Virologe zum Teil-Lockdown: „Ich denke nicht, dass wir entspannt Weihnachten feiern können“

Coronavirus

Vier Wochen Lockdown werden nicht dazu führen, dass das Coronavirus verschwindet. Das Virus wird noch lange in der Bevölkerung zirkulieren, sagt Virologe Marco Binder im Interview.

von Saskia Bücker

, 09.11.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 5 min
Fällt Weihnachten im Familienkreis im Pandemiejahr aus? (Symbolbild)

Fällt Weihnachten im Familienkreis im Pandemiejahr aus? (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Marco Binder forscht zu Entzündungsprozessen im Kontext von Krebs und von Infektionen mit umhüllten RNA-Viren. Zu dieser Klasse gehört auch das Coronavirus Sars-CoV-2. Mit Beginn der Pandemie hat der Virologe eines der Hochsicherheitslabore am Deutschen Krebsforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft in Heidelberg auf den neuen Erreger umgewidmet.

Sein Team untersucht Sars-CoV-2 auf molekularbiologischer Ebene und geht der noch offenen Frage nach: Wie setzen sich Körperzellen nach einer Infektion der Zelle gegen Sars-CoV-2 zur Wehr? Im Gespräch mit den RedaktionsNetzwerk Deutschland gibt der Virologe einen Überblick über Viruswissen, langfristige Strategien und aktuelle Impfstoff-Forschung.

Herr Binder, vergangene Woche wurde von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ein Strategiepapier veröffentlicht, das strikte Maßnahmen zur Pandemieeindämmung infrage stellt. Es hagelte Kritik unter Ärzten und Wissenschaftlern. Welche Lehren ziehen Sie aus dieser Debatte?

Ich bin Molekularbiologe, also durch und durch Wissenschaftler. Auch ich habe in meinem Umfeld die „Position der Wissenschaft“ als eine andere wahrgenommen als die von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung dargelegte Position. Wesentlich näher kam einem Konsens die gemeinsame Erklärung der führenden deutschen Wissenschaftsorganisationen und die Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie. Beide blicken mit großer Sorge auf die aktuelle epidemische Situation in Deutschland und erachten eindeutige Maßnahmen zum Bremsen der Ausbreitung von Sars-CoV-2 als sinnvoll.

Die klare Lehre für mich aus dieser Debatte ist, dass ich für meinen Teil auch in Zukunft immer versuchen werde, klar herauszustellen, wann ich über belegbare wissenschaftliche Fakten spreche und wann ich eine Interpretation solcher Fakten anstelle, die dann natürlich durch meine persönliche Haltung eingefärbt ist.

Es gibt also einen Unterschied zwischen Wissenschaft und Wissenschaftler?

Über die grundlegenden Eigenschaften des Virus sind sich alle Wissenschaftler inzwischen weitgehend einig. Zum Beispiel, dass Sars-CoV-2 zu den ansteckenderen Viren zählt. Ohne Schutzmaßnahmen stecken sich zwei bis drei weitere Menschen bei einem Infizierten an. Wird nichts unternommen, kommt es deshalb zu einer exponentiellen Ausbreitung.

Auseinander gehen die Meinungen, wenn dieses faktische Wissen zu einer Handlungsempfehlung oder Prognose für die Zukunft werden soll. Wir befinden uns mitten im Lernprozess zur Pandemiedynamik, unglaublich viele Faktoren sind weiterhin unsicher. Patentrezepte haben weder die Autoren des KBV-Papiers, noch ich, noch sonst jemand. Einigkeit besteht aber darin, dass es ein klares Ziel braucht, das wir gemeinsam erreichen wollen, und das auch realistisch erreicht werden kann.

Corona wird Deutschland noch lange beschäftigen

Die Virologin Melanie Brinkmann kritisierte diese Woche bei einer Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Jens Spahn, dass Deutschland über den Sommer seine Ziele verloren habe.

In gewisser Weise stimmt das sicherlich. Es zeigt sich ein grundsätzliches Problem in der Pandemie: Wenn das Risiko nicht unmittelbar sichtbar ist, verdrängen wir die konkrete Gefahr. Der Sommer hat viele Menschen das Virus vergessen oder relativieren lassen. Virologen und Epidemiologen war hingegen völlig klar, dass mit der kalten Jahreszeit die Pandemie wieder mit voller Wucht zuschlagen kann.

Reicht der Teil-Lockdown bis Ende November aus, um die zweite Welle zu brechen?

Vier Wochen November-Lockdown werden nicht dazu führen, dass das Problem einfach verschwunden ist. Ich denke nicht, dass wir ein ganz entspanntes Weihnachten feiern können. Dieser Winter wird eiserne Disziplin bei der Eindämmung erfordern. Und zwar von uns allen.

Ein Beispiel: Eine sehr gute Freundin von mir arbeitet im Gesundheitsamt. Sie arbeitet sechs Tage die Woche Minimum, verlässt das Haus vor 8 Uhr morgens und kommt selten vor 22 Uhr nach Hause. Diese Leute arbeiten bis an die oder über die Belastungsgrenze hinaus. Ich fürchte, das wird sich in den kommenden Monaten kaum ändern. Es wäre also nur fair – und darüber hinaus unverzichtbar –, dass wir alle unsererseits einen Beitrag leisten, um die Situation unter Kontrolle zu behalten.

Virus-Dynamik hängt von saisonalen Effekten ab

Wie sollte sich die Bevölkerung den Winter über also verhalten?

