Trendumkehr? Welche Warnsignale auf eine dritte Corona-Welle hindeuten könnten

Corona-Lockerungen

RKI-Präsident Lothar Wieler sieht eine Trendumkehr in der Corona-Pandemie. Kennziffern bestätigen das: Fallzahlen und Inzidenzwert sinken nicht mehr, der R-Wert steigt auf einen kritischen Wert.

26.02.2021, 16:29 Uhr / Lesedauer: 4 min
Wissenschaftler warnen vor zu schnellen Lockerungen Anfang März.

Wissenschaftler warnen vor zu schnellen Lockerungen Anfang März. © picture alliance/dpa

Deutschland diskutiert nach ersten Öffnungen von Grundschulen und Kitas über weitere Lockerungen – am 3. März sollen Bund und Länderchefs darüber entscheiden. Zumindest aus epidemiologischer Sicht ist es derzeit ein ungünstiger Zeitpunkt für die Debatten. „Der Rückgang der täglichen Fallzahlen seit Mitte Januar 2021 setzt sich aktuell nicht fort“, heißt es im Situationsbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) vom Donnerstag. „Es gibt einige deutliche Signale einer Trendumkehr“, verdeutlichte auch RKI-Präsident Lothar Wieler bei der Bundespressekonferenz am Freitag den Ernst der Lage.

Kontakte müssten - vor allem in Innenräumen - weiter deutlich begrenzt und Hygieneregeln bei möglichen Lockerungen fortlaufend sehr ernst genommen werden. „Ansonsten steuern wir in eine dritte Welle hinein“, sagte Wieler. Ablesen lasse sich die Trendumkehr anhand mehrerer Parameter. „Es ist doch klar, dass wir dabei nie nur auf eine Zahl schauen“, erklärte Wieler. Den Vorwurf, sich bei Einschätzungen zum Infektionsgeschehen nur auf die derzeit viel diskutierte 7-Tage-Inzidenz zu beziehen, wies der RKI-Chef von sich.

Woran aber ist die deutliche Trendumkehr nun zu erkennen?

Da wäre die absolute Zahl der Neuinfektionen insgesamt, die im Wochentrend wieder zunimmt: Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) an diesem Freitag 9997 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Vor genau einer Woche vermerkte das RKI am Freitag noch 9113 Neuinfektionen. „Die hohen bundesweiten Fallzahlen werden durch zumeist diffuse Geschehen mit zahlreichen Häufungen insbesondere in Haushalten, im beruflichen Umfeld und in Alten- und Pflegeheimen verursacht“, heißt es im Situationsbericht.

Infektionsketten könnten in zahlreichen Kreisen nicht eindeutig nachvollzogen und das genaue Infektionsumfeld nicht ermittelt werden - was eines der zentralen politische Ziele durch die Lockdown-Maßnahmen war.

Fallzahlen und Mutationen: Was passiert in den Landkreisen?

Dann gibt es die binnen sieben Tagen gemeldete Zahl an Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, die das Infektionsgeschehen auf regionaler Ebene vergleichbar und den Fortschritt bei der Umsetzung der Corona-Regeln deutlich macht. In der Langzeitperspektive stimmt der aktuelle Wert zwar optimistisch und zeigt, was durch die Anstrengungen und den Verzicht der letzten Wochen erreicht wurde. Am Freitagmorgen lag die 7-Tage-Inzidenz bundesweit bei 62,6. Vor vier Wochen, am 29. Januar, hatte die Inzidenz noch bei 94,4 gelegen. Und am 22. Dezember war ein Wert von 197,6 ermittelt worden.

Aber: Der Wert stagniert inzwischen und hat sich bundesweit um 60 herum eingependelt. An diesem Freitag (26. Februar) fällt er sogar etwas höher aus als noch am Vortag mit dem Wert von 61, 7. Gemäß dem bisherigen politischen Kurs wäre ein weiteres Fallen des Werts aber notwendig für weitere Lockerungen. Das Infektionsgeschehen unterscheidet sich aber auch auf Landkreisebene. 240 von 412 Kreisen weisen eine hohe 7-Tage-Inzidenz von über 50 auf. In 48 Kreisen liegt sie bei über 100 Fällen auf 100.000 Einwohner, davon in zwei Kreisen bei über 250 Fällen. In Thüringen und Sachsen-Anhalt liegt die 7-Tage-Inzidenz deutlich über der Gesamtinzidenz.

„Wir müssen davon ausgehen, dass die besorgniserregenden Varianten eine Rolle dabei spielen“, erläuterte Wieler beim Pressebriefing am Freitag. Der aktuelle Bericht zur Ausbreitung der britischen Variante B.1.1.7 hat in PCR-Testproben einen Anteil von 22 Prozent mit dieser Mutation festgestellt. Es sei davon auszugehen, dass sich die Mutation bereits weiter ausbreite. B.1.1.7 breite sich rasch aus, sei ansteckender und gefährlicher.

