Deshalb dauert es diesmal so lange mit der Auszählung

US-Wahl

In Deutschland hat ein neuer Arbeitstag begonnen. Doch in den USA ist ein Sieger der US-Wahl nicht in Sicht. Woran liegt das? Ein Überblick.

Washington

von Daniel Killy

, 04.11.2020, 11:27 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wahlhelfer werten im Pennsylvania Convention Center Briefwahlzettel aus.

Wahlhelfer werten im Pennsylvania Convention Center Briefwahlzettel aus. © picture alliance/dpa

Wer sich die Nacht nicht mit den US-Wahlen um die Ohren schlagen möchte, kann normalerweise mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, am nächsten Morgen nach dem Aufstehen zu wissen, wer der kommende Präsident der USA sein wird. In diesem Jahr ist alles anders. Für den Ausgang der Wahl entscheidende Staaten wie Wisconsin, Michigan oder Georgia haben bereits angekündigt, dass die Auszählung der Stimmen wohl noch Tage dauern wird. Woran liegt das?

1. Grund für die Verzögerung: die vielen Frühwahlstimmen

Zum einen liegt es an der ungewohnt hohen Wahlbeteiligung. Die wiederum erklärt sich aus der Tatsache, dass 101,9 Millionen Amerikaner bereits gewählt hatten, bevor am eigentlichen Wahltermin die Wahllokale öffneten. Das waren bereits 73 Prozent aller Wähler, die 2016 abgestimmt hatten.

Zum Vergleich: 2016 lag der Anteil der Brief- und Frühwähler bei 47 Millionen. Diese Zahl wurde also 2020 – auch aufgrund der Corona-Pandemie – mehr als verdoppelt. In fünf Staaten gab es sogar mehr Frühwähler als 2016 insgesamt abgestimmt hatten: in Texas, Arizona, Montana, Washington und Hawaii.

In den sogenannten Battleground States, den Staaten, die heftig umkämpft sind, wählten gut 44,7 Millionen Menschen frühzeitig. Eine Faustregel besagt, dass Briefwähler eher demokratisch wählen und Republikaner lieber persönlich an die Urne gehen – ob am Wahltag oder früher. Das war auch der Grund, warum US-Präsident Trump seine Kampagne gegen die Briefwahl startete.

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2. Grund für die Verzögerung: die unterschiedlichen Auszähl-Modi

Es gibt in den USA noch nicht einmal eine einheitliche Regelung, was die Briefwahl anbelangt – geschweige denn deren Auszählung. Manche Staaten zählen die Frühstimmen als erste (wie Florida), andere erst später, manche erst Tage nach dem eigentlichen Wahltermin. Ein höchstrichterlicher Beschluss kurz vor den Wahlen verdonnerte die Wahlämter in einigen Bundesstaaten dazu, alle Stimmen zu zählen, die bis einschließlich 9. November postalisch zugestellt werden. Teilweise sogar bis 12. November.

Das wären im Extremfall neun Tage nach dem Wahldienstag. Die gewaltige Anzahl der Brief- und Frühwahlstimmen kann bei knappen Zwischenständen scheinbar feststehende Ergebnisse noch auf den Kopf stellen. Vor allem in Staaten, wo sie erst später ausgezählt werden. Das könnte laut CNN etwa für Pennsylvania, Michigan und Wisconsin gelten.

In anderen umkämpften Staaten, etwa in Texas, wo im frühen Verlauf des Wahlabends die Briefwahlstimmen ausgezählt worden waren, hatten die vielen demokratischen Briefwahlstimmen zunächst das Bild für Joe Biden rosiger gemalt, als die Wahlrealität sie dann später abbildete. Diese Besonderheit der 2020er Wahl lässt sich mit dem Stoßseufzer von CNN-Moderator John King zusammenfassen: „Wir müssen Geduld haben – das Bild, das wir haben, ist nicht annähernd komplett.“

3. Grund für die Verzögerung: The Big Blue Shift – der blaue Rutsch

Der Begriff „big blue shift“ wurde nach Angaben der „Washington Post“ 2013 von dem Wahlrechtsexperten Professor Edward B. Foley geprägt, der an der Ohio State University lehrt. Nachdem er die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen bis ins Jahr 2000 analysiert hatte, fand er heraus, dass demokratische Kandidaten mit höherer Wahrscheinlichkeit hohe Stimmenzuwächse während des gesamten offiziellen Auszählungsvorgangs machen. Das, so Foley, schließe auch sogenannte vorläufige Stimmen ein, die unter dem Vorbehalt abgegeben werden, dass später noch einmal überprüft wird, ob der Wähler auch stimmberechtigt war.

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Foley nannte das Phänomen „blau“, weil republikanische Erfolge in den USA gemeinhin in Rot wiedergegeben werden, Demokraten in Blau. Ein Beispiel des Blueshifts, wenn auch nicht bei einer Präsidentenwahl, fand sich 2018 in Arizona während des Senatswahlkampfs. Erste Ergebnisse am Wahltag suggerierten einen knappen Wahlsieg der Republikanerin Martha McSally, doch nach einer weiteren Woche der Stimmauszählung wurde die Demokratin Kyrsten Sinema zur Siegerin erklärt.

4. Grund für die Verzögerung: Juristische Maßnahmen

US-Präsident Donald Trump gilt als ausgemachter Gegner der Briefwahl. Schon im Vorfeld der Wahl hatten Trump und sein Team angekündigt, im Zweifel juristisch gegen Briefwahlen beziehungsweise deren Ergebnisse vorzugehen. Eine Klage gegen die Briefwahlen in Pennsylvania läuft bereits. Naturgemäß rüsten sich auch die Demokraten für eventuelle juristische Auseinandersetzungen. So manches Endergebnis könnte deshalb vor Gericht erstritten werden.

Geduld ist also das Gebot bei den US-Wahlen 2020.

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