Verschwörungstheorien: Die fünf treibenden Faktoren

Corona

Warum bekommen Verschwörungstheorien in der Corona-Krise so viel Aufmerksamkeit? Wissenschaftler finden inzwischen übereinstimmende psychologische Muster, die dies erklären.

22.05.2020, 07:52 Uhr / Lesedauer: 5 min
Ein Teilnehmer trägt auf dem Cannstatter Wasen bei der Protestkundgebung der Initiative «Querdenken» eine Warnweste mit der Aufschrift «Corona Diktatur stoppen».

Ein Teilnehmer trägt auf dem Cannstatter Wasen bei der Protestkundgebung der Initiative «Querdenken» eine Warnweste mit der Aufschrift «Corona Diktatur stoppen». © picture alliance/dpa

Moment mal. Ist der, der da gerade redet, eigentlich noch ganz richtig im Kopf? Häufiger denn je seit Beginn der Corona-Krise geht es nicht mehr nur um dieses oder jenes Detail, sondern auch um den allgemeinen Zustand derer, die sich gerade in die Debatten einschalten.

Der Fall des Vegankochs Attila Hildmann aus Berlin zum Beispiel lässt derzeit auch Experten grübeln. Der Mann hat Zehntausende von Fans im Internet, der Vegetarierbund Deutschland hat Hildmanns Buch „Vegan for Fun“ einst als Kochbuch des Jahres ausgezeichnet.

Was hat es zu bedeuten, wenn eine solche in der Öffentlichkeit stehende Person verkündet, in Kürze werde in Deutschland die Demokratie abgeschafft – dies sei Teil einer neuen Weltordnung, geplant von düsteren Mächten? Muss ein solcher Mann nicht sogar psychiatrische Hilfe bekommen?

Ein „Corona-Rebell“ landet in der Psychiatrie

Borwin Bandelow, 68, Psychiater und Neurologe, hat sich an der Universitätsklinik Göttingen in seinem langen Forscherleben Gelassenheit angewöhnt. „Einzelne abwegige Äußerungen sind noch lange kein Hinweis auf eine ernsthafte psychische Erkrankung“, sagt er. Bandelow hat viele Sachbücher geschrieben, vor allem über Angst, und als gelegentlicher Talkshowgast kennt er sich einigermaßen aus mit der modernen Medienszene. Oft seien Leute wie Hildmann getrieben von Narzissmus und Geltungssucht, sagt er. Viele wollten einfach nur auffallen, Klicks generieren, Follower finden in ihren sozialen Netzwerken.

„In Krisen reagieren wir noch immer steinzeitlich, wie Herdentiere“, sagt Borwin Bandelow, Psychiater und Neurologe an der Universität Göttingen.

„In Krisen reagieren wir noch immer steinzeitlich, wie Herdentiere“, sagt Borwin Bandelow, Psychiater und Neurologe an der Universität Göttingen. © picture alliance / Stefan Rampfe

Hildmann allerdings ging jüngst noch einen bedenklichen Schritt weiter, indem er Gewalt in Aussicht stellte. „Gehe ich im Kampf für unsere Freiheit drauf, dann nur mit der Waffe in der Hand und erhobenen Hauptes“, schrieb er auf Facebook. Damit bewegte sich Hildmann genau in jene Grauzone hinein, in der Gerichte, wenn Anhaltspunkte für eine reale Gefahr hinzukommen, dann doch schon mal eine Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus anordnen können – wegen Fremdgefährdung.

Dem Kardiologen Thomas Binder, der in der Schweiz als „Corona-Rebell“ zum bewaffneten Kampf aufrief („liebe Bürger, raus, Waffe laden“), ist genau dies passiert. Nachdem die Behörden in seinem Haus eine Schusswaffe fanden, wurde seine Unterbringung in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie Königsfelden angeordnet.