R-Wert steigt – und signalisiert erhöhtes Risiko

Eine in dieser Phase der Pandemie wieder aussagekräftigere Kennziffer ist der 7-Tage-R-Wert. Forscher sehen ihn als Frühwarnwert für den Moment, in dem die ansteckenderen Virusvarianten in Deutschland dominanter werden und das Infektionsgeschehen beschleunigen. An dieser epidemiologischen Größe kann die Infektions- und Ausbruchsdynamik von vor anderthalb bis zwei Wochen abgelesen werden. Der Wert ist auch Ausdruck dafür, wie effektiv die Bevölkerung mit dem eigenen infektionsvermeidendem Verhalten die Virusausbreitung bremst.

Seit dem 8. Februar steigt dieser R-Wert wieder und liegt inzwischen um den kritischen Wert von 1. Genauer: Laut RKI-Lagebericht vom Donnerstagabend liegt er bei 1,05 (Vortag 0,98). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 105 weitere Menschen anstecken. Eine Faustregel besagt: Erst wenn der R-Wert für längere Zeit über 1 liegt, besteht die Gefahr für erneutes exponenzielles Wachstum bei den Fallzahlen und dem Entgleiten der Pandemie-Kontrolle. „Es besteht durch das Auftreten verschiedener Virusvarianten ein erhöhtes Risiko einer erneuten Zunahme der Fallzahlen“, sagt dazu das RKI.

Die gute Nachricht: Impfungen schützen mehr Hochbetagte

Eine positive Entwicklung gibt es aber auch. Wieler und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zufolge ist diese beim Blick auf die Altersverteilung bei bestätigten Corona-Infektionen abzulesen. Inzwischen seien weniger Hochbetagte betroffen. Die Inzidenz bei den Hochbetagten über 80 habe Anfang Februar noch bei 200 gelegen, inzwischen bei 70. „Wahrscheinlich ist das schon ein Effekt der Impfungen“, erklärt der RKI-Präsident. 41,1 Prozent der Gesamtdosen wurden an die über 80-Jährigen verabreicht. Und die allermeisten Pflegeheimbewohner hätten das Impfangebot angenommen.

Trotzdem sei bislang nur ein kleiner Anteil der Bevölkerung geschützt. Das zeigen auch die Zahlen: 4,5 Prozent der Menschen in Deutschland haben laut Impfmonitor eine erste Dosis erhalten, 2,5 Prozent haben inzwischen vollständigen Impfschutz. Laut RKI-Auswertungen hat die Hälfte der Deutschen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf.

Anteil schwerer Covid-19-Erkrankungen und Todesfälle gesunken

„Die Zahl der Todesfälle geht zurück. Das zeigt, dass wir es gemeinsam in der Hand haben, wie sich die Pandemie entwickelt“, sagte Wieler. Er erinnerte auch daran, dass die Zahl der Toten zwar derzeit abnimmt, es aber weiterhin jeden Tag mehrere hundert Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gebe. In dieser Woche wurden täglich um die 400 Todesfälle gemeldet, vergangene Woche waren es um 500. Auch die Kliniken spüren noch keinen Anstieg: 2898 Intensivpatienten mit Covid-19 werden, Stand 25. Februar, auf den Stationen in Deutschland behandelt. Der Trend nach unten setzt sich bislang weiter fort.

Divi-Simulationen in Kooperation mit der Technischen Hochschule Aachen zeigten allerdings, dass bei Lockerungen vor April bei gleichbleibender Impfgeschwindigkeit und der weiteren Ausbreitung von B.1.1.7 mit einer erneuten sehr hohen Belastung der Intensivstationen und Kliniken im Frühjahr zu rechnen sei. Gerechnet werde bei frühen Lockerungen im ungünstigsten Szenario bereits Mitte Mai mit bis zu 25.000 Covid-19-Intensivpatienten, ein extrem hoher Wert, der Intensivstationen überfordern würde. Effekte durch den befürchteten Anstieg bei den Neuinfektionen wären in den Kliniken durch den Zeitverzug immer erst einige Wochen später zu spüren.

Die Lage sei aktuell zwar „spürbar besser als Anfang des Jahres“, sagt dazu Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Diese Zahl bei der Bettenbelegung entspreche aber immer noch dem Höhepunkt in der ersten Welle im Frühjahr 2020. Entspannung gebe es trotz vorerst gesunkener Fallzahlen zudem nicht für das Personal, weil viele durch die zweite Corona-Welle verschobene Behandlungen, etwa von Tumor- und Herzpatienten, derzeit nachgeholt würden.

Viele Pandemieforscher halten eine dritte Infektionswelle mit vielen Infizierten ab März und April angesichts der sich ausbreitenden Virusvarianten und Überlegungen zu Lockerungen für ein realistisches Szenario. Einmal mehr rief auch Wieler die Menschen am Freitag dazu auf, umsichtig zu bleiben und sich trotz Lockdown-Erschöpfung weiter die Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln zu einzuhalten.

Lesen Sie jetzt