Wir müssen definitiv, wo immer möglich, die Maske tragen. Gerne auch im Restaurant oder beim Treffen mit Freunden, wenn das wieder erlaubt ist, solange man nicht gerade isst oder trinkt. Wir müssen auch kleinste Erkältungssymptome ernst nehmen – Halskratzen, Husten, leichte Temperatur – und dann lieber zu Hause bleiben und weder zur Arbeit gehen, noch Freunde oder die Familie besuchen.

Es ist erwiesen, dass die Anzahl der Kontakte der entscheidende Faktor bei der Ausbreitung von Sars-CoV-2 und eigentlich allen ansteckenden Krankheiten ist. Deshalb sollte jeder Einzelne auch über den Teil-Lockdown hinaus die Anzahl an Kontakten möglichst gering halten. Meine Familie und ich haben zum Beispiel eine Kerngruppe an Freunden und Verwandten definiert, die wir weiterhin treffen. Mit allen anderen bleiben wir telefonisch oder per Videochat in Kontakt, da haben wir heute ja sehr gute technische Möglichkeiten.

Corona wird uns noch viele Monate bis Jahre beschäftigen. Welche langfristigen Strategien sollte Deutschland umsetzen?

Ohne eine sehr effektive Impfung scheidet das Ziel der Ausrottung von Sars-CoV-2 praktisch aus. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass das Virus noch lange in der Bevölkerung zirkulieren wird, vermutlich sogar für immer, ähnlich wie die Influenza. Mal heftiger in Herbst und Winter, mal schwelender im Frühjahr und Sommer. Solange wir noch keine Impfung zur Verfügung haben, die zumindest das Risiko für schwere Covid-19-Verläufe stark verringert, werden wir damit leben müssen, stärker auf die Alltagshygiene zu achten. Ich gehe davon aus, dass die Maske auch im Westen zum alltäglichen Bild gehören wird, zumindest in der Erkältungssaison und auch bei Besuchen in Krankenhäusern und Seniorenheimen.

Ich würde sofort den Vorschlag des KBV-Papiers unterschreiben, vermehrt FFP2-Masken in kritischen Bereichen einzusetzen. FFP2-Masken sollten auch für Menschen mit klarem Risikoprofil auf Rezept erhältlich sein. Studien gehen davon aus, dass rund 30 Prozent der Bevölkerung einen Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf haben.

Corona-Impfstoff: Noch viele offene Fragen

Gibt es auch Licht am Ende des Tunnels?

Ich bin sehr optimistisch, dass der Sommer 2021 Entlastung bringt. Die bereits zirkulierenden Erkältungs-Coronaviren sind, wie viele andere respiratorische Viren, stark saisonal und treten im Sommer sehr viel seltener auf. Nach der Erfahrung mit der Dynamik in 2020 gehe ich auch für Sars-CoV-2 ganz stark davon aus, dass sich saisonale Effekte zeigen. Bis Ostern 2021 würde ich also wachsam bleiben. Meine Hoffnung ist, dass danach alles wieder etwas einfacher wird.

Bleibt also zu hoffen, dass die Impfung gegen Covid-19 langfristige Entspannung bringt.

Die ersten Daten stimmen optimistisch: Wir sehen eine deutliche Entwicklung von Immunitätsmarkern: also Antikörper, die Sars-CoV-2 neutralisieren, also unschädlich machen können. Die ersten Wirksamkeitsstudien in Menschen werden hoffentlich bald veröffentlicht, dann bekommen wir einen Eindruck davon, wie groß der Schutz im echten Leben ist. Ich bin da wirklich optimistisch.

Sars-CoV-2 ist genetisch viel stabiler als beispielsweise das Hepatitis-C-Virus. Mutationen, von denen immer wieder berichtet wird, sind zwar aus wissenschaftlicher Sicht interessant. Sie spielen aber für das Infektionsgeschehen wohl kaum eine Rolle – und gefährden laut derzeitigem Wissensstand auch nicht die Impfstoffentwicklung.

Welche Unwägbarkeiten bleiben, auch wenn bald Impfstoffe zugelassen werden?

Eine Erkenntnis stimmt positiv: Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren, scheinen einen monatelang kaum sinkenden Antikörperspiegel im Blut zu behalten. Das zeigt eine ganz neue Studie des New Yorker Mount Sinai Krankenhauses mit vielen Tausend Patienten. Im Allgemeinen ist die Immunantwort also vermutlich mindestens ein Jahr lang relativ robust. Offen ist aber die Frage nach einem langanhaltenden Schutz.

Ich gehe nach aktuellen Daten davon aus, dass die Immunität stabil ist und länger anhält. Selbst wenn die Antikörper aus dem Blut wieder verschwinden – was sie in der New Yorker Studie über fünf Monate hinweg nicht oder kaum taten –, bleibt ein immunologisches Gedächtnis zurück, das das Immunsystem sofort in Alarmbereitschaft versetzt, sobald das Virus erkannt wird.

Offen ist auch, was genau der Impfschutz leisten kann.

Genau. Es ist noch unklar, ob eine Impfung eine Infektion mit Sars-CoV-2 komplett verhindern kann, es also zu einer sogenannten sterilen Immunität kommt. Das wäre natürlich das absolute Traumergebnis, denn dann könnte eine geimpfte Person das Virus auch nicht weitergeben. Es gibt allerdings viele Impfungen, die das nicht erreichen, aber dennoch den Krankheitsverlauf abmildern oder sogar ganz verhindern. Die geimpfte Person kann sich dann also trotzdem noch mit dem Virus anstecken und möglicherweise auch an andere weitergeben.

Wie es sich in dieser Hinsicht mit all den verschiedenen Sars-CoV-2 Impfstoffkandidaten verhält, die sich aktuell in der Entwicklung befinden, bleibt eine spannende Frage, die erst geklärt werden kann, wenn die Impfung im Menschen ist.

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