„Trump hat uns die Luft zum Atmen genommen“: emotionale Worte bei Anne Will

Anne Will

Bei „Anne Will“ wird in seltener Einmütigkeit über die US-Präsidentschaftswahl debattiert. Ein Bürgerrechtler sorgt für einen emotionalen Moment, aus der Reihe fällt nur ein Republikaner.

Berlin

von Rebecca Lessmann

, 09.11.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 4 min
Der Bürgerrechtler und Pastor Al Sharpton sorgte mit einem Vergleich mit George Floyd für einen emotionalen Moment bei „Anne Will“.

Der Bürgerrechtler und Pastor Al Sharpton sorgte mit einem Vergleich mit George Floyd für einen emotionalen Moment bei „Anne Will“. © picture alliance/dpa (Archiv)

Eine wirkliche Antwort oder gar Diskussion über die Frage „Können Biden und Harris die USA wieder vereinigen?“ ist allerdings ausgeblieben. Zu sehr scheinen alle Beteiligten noch geeint zu sein in ihrem Glückstaumel über den Sieg Bidens.

Mit Ausnahme von dem Republikaner Rough, dem jedoch das Verhalten seines Präsidenten selbst zu peinlich zu sein scheint, als dass er ernsthaft versuchen würde, es zu verteidigen. So weckt die Diskussionsrunde vor allen Dingen die vorsichtige Hoffnung, der Albtraum der letzten vier Jahre, er könnte bald endlich vorbei sein. Etwas anderes glauben, das möchte so kurz nach der Verkündung des Wahlergebnisses offenbar noch niemand, für hitzige Debatten bleibt schließlich später noch genügend Zeit.

Der 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika heißt Joe Biden. Doch Amtsinhaber Donald Trump will das Wahlergebnis nicht anerkennen, spricht von Wahlbetrug. Auch auf den Straßen der USA zeigt sich die tiefe Spaltung, die durch das Land und sein Volk geht. Ein Amerika – zwei Nationen? „Machtwechsel im Weißen Haus – können Biden und Harris die USA wieder vereinigen?“, fragt Anne Will in ihrer Sendung, die in ungewöhnlicher Einmütigkeit vonstattengeht.

Es gelte „die Seele Amerikas“ zu heilen, sagte der Demokrat Biden bei seiner ersten Rede nach Bekanntgabe seines Sieges in seiner Heimatstadt Wilmington in der Nacht zum Sonntag. „Ich verspreche, ein Amerikaner zu sein, der nicht danach strebt zu spalten, sondern zu einen“ – eine klare Anspielung auf seinen Vorgänger Trump. Doch wird dieser, „der Spalter“, ihn, „den Heiler“, überhaupt ins Weiße Haus lassen? Und wenn ja, wird Biden es schaffen, die zutiefst gespaltene Nation wieder zu einen? Anne Wills Gäste jedenfalls sind in ihrer Antwort auf diese Fragen alles andere als geteilter Meinung.

Heiko Maas: „Verlierer sind systemrelevant“

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) wird berufsbedingt wohl am meisten mit der neuen Administration der Vereinigten Staaten zu tun haben. Dementsprechend erleichtert zeigt er sich über das Wahlergebnis. So viel jedenfalls lässt sich auch trotz seiner Internetprobleme zu Beginn erahnen, der Außenminister ist aus dem Homeoffice zugeschaltet. „Was sich derzeit in den USA abspielt, ist ein unangenehmes Nachspiel, doch am Endergebnis wird es nichts ändern: Der neue Präsident heißt Joe Biden, und wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit ihm“, lässt sich schließlich vernehmen.

Maas merkt jedoch an, dass Trumps Umfeld gut daran täte, dem Präsidenten zu erklären, dass er die Wahl verloren habe, „je früher, desto besser“. Verlierer seien in einer Demokratie schließlich systemrelevant.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat zuletzt selbst Erfahrungen mit Vorwürfen anderer Politiker machen müssen. Sein Mitbewerber um den CDU-Vorsitz Friedrich Merz hatte ihm und dem „Parteiestablishment“ politisches Kalkül hinter der Verschiebung des CDU-Parteitags unterstellt. Betont besonnen unterstreicht Laschet sein großes Vertrauen in die demokratischen Institutionen Amerikas, auch wenn es stets unkalkulierbar sei, wie sich Trump verhalten würde.

Die beiden Professorinnen Lora Anne Viola von der Freien Universität Berlin und Hedwig Richter von der Bundeswehr-Universität München sehen ebenfalls keinen Weg, wie sich Donald Trump entgegen dem Wahlergebnis im Amt halten könnte. „Die Frage ist: Was macht Trump, und wie lange noch wird er behaupten, gewonnen zu haben?“ Das ist Viola zufolge zwar aus gesetzlicher Sicht nicht wichtig, doch für seine Anhänger und die Stabilität und Anerkennung der Biden-Administration umso mehr.

