Wagner unterm Förderturm

ESSEN Der für seine provokanten Inszenierungen bekannte Opernregisseur Hans Neuenfels (Eklat im Herbst 2006 um "Idomeneo" in Berlin) hat bei seiner ersten Arbeit am Essener Aalto-Theater und zugleich seiner erst zweiten Wagner-Inszenierung das Publikum am Samstagabend mit dessen "Tannhäuser" an- und aufgeregt.

von Von Klaus Stübler

, 30.03.2008, 14:56 Uhr / Lesedauer: 2 min
Szene aus Neuenfels "Tannhäuser" mit Förderturm im Hintergrund.

Szene aus Neuenfels "Tannhäuser" mit Förderturm im Hintergrund.

Die Deutung des 66-Jährigen war ein Triumph des Regietheaters über den deutschen Romantiker, dessen Musik er noch bis in die Ouvertüre hinein mit Botschaften befrachtete.

Neuenfels und sein Bühnen- und Kostümbildner Reinhard von der Thannen brechen in ihrem "Tannhäuser" mit allen Wagner-Konventionen: Sie sprechen den Zuschauer via auf Leinwand projizierter Sätze direkt an, sie sind ungewöhnlich in ihren Bildfindungen - bunt, bewegt und sogar witzig. Und sie lassen die vierstündige Oper direkt kurzweilig erscheinen.

Bergmänner

Provozierend dabei ist weniger die Venusberg-Szene am Anfang, in der die Liebesgöttin (schauspielerisch und stimmlich schwach: Elena Zhidkova) als klassische amerikanische Filmdiva in Erscheinung tritt. Es ist vielmehr der Titelheld selbst, der, ein gesellschaftlicher Außenseiter, mit Venus Abendmahl feiert und - eine Anspielung auf den Hogarthschen Bilderzyklus bzw. die Strawinsky-Oper "A Rake's Progress" - vor seinem Tod im Irrenhaus landet. Bei den siechen Kreaturen besingt dann übrigens auch Doc Wolfram von Eschenbach den Abendstern.

Der Entstehungs- und der neue Aufführungsort der Oper werden als Kulisse für den zentralen Sängerwettstreit im zweiten Akt zusammengebracht: Über einer Miniatur von Schloss Neuschwanstein erhebt sich ein großer Förderturm. Bergmänner in klassischer Kluft und Trachtenmädchen treten auf, auch der am Stock gehende Wagner und sein Mäzen König Ludwig II. sind (als Statisten) mit von der Partie.

Aufblühender Sopran

Stars der vom Personal und von den Kostümen her höchst aufwändigen Produktion sind die Elisabeth der Danielle Halbwachs mit warmem, aufblühendem Sopran und der Tannhäuser des Scott MacAllister. Letzterer powert zwar zunächst hörbar, forciert dann aber von Akt zu Akt weniger - mit dem Ergebnis, dass seine Stimme durch Weglassen des Drucks keineswegs an Tragfähigkeit einbüßt. Heiko Trinsinger ist trotz eingangs angesagter Indisposition ein rundum überzeugender Wolfram. Der klangvolle und auch bei seiner Größe sehr präzise Chor des Aalto-Theaters und die schlank und mit Wärme musizierenden Essener Philharmoniker unter GMD Stefan Soltesz tragen wesentlich zum Erfolg des Abends bei.

 

 

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