Quer durch Europa ziehen sich derzeit immer mehr Menschen zurück in irgendein Wahngebäude. In Großbritannien etwa warnt der Astrophysiker Piers Corbyn, Bruder des langjährigen Labour-Chefs Jeremy Corbyn, vor einer „Gehirnwäsche“, die bald allen Briten bevorstehe, dabei werde das schnelle drahtlose Internet eingesetzt. An das Coronavirus glaubt Corbyn so wenig wie an den Klimawandel.

Auch immer mehr Deutsche driften ab. Die einen sehen im 5G-Netz eine Art Verstärker der Epidemie, andere wähnen Kinderblut trinkende Satanisten am Werk, wieder andere empfehlen, nur ja keine öffentlich-rechtlichen Sender zu sehen oder zu hören.

Von Woche zu Woche werden die Verschwörungstheoretiker immer lauter und aggressiver. Einer der ominösen „Spaziergänger“ aus Gera brüllte vor laufenden Kameras einen 84-jährigen Rentner an: „Wenn du ARD und ZDF zuhörst, dann hast du praktisch die Kontrolle über dein Leben verloren.“

Rapper, Youtuber, Professoren: Viele reden wirr

Die Verdüsterung des Blicks erfasst alle Schichten. Nicht nur Deutschrapper und Youtuber im Schlabberhemd verbreiten krude Thesen von einer aufziehenden neuen Diktatur. Auch Schlipsträger aus akademischen Kreisen schrauben sich hohläugig hinein in Endzeittheorien: „Das hier IST 1933“, schrieb Stefan Homburg, Direktor des Instituts für öffentliche Finanzen an der Universität Hannover, diese Woche allen Ernstes auf Twitter.

Was ist da los? Ein Viertel bis ein Drittel der Deutschen sei empfänglich für Verschwörungstheorien, sagt der Tübinger Kulturhistoriker Michael Butter, Koordinator des Projekts „Comparative Analysis of Conspiracy Theories“, an dem sich 160 Forscher aus 40 Staaten der Erde beteiligen.

Tatsächlich ließ sich das besagte Drittel in Umfragen immer wieder empirisch nachweisen – auch in den vergangenen Tagen.

„Ich glaube, dass Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, oft das Ergebnis geheimer Aktivitäten sind“ – dieser Aussage stimmten Mitte Mai bei einer Umfrage im Auftrag der Universität Osnabrück 31,9 Prozent von 1012 Befragten zu.

In den USA glaubt sogar fast jeder Zweite an die eine oder andere Verschwörungstheorie. Dabei wurden die Amerikaner im Jahr 2016, kurz vor der Trump-Wahl, durch einen frappierenden Vorfall vor den möglichen konkreten Gefahren von Verschwörungstheorien gewarnt: Nachdem im Internet das Gerücht in Umlauf gebracht wurde, die Pizzeria Comet Ping Pong in Washington sei in Wirklichkeit die Schaltzentrale eines von Hillary Clinton geleiteten Kinderpornorings, stürmte ein 28-Jähriger tatsächlich das Lokal mit einer Waffe in der Hand; er wurde von der Polizei überwältigt.

Fünf Faktoren beflügeln Verschwörungstheorien

Warum nehmen manche Menschen Verschwörungstheorien so ernst? Warum spitzen sie schon von Weitem die Ohren, wenn jemand wieder mal eine verkündet?

Zu allen Zeiten und an allen Orten zeigten jene Menschen, die in besonderem Maße auf Verschwörungstheorien hören und an sie glauben, ähnliche Befindlichkeiten. Diverse Muster und Motive lassen sich mittlerweile nach Studien in Deutschland und in aller Welt vor die Klammer ziehen.

1. Sehnsucht nach Klarheit: Anhänger von Verschwörungstheorien hassen Uneindeutigkeiten aller Art. Der Umgang mit Ambivalenz ist ihnen ein Graus. Und so wird Klarheit flugs auch dort simuliert, wo es keine gibt. Obwohl zum Beispiel der genaue Ursprung des neuen Coronavirus noch immer unklar ist, äußerten in der in dieser Woche veröffentlichten Studie der Universität Osnabrück 38 Prozent der Befragten einfach schon mal die Überzeugung, es sei „im Labor entstanden“. Den Menschen, die mit Ungewissheit schlecht umgehen können, seien Verschwörungstheorien willkommen, sagt Julia Becker, Professorin für Sozialpsychologie in Osnabrück und Leiterin der Studie. Auf diese Art könnten sie ein Gefühl von Kontrolle und Gewissheit zurückerlangen.

