Trauer in Zeiten von Corona: Abschied nehmen wird erschwert

Trauer

Die Einschränkungen und Maßnahmen in der Corona-Krise haben das Abschiednehmen erschwert. Wer während des Lockdowns einen Trauerfall erlebt hat, musste sich mit einer besonderen Situation abfinden.

von Angela Stoll

, 05.09.2020, 15:52 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die Einschränkungen und Maßnahmen in der Corona-Krise haben das Abschiednehmen erschwert. (Symbolbild)

Die Einschränkungen und Maßnahmen in der Corona-Krise haben das Abschiednehmen erschwert. (Symbolbild) © picture alliance / Marius Becker

Fast jeden Tag hatte die alte Dame im Seniorenheim Besuch, sei es Montag, Dienstag oder Mittwoch. Die Mitglieder der kleinen Kirchengemeinde, in der sie sich engagiert hatte, wechselten sich nach einem festen Plan ab. „Dafür hat sie gelebt“, erzählt ihre Nichte. Dann begann die Corona-Krise, und auf einmal kam niemand mehr, weder am Montag, Dienstag oder Mittwoch. Nach ein paar Wochen war die Frau tot. Offensichtlich hatte sie einfach keine Lust mehr zu leben, meint ihre Nichte.

Zu diesem Zeitpunkt, Mitte April, war nur eine Beerdigung im engsten Kreis erlaubt. Doch die alte Frau hatte sich ein großes Fest vorgestellt, an dem ihre ganze Gemeinde teilnimmt. Um ihren Wunsch zu erfüllen, soll die Trauerfeier erst in den kommenden Monaten stattfinden. „Das ist schon ein komisches, unbefriedigendes Gefühl“, sagt die Nichte. „Mir tut es auch der Tante gegenüber leid, dass der Abschied nicht möglich ist.“

Corona-Maßnahmen erschweren Abschied nehmen

Wer während des Lockdowns einen Trauerfall im Familien- oder Freundeskreis erlebt hat, musste sich mit einer besonderen Situation abfinden. Die gesetzlichen Vorgaben haben das Abschiednehmen oft erschwert, und zwar auf ganz verschiedenen Ebenen. Welche Folgen das für die Psyche hat, ist derzeit unklar. „Auf jeden Fall ist hier noch viel abzuarbeiten“, sagt Klaus Onnasch von der Fachgruppe Trauer im Deutschen Hospiz- und Palliativverband, der sechs Trauergruppen begleitet.

Besonders dramatisch war die Situation für Menschen, die sterbenden Angehörigen nicht so beistehen konnten, wie sie sich das gewünscht hätten: „Vor allem in der Pflege gab es extreme Situationen“, sagt Onnasch. „Zum Beispiel weiß ich von einem Mann, der seine demente, todkranke Frau nur durch eine Glasscheibe sehen durfte. Berührung war nicht erlaubt. Was er gesagt hat, hat sie nicht verstanden.“ Berührung, sagt der Trauerbegleiter, sei aber gerade am Anfang und am Ende des Lebens sehr wichtig.

Zeitweise keine Trauergottesdienste

Auch bei den Abschiedsritualen gab es starke Einschränkungen: Eine offene Aufbahrung war oft nicht möglich, Trauergottesdienste fanden zeitweise nicht statt. Außerdem musste die Zahl der Trauergäste während des Lockdowns äußerst klein gehalten werden. „Das konnte zum Beispiel bedeuten, dass Freunde gar nicht kommen durften“, sagt der Theologe Norbert Mucksch vom Bundesverband Trauerbegleitung. „Manchmal hatten diese aber einen engeren Draht zum Verstorbenen als Blutsverwandte.“ Auch Blütenblätter und Erde, die man ins Grab werfen kann, dürfen mancherorts nicht mehr bereit stehen. Dabei können solche Bräuche wichtig sein: „Durch Rituale fühlen wir uns in der Gemeinschaft aufgehoben“, sagt Mucksch. „Das mündet im Beerdigungskaffee, bei dem die Trauernden sich wieder dem Leben zuwenden.“ Doch auch ein solcher Leichenschmaus bzw. Tränenbrot, wie es mancherorts genannt wird, war nicht möglich.

Als merkwürdig, mitunter sogar grausam empfinden es Hinterbliebene und Trauergäste oft, dass Berührungen tabu sind: „Häufig fehlen Menschen beim Kondolieren die Worte, weil sie das Gefühl haben, nichts Tröstliches sagen zu können. Stattdessen möchten sie den anderen einfach nur in den Arm nehmen.“

Psychologin: Trauerarbeit ist wichtig

Eine Trauerfeier ist wichtig, damit Hinterbliebene den Tod eines geliebten Menschen begreifen können. „Wenn man nicht Abschied nehmen kann, kann man den Tod manchmal nicht realisieren. Verstandesgemäß weiß man zwar Bescheid, aber die Nachricht kommt emotional nicht an“, sagt Katharina Betz von der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Uni Eichstätt-Ingolstadt.

Die Psychologin und ihre Kollegen behandeln Erwachsene, die an einer sogenannten anhaltenden Trauerstörung leiden. Gemeint sind damit Menschen, die durch einen Verlust derart aus der Bahn geworfen wurden, dass sie auch einige Monate oder gar Jahre später nicht in den Alltag zurückfinden und sich zum Beispiel stark zurückziehen. Ob die Corona-bedingten Einschränkungen dazu führen werden, dass mehr Menschen solche handfesten psychischen Probleme bekommen, ist noch unklar.

