeutet das für Tierbesitzer?

Nordkirchen, Olfen, Selm

, 23.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Bisher musste Michaela aus Selm noch nie den Notdienst in Anspruch nehmen, wenn sie für ihren Neufundländer Hilfe beim Tierarzt benötigte. „Nur wenn’s mal dazu käme wäre es schon schade wenn man nicht weiß wo man hin kann“, schreibt sie bei Facebook.

Für viele Selmer, Olfener und Nordkirchener war bislang die Tierklinik in Lüdinghausen eine beliebte Anlaufstelle, wenn es medizinische Notfälle bei ihren Haustieren gab. Denn wer sich Tierklinik nennt, der muss 24 Stunden lang für seine Kunden und die tierischen Patienten da sein. Die Zulassung dafür erhält eine Praxis bei der zuständigen Landestierärztekammer. Dafür muss die künftige Klinik einen bestimmten Personalschlüssel erfüllen, sie muss eine bestimmte Ausstattung vorweisen können, aber vor allen Dingen muss die Tierärztliche Klinik „ständig dienstbereit und besetzt sein“, wie es in der Berufsordnung der Tierärztekammer Westfalen-Lippe heißt. Das bedeutet: Ständige Bereitschaft. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.

Angst vor dem Minusgeschäft

Viele Kliniken können oder wollen sich das nicht mehr leisten und geben daher ihren Status zurück. So auch die ehemalige Tierklinik in Greven, die diesen Schritt im August 2018 gegangen ist, und jüngst auch die Tierklinik in Lüdinghausen, die seit dem 1.1.2019 offiziell „Gesundheitszentrum für Kleintiere Lüdinghausen“ heißt. Mit diesem Wechsel bieten die Ärzte keine 24 Stunden Erreichbarkeit mehr an. Stattdessen stehen die Tierärzte der Lüdinghauser Einrichtung für Notfälle außerhalb der Sprechzeiten täglich bis 22 Uhr zur Verfügung.

Einen 24-Stunden-Notdienst anzubieten, sei eine kostspielige Angelegenheit, sagt Dr. Peter Hartmann, Leiter der ehemaligen Kleintierklinik in Lüdinghausen. Inhaber einer Tierklinik müssten aufpassen, kein Minusgeschäft zu machen. „Viele Tierkliniken zahlen für den Notdienst drauf“, führt Dr. Peter Hartmann aus. Wer jetzt von Nordkirchen oder Olfen aus die Dienste einer Tierpraxis in Anspruch nehmen will, muss nach Ahlen oder Recklinghausen fahren.

TIERKLINIKEN MIT 24-STUNDEN-NOTDIENST Diese Kliniken sind rund um die Uhr für Kleintiere geöffnet: Tierärztliche Klinik Ahlen, Bunsenstraße 20, Ahlen. Telefon: 02382/766700
Tierklinik Menzel, Am Stadion 113, 45659 Recklinghausen, Tel. 02361/9045980 Tierklinik Hochmoor, Von-Braun-Straße 10, 48712 Gescher, Tel. 02863/20990 Tierklinik am Kaiserberg, Wintgensstraße 83, 47058 Duisburg, Tel. 0203/ 305370 ! Nur für Pferde sind die Experten des Tierärztlichen Kompetenzzentrums Karthaus, Weddern 16 c, 48249 Dülmen, unter Tel. 02594/91200 erreichbar. Eine telefonische Voranmeldung ist in allen Kliniken erforderlich.

