Uni-Kliniken aus NRW wollen Impfstopp mit Astrazeneca für jüngere Frauen

Coronavirus

Ein neuer Paukenschlag in der Debatte um den Impfstoff von Astrazeneca: Fünf von sechs Unikliniken in NRW sprechen sich dafür aus, Impfungen jüngerer Frauen mit dem Vakzin vorerst zu stoppen.

Düsseldorf

30.03.2021, 17:08 Uhr / Lesedauer: 3 min
In einem gemeinsamen Brief sprechen sich die Leiter von fünf der sechs Uni-Kliniken in NRW für einen Impfstopp mit dem Wirkstoff von Astrazeneca für junge Frauen aus.

In einem gemeinsamen Brief sprechen sich die Leiter von fünf der sechs Uni-Kliniken in NRW für einen Impfstopp mit dem Wirkstoff von Astrazeneca für junge Frauen aus. © picture alliance/dpa

Die Leiter von fünf der sechs Uni-Kliniken in Nordrhein-Westfalen sprechen sich in einem gemeinsamen Brief an den Bundes- und Landesgesundheitsminister für den vorläufigen Stopp von Impfungen jüngerer Frauen mit dem Wirkstoff von Astrazeneca aus. Das Risiko von weiteren Todesfällen sei zu hoch, heißt es in dem Schreiben, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

In dem zweiseitigen Schreiben, das von den Ärztlichen Direktoren der fünf Kliniken unterzeichnet wurde, wird Bezug auf die bislang bekannten Verdachtsfälle von Thrombosen nach Astrazeneca-Impfungen genommen. Die Experten stellen dann die Todesfälle durch Covid-19 bei 20- bis 29-jährigen Frauen den potenziellen lebensbedrohlichen Impfkomplikationen in der gleichen Altersgruppe gegenüber.

Für junge Frauen „ein äußerst ungünstiges Nutzen/Risiko-Profil“

Demnach würden - bei gleich bleibendem Infektionsgeschehen und Impfungen jenseits von Astrazeneca - statistisch zehn Frauen zwischen 20 und 29 an Corona sterben. Bei 75 könnte aber theoretisch eine lebensbedrohliche Impfkomplikation auftreten, so die Rechnung der Klinik-Chefs. „Zusammenfassend muss man feststellen, dass am Beispiel der Gruppe der 20- bis 29-jährigen Frauen nach jetzigem Erkenntnisstand ein äußerst ungünstiges Nutzen/Risiko-Profil für den Einsatz des Astrazeneca-Impfstoffes vorliegt“, so die Uniklinik-Chefs in ihrem Brief.

„Im Lichte dieser Überlegungen erscheint uns der Einsatz des Astrazeneca-Impfstoffs bei jüngeren Frauen gegenwärtig nicht gerechtfertigt“, schreiben die Experten. Es bestehe daher „dringender Bedarf“, eine neue Impfempfehlung abzuleiten.

Bis zum Nachmittag wollten die Uni-Kliniken nach dpa-Informationen dem Landes-Gesundheitsministerium eine entsprechende Empfehlung vorlegen. Hintergrund ist eine Sondersitzung der Gesundheitsminister von Bund und Ländern, die sich laut Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Dienstagabend zum Thema Astrazeneca zusammenschalten wollen.

Das Land Berlin hatte bereits am Mittag Corona-Impfungen mit dem Vakzin für Menschen unter 60 Jahren vorsorglich komplett ausgesetzt. In NRW empfahl die Uni-Klinik Köln ihren weiblichen Angestellten unter 55 Jahren im Impfberatungsgespräch, „zumeist keine Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff“, so ein Sprecher. Er bestätigte einen Bericht der „Bild“-Zeitung.