„Konzept des Machtverlustes in Trumps Welt nicht vorgesehen“

Der Journalist Klaus Brinkbäumer war während des Wahlkampfs in den USA unterwegs, er hat die gespaltene Stimmung hautnah miterlebt. Auch für ihn ist es zentral, dass Trump und die Republikaner den Sieg Bidens anerkennen, um die Spaltung nicht noch weiter voranzutreiben. Das Problem daran: Wer erledigt den Job und erklärt Trump, dass er verloren hat? „Das Konzept des Machtverlusts ist in der Welt Trumps nicht vorgesehen, jemand muss es ihm erklären.“

Selbst der Republikaner und US-Politikberater Peter Rough gibt sich zunächst einsichtig: „Die Republikaner werden Joe Biden anerkennen.“ Auf der Linie seiner Partei befindet er sich dafür an anderer Stelle, als er die Behauptungen seiner Partei wiederholt, es dürften nur die sogenannten „legitimen Stimmen“ gezählt werden. Außerdem müsse man fragen, warum republikanische Wahlbeobachter in den demokratischen Hochburgen keinen Zugang zu den Wahllokalen bekommen hätten.

Als Will ihn jedoch fragt, was er über den Auftritt Trumps gedacht habe, knickt er schnell ein: „Ich kann ihn gern denunzieren, wenn sie wollen: Das war kindisch, das war bockig.“ Warum berechtigte Kritik Denunziation sei, fragt Will überrascht, Roughs Antwort jedoch gleicht bestenfalls einem ungelenken Ausweichmanöver: „Das, was er gesagt hat, war unredlich, doch es steht ihm zu, jetzt die Gerichte anzurufen.“

„Trump hat uns die Luft zum Atmen genommen“

Nicht bloß unredlich findet der US-Bürgerrechtler und Pastor Al Sharpton die Äußerungen Trumps. Für ihn ist der noch amtierende Präsident der Vereinigten Staaten einer der größten Rassisten aller Zeiten. Zugeschaltet aus einem Auto in New York City, ist Sharptons Glück über Trumps Abwahl bis nach Deutschland zu spüren.

Bewegend wird es, als er Trump mit dem Polizisten vergleicht, dessen Knie dem Afroamerikaner George Floyd im Sommer die Luft abschnürte: „Ich glaube, das war das Gefühl von vielen, das Gefühl, unter Trump nicht mehr atmen zu können. Er hat uns in diesem Land die Luft genommen. Als wir gestern das Ergebnis bekommen haben, konnten wir endlich wieder aufatmen.“

Es gelte jetzt, dem systemischen Rassismus in den USA ein Ende zu setzen: „Er hat seit über 400 Jahren Bestand in diesem Land, wir können ihn in vier Jahren nicht beenden, aber wir können damit beginnen“, sagt Sharpton hoffnungsvoll.

Dass Biden und mehr noch seine Vizepräsidentin Kamala Harris dieser Aufgabe gewachsen sind, darin sind sich an diesem Abend alle einig. Dennoch mahnt Viola an: „Die Demokraten haben einen Fehler gemacht, und zwar, einfach anzunehmen, dass Schwarze sie wählen würden. Auch die Community der People of Color ist sehr divers, und das müssen die Demokraten ernster nehmen.“ Wie so oft an diesem Abend folgt einmütiges Kopfnicken aus der Runde.

Das (einzige) Duell des Abends

Laut – oder etwas lauter – wird es an diesem Abend nur zum Schluss der Sendung. Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte, äußert Kritik an der veralteten Verfassung der Staaten, sie müsse reformiert werden. Da ruft Rough empört aus der Videoschalte dazwischen: „So schlecht stehen wir gar nicht da, immerhin hat unser System uns von nichts bis an die Spitze der Welt gebracht!“ Eine interessante Diskussion, merkt Will an, doch leider ist die Sendung vorbei.

Wenig Antworten, große Erleichterung

Vor allem der Journalist Brinkbäumer und die beiden Professorinnen Viola und Richter haben immer wieder zu klugen Analyseversuchen angesetzt und versucht, der Frage nachzugehen, wo und wann die Spaltung der USA begonnen hat und was sie aufrechterhält.

Eine wirkliche Antwort oder gar Diskussion über die Frage „Können Biden und Harris die USA wieder vereinigen?“ ist allerdings ausgeblieben. Zu sehr scheinen alle Beteiligten noch geeint zu sein in ihrem Glückstaumel über den Sieg Bidens. Mit Ausnahme von dem Republikaner Rough, dem jedoch das Verhalten seines Präsidenten selbst zu peinlich zu sein scheint, als dass er ernsthaft versuchen würde, es zu verteidigen.

So weckt die Diskussionsrunde vor allen Dingen die vorsichtige Hoffnung, der Albtraum der letzten vier Jahre, er könnte bald endlich vorbei sein. Etwas anderes glauben, das möchte so kurz nach der Verkündung des Wahlergebnisses offenbar noch niemand, für hitzige Debatten bleibt schließlich später noch genügend Zeit.

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