Thomas Gottschalks späte Rache: Warum er Dieter Bohlen bei „DSDS“ ersetzt

Deutschland sucht den Superstar

In zwei Liveshows wird Thomas Gottschalk neuer Jurychef bei „DSDS“. Das wurmt Dieter Bohlen zutiefst, denn beide sind in herzlicher Abneigung verbunden.

von Imre Grimm

, 27.03.2021, 09:51 Uhr / Lesedauer: 3 min
Thomas Gottschalks späte Rache: Warum er Dieter Bohlen bei „DSDS“ ersetzt

© picture alliance / dpa

Nein, sie werden sicher keine Freunde mehr in diesem Leben. Der Dieter, maulte Thomas Gottschalk (70) vor ein paar Jahren, sei kein Teamplayer. Der Thomas, maulte Dieter Bohlen (67) zurück, habe damals beim „Supertalent“ versagt. Er wolle niemals enden wie der Bohlen, ätzte Gottschalk mit Blick auf Bohlens wundersame Gesichtsverjüngung. Gleichfalls, antwortete Bohlen – „selbst im Sarg werde ich nicht so aussehen wie er“. Es ist ein putziger Zickenkrieg der Silberrücken.

Nun ist es ausgerechnet Gottschalk, der Bohlen als Chefjuror bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) ersetzt, zumindest für zwei Livesendungen. Bohlen hat krankheitsbedingt abgesagt. Was ihm fehlt, ist unbekannt. Was aber nach dem Rausschmiss durch RTL mit Sicherheit schwer verletzt ist: sein Ego.

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Stabile Quoten – aber keine Liebe

Doch die Personalie Gottschalk passt ins Bild. Seit Monaten ist RTL schleichend bemüht, sein Image als Krawall-und-Remmidemmi-Sender zu korrigieren, sich ein familienfreundlicheres Erscheinungsbild zu verpassen. Gerade hat man sich „Tagesschau“-Urgestein Jan Hofer eingekauft, sein vertrautes Gesicht soll die Seriosität erhöhen. Die Frage ist freilich, ob diese RTL-Seriositätsoffensive nicht 30 Jahre zu spät kommt.

Anfang 2019 hat der bisherige RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger nach 18 Jahren den Sender verlassen. Unter seiner Regie entstanden Lästerformate wie „DSDS“, „Das Supertalent“ oder „Bauer sucht Frau“, die zwar jahrelang stabile Quoten, aber keine Liebe brachten. Nachfolger Kai Sturm, bis dato Vox-Chefredakteur, sieht „nach fast zwei Jahrzehnten gemeinsamer Erfolge“ mit Bohlen jetzt den „richtigen Zeitpunkt für Veränderung und Weiterentwicklung“. Was er meint: So geht es nicht weiter. Die großen Erfolgsformate sind alle zwei Jahrzehnte alt. Und das Interesse hat massiv nachgelassen.

„Jenseits der Schmerzgrenze“

Tatsächlich hat RTL ein tieferes Problem: Lästern ist out, Liebe ist in. Schon im Sommer hatte Sturm das hauseigene Trash-Format „Das Sommerhaus der Stars“ kritisiert. „Die Eskalation der Aggressivität und das unangenehme negative Gefühl, das in dieser Staffel steckt, hat uns persönlich auch betroffen gemacht“, sagte er damals selbstkritisch in einem Interview mit dem Magazin „Übermedien“.

Man habe sich „mehr positive Aspekte in der Staffel gewünscht, mehr Versöhnung, glückliche Momente, Entspannung, viel mehr Humor“. Einiges, was RTL da gezeigt hätte, sei „jenseits der Schmerzgrenze“ gewesen.

Weniger Mobbing-TV? Mehr Versöhnung? Schmerzgrenze? Das klingt so gar nicht nach Helmut Thomas altem Tischfeuerwerk RTL. Aber die Zeiten, in denen Promiblogs und Boulevardmagazine einen Bohlen-Spruch zum willkommenen Skandälchen aufbliesen, sind lange vorbei. Stattdessen hält eine neue Behaglichkeit Einzug.