Nicht kostendeckend

Der „Tierarztmangel auf dem Land spitzt sich zu“, warnt auch der Bundesverband Praktizierender Tierärzte e.V. (bpt) in einer Mitteilung aus dem Januar: „Tierbesitzer müssen in manchen Regionen für einen Praxisbesuch zunehmend weite Wege in Kauf nehmen“, so der Bundesverband. Die schwierige Situation werde dadurch, dass Kliniken ihre Zulassung zurückgeben noch verschärft. Die aktuelle Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) biete nicht genügend Spielraum, um einen Notdienst unter Einhaltung gesetzlicher Arbeitszeiten kostendeckend anbieten zu können. Ein Notdienst „ist außerhalb von Ballungszentren fast immer ein Verlustgeschäft, das die Klinikinhaber dann aus anderen Bereichen querfinanzieren müssen“, so der bpt.

Was das konkret bedeuten kann, erklärt Dr. Norbert Schulze Thier, Vorsitzender der Kreisstelle Coesfeld für die Tierärztekammer Westfalen-Lippe. „Nach Arbeitsschutzgesetz, muss der Kollege, der nachts nur eine Beratung gemacht hat, 11 Stunden frei nehmen“, erklärt Schulze Thier. Das könne man sich nicht erlauben. Für die Beratung hätte der Kollege dann vielleicht 100 Euro eingenommen, „aber er fehlt den ganzen Tag“, gibt Schulze Thier zu bedenken. Diese neue Arbeitszeitregelung gibt es seit 2016. Sie ist auch der Grund dafür, dass die Grevener Praxis ihre Zulassung zurückgegeben hat. Wer also einen entsprechenden Dienst anbiete, müsste auch über entsprechend hohe Personalkapazitäten verfügen.

Hinzu komme, dass die tierärztliche Gebührenordnung in den letzten 10 Jahren nur um 12 Prozent gestiegen sei, „das ist de facto eine Reduktion“, sagt Schulze Thier, wenn man die Inflation mit einrechne. „Eine Tierklinik muss monatlich 60.000 Euro einnehmen, damit überhaupt erst einmal die Kosten für diesen 24-Stunden-Notdienst gedeckt sind“, rechnet Dr. Peter Hartmann vor.

DREI TIPPS FÜR DEN NOTFALL Rechtzeitig auf das Schlimmste vorbereitet sein 1. In den meisten Fällen sind Tierbesitzer nicht auf den Notfall vorbereitet. Es lohnt sich, schon im Vorfeld eines möglichen Notfalls informiert zu sein und zu wissen, an wen man sich wenden kann. 2. Tierärzte mit Praxen bieten nicht selten über das notwendige Maß hinaus eine erweiterte Bereitschaft für ihre Stammkunden an. „Sprechen Sie mit dem Tierarzt Ihres Vertrauens, wie er mit potenziellen Notfällen umgeht“, rät Edmund Bölling von der Tierärztekammer Westfalen-Lippe. 3. Bewahren Sie auch im Notfall Ruhe, werden Sie nicht hektisch. Angst und Panik springen schnell auf Ihr Kleintier über.

Keine Pflicht, einen Notdienst anzubieten

„Zwischen 22 Uhr abends und sechs Uhr morgens kriegen sie eigentlich kaum jemanden“, sagt der Nordkirchener Tierarzt Christoph Eismann. Er fügt hinzu: „Außer den Großtierarzt.“ Denn im Gegensatz zu Kleintierärzten haben Großtierärzte eine 24 stündige Rufbereitschaft. „Das ist auch unser Problem“, sagt Eismann, denn weil die Klinikzulassungen zurückgegeben werden, werden wir auch öfter angesprochen.“ Und wenn man gefragt werde, dann wolle man schließlich auch Hilfe anbieten.

Nordrhein-Westfalen ist das einzige Bundesland, das Tierärzte nicht zu einem Notdienst am Wochenende oder in den Nachtstunden verpflichtet. Es gibt allerdings freiwillige Arrangements. „Wir haben es immer so geregelt, dass wir eine Handynummer angesagt haben, welcher Tierarzt gerade einen Notdienst anbietet“, sagt der Nordkirchener Tierarzt René Becker, „und das handhaben wir auch immer noch so.“ Für ihn persönliche mache sich der Wegfall von Klinikzulassungen, wie in Lüdinghausen, bisher noch nicht bemerkbar.