„Es ist zu früh, um dazu etwas zu sagen“, betont Betz. Allerdings dürften die Besonderheiten, die der Pandemie geschuldet sind, die Gefahr erhöhen. „Großer Stress nach einem Verlust ist ein Risikofaktor“, sagt die Psychologin. Durch die Krise haben die Belastungen für die meisten Menschen allgemein stark zugenommen: Viele bangen um ihren Job und ihre Gesundheit, haben finanzielle Sorgen, müssen mehr Arbeit leisten. Solche Umstände können den Druck, unter dem Trauernde stehen, noch verstärken.

Kontaktbeschränkungen wirken sich negativ auf Trauer aus

Auch Kontaktbeschränkungen und die Einschränkungen im sozialen Leben wirken sich für sie oft zusätzlich negativ aus: „Angehörige konnten zeitweise nicht zu Besuch kommen. Außerdem waren zum Beispiel Treffen im Café nicht möglich“, sagt Betz. „Dabei ist Unterstützung durch das soziale Umfeld in dieser Zeit besonders wichtig.“ Das gilt auch für Trauergruppen, die zeitweise nicht zusammenkommen durften. Der Trauerbegleiter Mucksch sagt: „Wir haben in unserer Gruppe trauernder Eltern Videokonferenzen statt der Gruppentreffen angeboten, haben aber gemerkt, dass die personale Begegnung durch nichts zu ersetzen ist.“

Aber die Erfahrungen in der Corona-Zeit waren nicht nur negativ. Dass etwa Beerdigungen in einem so intimen Kreis stattfinden mussten, kam manchen Hinterbliebenen sogar entgegen, wie ein Seelsorger berichtet: „Eine Feier in so reduzierter Form wird persönlicher.“ Die eine oder andere Familie war offenbar froh darum, dass die Beerdigung nicht in der großen Öffentlichkeit stattfinden konnte. Das passt zu dem Grundsatz, den Mucksch betont: „In der Trauer gibt es kein ‚richtig‘ und ‚falsch‘.“ Was Menschen gut tut – eine große Feier mit vielen Leuten oder eine kleine, stille Gedenkfeier – ist völlig unterschiedlich.

Digitaler Abschied: Trauerfeier per Video-Stream

Abgesehen davon haben Pfleger, Bestatter, Sterbe- und Trauerbegleiter sowie die Angehörigen selbst in vielen Fällen kreative Wege gefunden, um das Abschiednehmen zu ermöglichen: So wurden Sterbenden letzte Nachrichten überbracht, Fotos von Verstorbenen gemacht, Trauerfeiern per Video übertragen oder digitale Kondolenzbücher eingerichtet.

Manche Hinterbliebenen planen, in den nächsten Monaten nochmal eine Trauerfeier im größeren Kreis zu zelebrieren. „Man kann sich auch sein eigenes Ritual gestalten“, sagt Mucksch. „Vielleicht war der Verstorbene ein Weinliebhaber. Warum also nicht mit einer Flasche Wein ans Grab gehen und gemeinsam auf ihn anstoßen? Da kann es ganz individuelle Lösungen geben.“

Hier bekommen Betroffene Hilfe in schwierigen Zeiten

Aufzeichnungen: Für Freunde und Verwandte, die bei einer Beerdigung nicht dabei sein können, gibt es digitale Möglichkeiten: Viele Bestatter bieten an, die Feier per Livestream zu übertragen oder ein Video aufzunehmen, das man später ansieht. Allerdings sollte man Friedhofsverwaltung und Teilnehmer fragen, ob sie einverstanden sind.

Internet: Hinterbliebene können Trauerportale im Internet nutzen, um eine digitale Gedenkseite für den Verstorbenen einzurichten. Besucher haben dort die Möglichkeit, zum Beispiel Musik, Fotos und Gedichte hinterlassen oder digitale Kerzen anzünden. Auch Kirchen betreiben entsprechende Seiten, z.B. www.trauernetz.de (Trauerportal der evangelischen Kirche) und www.trauerraum.de (Trauerportal des Bistums Essen).

Briefe: Um die Trauer besser zu bewältigen, hilft es einigen Menschen, dem Verstorbenen einen Brief zu schreiben. Kann man selbst nicht bei der Beerdigung dabei sein, kann man jemanden bitten, ihn vorzulesen oder ungeöffnet ins Grab zu werfen. Auch Bilder oder andere Erinnerungsgegenstände kann man ins Grab geben lassen.

Gedenken: Manche Hinterbliebenen bitten Freunde und Verwandte, zu einer bestimmten Zeit Gedenkminuten für den Toten einzulegen und z.B. eine Kerze anzuzünden oder ein Gebet zu sprechen.

Ritual nachholen: Wer unzufrieden ist, weil die Beerdigung eines Angehörigen nur klein gefeiert werden konnte, kann eine Trauerfeier nachholen – entweder mit einem selbst ausgedachten Ritual oder auch im Rahmen eines Gottesdienstes.

Psychologische Hilfe: Hinterbliebene, bei denen die Trauer auch nach mehr als sechs Monaten nicht abnimmt und die dadurch Schwierigkeiten in der Alltagsbewältigung erleben, kann eine Therapie anhaltender Trauer helfen. Informationen über Behandlungsmöglichkeiten gibt es unter www.trauer-therapie.de.

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