Vom Beat zum Rock zum Rave

Ruhr Museum Essen

Wie die Zeiten sich wandeln: Aus heutiger Sicht sehen die "Beat-Jünger", die 1966 "zum Konzert der Pilzköpfe in die Grugahalle pilgern" (O-Ton WDR) so bieder aus, als gingen sie zum Bewerbungsgespräch. Damals waren sie Otto Normalverbraucher nicht geheuer. Der witterte enthemmte Wilde in ihnen.

ESSEN

, 04.05.2016, 08:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Vom Beat zum Rock zum Rave

Plakat zu den Internationalen Essener Songtagen

Zeitungsleser der 60er-Jahre hatten noch Schlagzeilen über die Halbstarken-Krawalle 1956 im Kopf, als etwa der Dortmunder Stadtanzeiger am 3.12. titelte: "Rock'n'Roll-Rummel setzt Polizeiwasserwerfer in Aktion". Dann wird berichtet über die Brückstraße als Schauplatz einer "Rock'n'Roll-Psychose", ausgelöst durch den amerikanischen Jazz-Film (!) "Außer Rand und Band".

Rock im Revier

TV-Bilder der Beatles in Essen, Zeitungsberichte über Jugendliche, die im Kino Rock’n’Roll hören und Remmidemmi machen: Zwei von unendlich vielen Fundstücken, die in der Ausstellung "Rock und Pop im Pott" im Essener Ruhr Museum zu entdecken sind. Der Bill Haley-Film "Rock Around the Clock" und die Amüsierwut junger Fans markieren die Geburtsstunde von 60 Jahren Rock im Revier, den die Schau würdigt und feiert.

60 Jahre nach Geschrei und Geburtswehen hat sich die Musikszene im Ruhrgebiet in viele Segmente ausdifferenziert, ist vom Bürgerschreck-Phänomen zum Business geworden, während die Jahre des Werdens und Wachsens im milde güldenen Retro-Glanz erstrahlen. Was im Revier über die Musik an Kämpfen ausgetragen wurde - um längere Haare, um mehr Rechte und weniger Ausbeutung - all die Feindbilder und hehren Ziele finden sich in der Essener Ausstellung.

Musikalische Kämpfe

Man steht vor Plakaten wie dem zum Essener Pop & Blues Festival 1969 (Foto), vor Dokumenten, Memorabilia und Tonträgern, in denen Zeitgeist ästhetisch und politisch geronnen ist, und wundert sich. Das ist ja mal eine klare Ansage, wenn ein Festival diesen Namen trägt: Stoppt den Lehrlings-Dracula! Geladen wird zur "Ausbeutungs-Fete" mit Livemusik, Lehrlinge zahlen vier Mark, Lehrherren 400 Mark.

Nun sind wir auf unserem Rundgang beim Themenfeld "Musik und Politik" angelangt. Gegliedert ist die Schau wie ein chronologischer Parcours durch die Musikgeschichte. Vom Rock’n’Roll zum Beat zum Krautrock, weiter zu Ruhrgebiets-Punk und -Metal und den Techno-Ravern.

700 Tonträger

Abzweigungen führen in Räume, die Unterkapiteln gewidmet sind. Hier ist die Evolution der Musikinstrumente dokumentiert, dort warten 700 Tonträger von Bands aus dem Revier.

Startpunkt des Rundgangs ist der Soundraum, wo im Halbdunkel Videoprojektionen laufen und ein 15-minütiger Musikmix mit Signatur-Hits aus dem Pott: Grönemeyer, Stoppok, Nena, die Kassierer, DJ Hooligan, Phillip Boa, Geier Sturzflug, Tic Tac Toe. Alle Abteilungen und Themefelder sind reich bestückt. Vier Kuratoren haben über zwei Jahre Material zusammengetragen, schwärmten aus, um auf Flohmärkten alte Scheiben einzukaufen, traten an Sammler heran, die ihre Schätze zur Verfügung stellten. Ein großer Leihgeber sind die "Ärchäologen" vom Dortmunder Archiv für populäre Musik im Ruhrgebiet.

Lederjacken der Punks

1500 Exponate umfasst die Ausstellung. Plakative, dekorative wie das Neon-Schrift-Schild vom Rockpalast, die Lederjacken namhafter Punks, ein Bühnen-Outfit der German Blue Flames, aber auch kleine Dinge, in denen interessante Geschichten stecken. Kuratorin Vera Conrad weist auf den Fanbrief von Herbert Schreiber aus der DDR hin, gerichtet an die German Blue Flames in Gelsenkirchen. Ach was, DDR: "SBZ" hieß das 1965, wie man dem Schreiben der Flames an den NRW-Innenminister entnimmt, wo die Band naiv anfragt, ob sie in der SBZ spielen dürfe. Nicht ohne zu erwähnen, dass man die "bestangezogene" deutsche Beatcombo sei! Köstlich.

Hörstationen und Monitore liefern Bewegtbilder und Musik zu den Exponaten. Konzerte und Workshops flankieren die sehenswerte Schau. Gestern, heute, morgen - der Pott rockt!

Ruhr Museum: "Rock und Pop im Pott". 4.5. (Eröffnung um 18 Uhr) bis 28.2., Mo-So 10-18 Uhr, Gelsenkirchener Straße 181; Katalog: 24,95 Euro.