Egoistische Gründe

Auch Norbert Schulze Thier hat mit seinen Kollegen aus Herbern und Ascheberg das Arrangement, dass sie sich gegenseitig vertreten. Er gilt bei all den Fragen um einen geregelten Notdienst zu bedenken, dass bei einem komplizierten Eingriff, zum Beispiel bei einer Fraktur, die Fahrt zu einer größeren Klinik ohnehin nötig ist. Gerade in der Nacht sieht Schulze Thier auch nur einen geringen Bedarf: „Die Notfälle nach 22 Uhr sind schon sehr rar“, meint er. „Die meisten Notfälle sind Notfälle, weil die Leute zu lange warten.“ Wenn der Hund schon am Morgen nicht fresse, müsse man nicht bis zur Nacht warten, wenn nichts mehr gehe.

„Während der Tierarzt früher oft durchschlafen konnte, und das Telefon nur für echte Notfälle klingelte, für die jeder Tierarzt sofort und gern aus dem Bett springt, spiegelt der Notdienst heutzutage oft mangelnden gesunden Menschenverstand, schlichte Unkenntnis über Bagatellerkrankungen, und manchmal sogar blanken Egoismus wider“, schreibt die Tierärztin Viola Hebler jüngst in einem Artikel für die Tierärztekammer Nordhein. Menschen, die sich darüber freuten, im Notdienst geringere Wartezeiten zu haben, oder in den Notdienst gingen, weil sie sich sonst hätten frei nehmen müssen, seien keine Seltenheit. Hebler regt daher an, die Kosten für die Notdienstleistung zu erhöhen. Ähnlich wie bei einem Schlüsseldienst würde man die Leistung dann auch nur in Anspruch nehmen, wenn sie wirklich gebraucht werde. Auch Norbert Schulze Thier glaubt, dass es auf Dauer darauf hinauslaufen wird, dass Notdienste teurer werden und es dann auch Praxen geben wird, die sich auf Notdienste spezialisieren.

Doch bis es soweit ist, meint er: „Letztendlich sollte man das vorab mit seinem Tierarzt besprechen, wie das geregelt ist, wenn plötzlich ein Notfall auftritt.“

Tierärzte in Selm: Max Ehring, Kreisstr. 87, Tel. (02592/9595), Sprechzeiten Mo- Fr. 10 bis 12 und 15 bis 17 Uhr, Mi 10 bis 12 Barbara Bonin, Dieselweg 16 , Tel. : 02592-978862, Mo bis Fr 9 bis 12 Uhr, 16 bis 20 Uhr, Sa 10 bis 12 Uhr Tierarztpraxis Dahlkamp (spezialisiert auf Pferde), Zum Birkenbaum 60, 02592/670528 Tierärzte in Olfen: Gabriele Grosche, Kanalstr. 17, Tel. 02595-1510 Mo bis Fr. 10.30 bis 11.30 Uhr, 16 bis 18 Uhr Mi 18 bis 19.30 Uhr Wilhelm Benke, Freiherr-vom-Stein-Straße 24, Tel. 02595 (1234) Tierärzte in Nordkirchen: Praxisgemeinschaft Lüdinghauser Str. 43, (02596) 9394394, Mo-Fr 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr, 14.30 bis 18 Uhr, Mi 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr Dr. Christoph Eismann, Mozartstr. 10, Tel. (02596) 4365, Mo-Fr 7.30 bis 12 Uhr, 14.30 bis 18.30 Uhr, Nach Absprache auch Samstagvormittag. Tierarztpraxis René Becker, Aspastr. 41, Nordkirchen, Tel. 02596-529303, Mo-Fr. 10.30 bis 12 Uhr, Mo, Mi u. Fr. 15 bis 17 Uhr und Di 17 bis 19 Uhr
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