Vorschlag von Gesundheitsexperte Lauterbach: Wie sinnvoll ist es, die zweite Impfung hinauszuzögern?

Coronavirus

Karl Lauterbach fordert eine andere Impfstrategie bei den mRNA-Impfstoffen. Die zweite Impfdosis soll hinausgezögert werden, damit schneller mehr Menschen eine erste Impfdosis erhalten können.

Berlin

01.03.2021, 21:27 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Stiko befürchtet, dass eine einzelne Dosis die Hochrisikogruppe der älteren Menschen nicht ausreichend schützt.

Die Stiko befürchtet, dass eine einzelne Dosis die Hochrisikogruppe der älteren Menschen nicht ausreichend schützt. © picture alliance/dpa/dpa Pool

Ist es sinnvoll, bei mRNA-Impfstoffen die zweite Impfdosis hinauszuzögern, um schneller mehr Menschen das erste Mal impfen zu können? Für diese Strategie hat sich Großbritannien entschieden. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach fordert, auch in Deutschland den Abstand zwischen der ersten und der zweiten Impfdosis zu vergrößern, weil dies mehr Todesfälle verhindern könne. Er beruft sich dabei auf eine online veröffentlichte Simulationsrechnung, an der er selbst mitgewirkt hat, neben Forschern der Berliner Humboldt Universität und des Helmholtz Zentrums für Infektionsforschung.

Nach der Empfehlung der europäischen Arzneimittelagentur EMA sollen die zwei Dosen des mRNA-Impfstoffs von Moderna im Abstand von vier Wochen verimpft werden, beim Impfstoff von Biontech/Pfizer sollten drei Wochen zwischen der ersten und der zweiten Impfdosis liegen. Ebenso empfiehlt die ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut (RKI) die zweite Impfstoffdosis drei Wochen (Biontech/Pfizer) oder vier bis sechs Wochen (Moderna) nach der ersten Impfstoffdosis zu verabreichen. Spätestens innerhalb von 42 Tagen nach der ersten Dosis sollte bei beiden Vakzinen die zweite Dosis verimpft werden, so die Stiko-Empfehlung.

Anderes Impfschema effektiver?

Der Grund: Für diese Impfabstände wurde die in den Zulassungsstudien angegebene Wirksamkeit von 95 Prozent (Biontech/Pfizer) und 94 Prozent (Moderna) in den mittleren Altersgruppen ermittelt. Großbritannien weicht aber deutlich vom ursprünglichen Impfschema ab. Dort lässt man bis zu zwölf Wochen zwischen der ersten und der zweiten Dosis der mRNA-Impfstoffe verstreichen.

Die britischen Gesundheitsbehörden berufen sich darauf, dass schon nach der ersten Impfdosis ein hoher Immunschutz erreicht werden soll. Sie halten es daher für effektiver, möglichst viele Personen der Risikogruppen schnell einmalig zu impfen, anstatt zunächst eine kleinere Gruppe vollständig zu immunisieren. Auch die neue Hochrechnung, an der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach beteiligt war, kommt zu diesem Schluss.

Die Stiko hält hingegen am ursprünglichen Impfschema fest – und begründet das mit einer ausführlichen Stellungnahme. So bewertet die Kommission den Nutzen einer einmaligen Dosis anders. Es sei unsicher, „inwiefern die Impfeffektivität nach einer Dosis ausreicht, um gerade die Hochrisikogruppen im hohen Alter zu schützen“, so die Stiko. Sie weist darauf hin, dass die aktuelle Impfstrategie besonders auf über 80-Jährige ausgerichtet sei und im hohen Alter Immunantworten auf Impfungen in der Regel geringer ausfielen als bei Jüngeren.

Zweite Dosis für höhere Altersgruppen wichtig

Sowohl die britischen Behörden als auch das Team um Lauterbach gehen von einer Wirksamkeit einer einmaligen Impfdosis von rund 90 Prozent aus. Beide berufen sich dabei auf eine Auswertung der Zulassungsstudien von Biontech/Pfizer.

Allerdings hatte das mittlere Alter der Geimpften in diesen Studien bei 52 Jahren gelegen. In den höheren Altersgruppen ist aber von einem insgesamt niedrigeren Impfschutz auszugehen. Der Impfstoff von Moderna konnte bei über 65-Jährigen nicht einmal nach der zweiten Impfdosis eine Wirksamkeit von 90 Prozent erzielen, sie wird mit nur 86 Prozent angeben.

Für noch höhere Altersgruppen liegen bisher für keinen Impfstoff valide Daten zur Wirksamkeit vor, weder für eine noch für zwei Impfdosen. Sie dürfte aber mit zunehmendem Alter weiter abnehmen, weshalb die Stiko davon ausgeht, dass für einen guten Impfschutz bei ihnen erst recht beide Dosen benötigt werden.

Nur 33 Prozent Schutz nach erster Dosis

Erste Erfahrungen aus der Praxis scheinen diese Vermutung zu stützen. So hatte das israelische Clalit Research Institute die Wirkung einer ersten Impfdosis nach Altersgruppen ausgewertet. In einer Gruppe von 200.000 Geimpften über 60 Jahren wurde dabei zwei Wochen nach der ersten Impfung nur eine Wirkung von 33 Prozent festgestellt.

Die Stiko weist zudem daraufhin, dass die Produktion von Antikörpern (ein wichtiger Indikator für die Immunantwort) in den Zulassungsstudien nach der ersten Impfdosis zehn- bis 20-fach niedriger ausgefallen war als nach der zweiten. Es sei daher davon auszugehen, dass der Schutz nach einer ersten Impfdosis schneller wieder nachlasse.

Und sie sieht noch ein weiteres Risiko in einer veränderten Impfstrategie: Wenn gleichzeitig mehr Menschen einmalig geimpft würden, aber dadurch nur teilweise geschützt wären, könnte das die Verbreitung von Mutationen befördern. Es könnten sich dann leichter Varianten des Erregers durchsetzen, gegen die eine Immunisierung nicht wirkt, befürchten die Impfexperten.

Notlösung bei Impfstoffknappheit

Hinzu kommt: Das Konzept aus Großbritannien ist eine Notlösung für den Fall, dass bei hohen Infektionszahlen dauerhaft wenig Impfstoff verfügbar wäre. Auch die Modellrechnungen von Lauterbach gehen vom Fall der Impfstoffknappheit aus. Noch nicht berücksichtigt wurde dabei, dass für den März die Zulassung eines weiteren Impfstoffs in der EU und für die nächsten Wochen die Lieferung von Millionen weiterer Impfstoffdosen erwartet werden.

Anders als bei den mRNA-Impfungen scheint eine späte Gabe der zweiten Dosis beim Vektorimpfstoff von Astrazeneca übrigens kein Problem zu sein. Eine neue Studie deutet darauf hin, dass mit einem Impfabstand von mindestens zwölf Wochen im Vergleich zu einem Impfabstand von nur sechs Wochen eine bessere Wirkung erzielt wurde. Die Stiko empfiehlt für Astrazeneca bereits einen größeren Impfabstand von neun bis zwölf Wochen.

RND

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