„Wir enthalten niemanden den Impfstoff vor, der ihn auch nach entsprechender Aufklärung ausdrücklich wünscht“, ergänzte der Sprecher. „Insgesamt sind wir sowohl ethisch als auch juristisch verpflichtet, wie bei jeder anderen ärztlichen Maßnahme auch, nach bestem Wissen und Gewissen auf dem neuesten Stand der Erkenntnisse aufzuklären und eine individuelle Impfempfehlung auszusprechen.“

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Die Uni-Klinik Essen stoppte Astrazeneca-Impfungen von Frauen unter 55 Jahren am Dienstag komplett. Ebenso das Impfzentrum der Stadt. Auch im Kreis Heinsberg und im Rheinisch-Bergischen Kreis wartete man nicht auf eine bundesweite Entscheidung und reagierte entsprechend. Im Laufe des Tages folgten unter anderem der Kreis Gütersloh und die Stadt Köln, wie zunächst „Radio Köln“ und der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichteten.

Für die Sonderöffnung des Impfzentrums am Ostersonntag, bei der fast 5000 Menschen Astrazeneca-Impfungen erfolgen sollten, habe das Gesundheitsministerium der Stadt Köln einen alternativen Impfstoff zugesagt, hieß es. Die Uni-Klinik Aachen hatte sich am Dienstag dem Brief der anderen landeseigenen Krankenhäuser unterdessen nicht angeschlossen. Warum, blieb zunächst unklar.

47-jährige Frau im Kreis Euskirchen wenige Tage nach der Impfung gestorben

Allgemein teilte die Uniklinik Aachen mit, dass für den Einsatz der Impfstoffe die Städteregion Aachen zuständig sei. Dort folge man der Empfehlung des Landes-Gesundheitsministeriums und empfehle keine Stopps, bevor nicht die Ständige Impfkommission oder das Paul-Ehrlich-Institut anders entschieden. Hintergrund der aktuellen Debatte ist unter anderem ein Fall aus dem Kreis Euskirchen. Dort hatte eine 47 Jahre alte Frau laut dem Kreis wenige Tage nach der Impfung eine Sinusvenenthrombose erlitten und war gestorben.

Auch eine 28 Jahre alte Frau war nach Angaben des Kreises nach der Impfung an einer solchen Thrombose erkrankt. Sie befindet sich demnach „in einem stabilen Zustand und wird in einer Spezialklinik versorgt“. Der Kreis bestätigte am Dienstag, dass die 28-Jährige in Bonn wohnt, aber im Kreisgebiet arbeitet und dort geimpft wurde. Der Kreis hatte daraufhin bereits am Montag die Impfung von Frauen unter 55 Jahren mit dem Vakzin von Astrazeneca gestoppt.

Im Universitätsklinikum Essen war am vergangenen Mittwoch ein 36 Jahre alter Mann gestorben, der zuvor im Kreis Kleve mit Astrazeneca geimpft worden war. Er war mehrere Tage nach der Impfung ins Uniklinikum Essen gebracht worden. Dort sei er „an den Folgen thromboembolischer Komplikationen“ gestorben, erklärte die Klinik. Ein Zusammenhang zur vorausgegangenen Impfung mit Astrazeneca sei möglich. Der Tote sei obduziert worden, die Ergebnisse lägen aber noch nicht vor, sagte ein Kliniksprecher am Dienstag.

Das Paul-Ehrlich-Institut sei über den Verdacht einer Impfkomplikation umgehend informiert worden. Deutschland - und zahlreiche andere Staaten - hatten die Impfung mit dem Astrazeneca-Stoff im März vorübergehend ausgesetzt, weil mehrere Fälle mit Thrombosen (Blutgerinnseln) in den Hirnvenen in zeitlichem Zusammenhang zur Impfung gemeldet wurden.

Mittlerweile wird der Impfstoff wieder verabreicht. Die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema hatte die Sicherheit des Vakzins bekräftigt, auch die Ständige Impfkommission in Deutschland hatte sich für eine weiteren Einsatz den Mittels ausgesprochen.

dpa

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