2. Gefühl eigener Machtlosigkeit: Fühlt jemand sich sicher, glaubt er gar, selbst einigen Einfluss entfalten zu können auf die Dinge um sich herum, wird er sich für Verschwörungstheorien nicht sonderlich interessieren. Anhänger von Verschwörungstheorien sind ängstlicher und aufgeregter als andere und haben eine insgesamt düsterere Weltsicht. „Sie glauben, in einer bedrohlichen Welt zu leben“, sagt Psychologin Becker. Auch sei bei ihnen der Anteil derer höher, die an eine Anomie glauben, eine bereits vollzogene Beseitigung aller moralischen Maßstäbe in der Gesellschaft. Wie zum Ausgleich leisten sie sich eine egozentrische Grundhaltung, die aus ihrer Sicht auch auf Kosten anderer gehen darf.

3. Ausgrenzung eines Sündenbocks: Krisen aller Art lassen den Wunsch wachsen, einen Sündenbock dafür verantwortlich machen zu können. Im Mittelalter, etwa in Zeiten der Pest, warf man den Juden vor, Brunnen vergiftet zu haben. In diesem Frühjahr, viele Jahrhunderte später, schoss beispielsweise in Frankreich die Zahl von angezeigten antisemitischen Hasskommentaren bei Twitter während der Ausgangsbeschränkungen um 43 Prozent in die Höhe. Zu allen Zeiten half das „Othering“, wie es im Englischen heißt, die Zuordnung des Schlechten zu anderen, das Gemeinschaftsgefühl des eigenen Stamms zu stärken.

4. Sehnsucht nach einem Führer: Im Fall von Angst und Not schaltet das menschliche Hirn mitunter komplett um auf einen primitiven Überlebensmodus. „Dann wird ganz schnell ein Leithammel gesucht“, sagt Psychiatrieprofessor Bandelow, der viele Misshelligkeiten der heutigen Zeit, auch den Populismus, auf die schon in der Steinzeit angelegten ältesten Strukturen im menschlichen Hirn zurückführt. Alles Erlernte und Kulturelle sammele sich im präfrontalen Kortex, dem Stirnhirn. Wenn aber das tiefer liegende Steinzeithirn die Regie übernimmt, wird nicht nur das Denken eng. Auch die Pupillen ziehen sich zusammen, und der Blutdruck steigt. „In Krisen reagieren wir noch immer steinzeitlich, wie Herdentiere“, sagt Bandelow. „Wir wollen einen starken Anführer, und wir wollen einen einfachen Ausweg.“ Dass die Politik sich in einer Viruskrise den richtigen Weg erst selbst ertasten müsse, sei vielen Menschen unerträglich. Doch es führe kein Weg daran vorbei, sich mit komplexen Lösungen zu befassen.

5. Krise der Männlichkeit: Viele Männer sehen sich, auch hier kommt die Stammesgeschichte ins Spiel, unter dem Druck, für alles eine ganz einfache Erklärung bieten zu können. Hinzu kommt neuerdings die weltweite Erosion der früher üblichen Dominanz des weißen alten Mannes. Dies bringe nicht alle, aber eben doch manche Männer dazu, nun besonders lautstark die eine oder andere Verschwörungstheorie zu verbreiten, sagt Hedwig Richter, Professorin für Neue und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Damit werde die weltweite Krise der Männlichkeit zu einem weiteren Faktor, der derzeit die Verbreitung von Verschwörungstheorien rund um die Erde antreibt: „Für manche Männer ist es sehr schwer zu akzeptieren, dass sie keine klaren Antworten geben können.“