Das lineare Fernsehen sucht sein Heil zunehmend in Positivität. Das Aufeinanderhetzen argloser TV-Opfer in grellen Reality-Formaten entsprach dem Zeitgeist der hedonistischen Nullerjahre mit ihren Ich-AGs und egozentrischen Fake-Sehnsüchten. Für die Abteilung Weltumarmung aber ist der Kinderbeschimpfer Bohlen der völlig falsche Mann. Gottschalk hingegen war immer der große Versöhner der Generationen. Er schaffte immer den Spagat zwischen Miley Cyrus und Ruth Maria Kubitschek.

„Keine Lust mehr auf dieses Erregungsfernsehen“

Kein Zweifel: Gottschalk, der „göttliche Bub“ (Martin Walser), will nicht als TV-Heilandsgestalt im Operettenkostüm in Erinnerung bleiben. Er hofft darauf, noch einmal ein Retropublikum zu finden, das wie er selbst genervt ist von der digitalen Überreiztheit ringsum – ohne dabei in eine Art grantiges Thilo-Sarrazin-Fernsehen abzurutschen.

Kein Zweifel: Gottschalk, der „göttliche Bub“ (Martin Walser), will nicht als TV-Heilandsgestalt im Operettenkostüm in Erinnerung bleiben. Er hofft darauf, noch einmal ein Retropublikum zu finden, das wie er selbst genervt ist von der digitalen Überreiztheit ringsum – ohne dabei in eine Art grantiges Thilo-Sarrazin-Fernsehen abzurutschen.

Eine Zeit lang „war ich einfach durch mit diesen Formaten, bei denen man Punkte zählt und Buzzer drückt“, sagte Gottschalk einst dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er hatte „keine Lust mehr auf dieses Erregungsfernsehen, diesen Zwang, immer ‚the biggest show ever‘ machen zu müssen. Dieses dauernde Verkaufen, das will ich nicht mehr!“

Aber: „Ich habe nicht mehr diese Ängstlichkeit, es mir mit jemandem zu verscherzen“, sagte er damals. „Ich beabsichtige, meinen Spaß zu haben.“ Es ist die Gottschalk-Methode, mit den Zumutungen der Gegenwart zurechtzukommen.

Bohlen konnte es nie laut, schmutzig und grell genug sein

Schon 2012, als Gottschalk eine Staffel lang neben Bohlen in der Jury im grellen Kuriositätenkabinett „Das Supertalent“ saß („ein Missverständnis“), hatte er sich ausbedungen, die Freakshow zu entschärfen – weniger Kunstfurzer, Penismaler, Kehlkopfsänger, Wassergurgler, nackte Haut und Trash, stattdessen mehr Harmonie und Familientauglichkeit, mehr Kuschel-TV, ganz wie einst bei „Wetten, dass ...?“.

Brachialrhetoriker Bohlen aber, dem es nie laut, schmutzig und grell genug sein konnte, setzte sich damals durch, die Reform fiel aus. Es blieb beim bombastischen Quatschpathos dieses Zirkus, in dessen britischer Ausgabe eine Protagonistin mit ihrer Vagina Flöte spielte.

Nun also: die späte Revanche des Thomas Gottschalk. Zumindest für zwei Sendungen. Musikalisch hat er kaum Expertise vorzuweisen, da galt sein Interesse stets dem alten Status-quo-Rock-‘n’-Roll. Aber um Musik ging es auch nie bei „DSDS“. „Dieters Fußstapfen sind groß“, sagt Sturm pflichtschuldig. „Wenn einer die passende Schuhgröße hat, dann Thomas Gottschalk.“

Möglich, dass einer seiner Zuschauer am Samstag in Tötensen sitzen und nicht glücklich darüber sein wird, was er da sieht. Faktisch mag nur ein alternder Star den anderen ersetzen. Zwischen dem Menschenbild aber, für das die beiden stehen, liegen noch immer Welten.

RND

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