„Sterblichkeit hinnehmen“: Sind Lockdowns wirklich zu teuer?

Corona-Maßnahmen

Lockdowns sind sehr teuer – weshalb einige Ökonomen fordern, stattdessen eine „gewisse Sterblichkeit“ hinzunehmen. Andere fordern noch härtere Maßnahmen. Beide Seiten haben gute Argumente.

von Christoph Höland

, 17.02.2021, 21:39 Uhr / Lesedauer: 3 min
Harter Lockdown oder Sterblichkeit hinnehmen, um die Wirtschaft zu retten? Mit dieser Frage beschäftigen sich aktuell die Ökonomen.

Harter Lockdown oder Sterblichkeit hinnehmen, um die Wirtschaft zu retten? Mit dieser Frage beschäftigen sich aktuell die Ökonomen. © picture alliance/dpa

Geld oder Leben? Man könnte meinen, dass heutzutage die Politik vor dieser Frage steht, wenn sie über die Fortführung des Lockdowns entscheiden muss. Denn aus Sicht mancher Ökonomen ist der so teuer, dass es sinnvoller ist, eine gewisse Sterblichkeit hinzunehmen. Das hatte jüngst Michael Hüther, Direktor des Instituts für Wirtschaft (IW) in Köln, vorgeschlagen. In einer als Politikempfehlung bezeichneten Analyse plädieren er und sein Kollege Hubertus Bardt für eine „ökonomische Abwägung“, wie viele „Corona-Fälle und auch Corona-Tote“ hinnehmbar seien.

Damit geht das Duo auf Konfrontationskurs zu anderen Ökonomen. Clemens Fuest, Direktor des als liberal geltenden Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) in München etwa unterstützt ausdrücklich eine No-Covid-Strategie. Bei der sollen die Fallzahlen zunächst auf ein Minimum gedrückt werden, bevor Geschäfte und Dienstleister wieder öffnen können – ein Vorschlag, für den sich auch Wissenschaftlerinnen wie Viola Priesemann oder Melanie Brinkmann begeistern können.

Doch welcher der Vorschläge ist ökonomisch vernünftig?

Tatsächlich können beide Seiten auf wissenschaftliche Studien verweisen, die ihre Position unterfüttern. Hüther und Bardt stellen sich nicht grundsätzlich gegen Lockdowns, sondern bezweifeln deren Sinn, wenn die Fallzahlen ohnehin niedrig sind. Wie niedrig sie sein sollten, bleibt zwar offen – doch auf der Hand liegt, dass ihnen höhere Werte vorschweben, als sie die No-Covid-Initiative anvisiert.

Wirken Lockdowns wirklich nicht?

Dabei stützen sich Hüther und Bardt nicht zuletzt auf Forschungen von Stanford-Professor Eran Bendavid. Der hatte nach einer internationalen Vergleichsstudie festgestellt, dass Lockdowns kaum wirksame Mittel zur Pandemiebekämpfung sind. Es sei es nicht wahrscheinlich, dass die vollständige Beseitigung von Infektionsrisiken mit kurzfristigen und harten Maßnahmen auch die wirtschaftlich überlegene Option für die Politik sei, heißt es deshalb bei Hüther und Bardt.

Fuest indes bezweifelt die Ergebnisse von Bendavid. „Dass Lockdownmaßnahmen das Infektionsgeschehen beeinflussen, ist durch Studien gut belegt“, ist der Münchener Ökonom überzeugt – und gibt damit auch die Auffassung der Weltgesundheitsorganisation WHO wieder. „Die oft als Lockdowns bezeichneten Maßnahmen zum Social Distancing können die Übertragung von Covid-19 verlangsamen“, erklärt diese.

Sind die Lockdowns überhaupt das Problem?

Doch auch die WHO betont, dass Lockdowns profunde negative Auswirkungen auf Individuen und Gesellschaften haben können. Das steht für Hüther und Bardt im Vordergrund, die neben den wirtschaftlichen Kosten auch die negativen Folgen von Lockdowns für Kinder als Argument ins Feld führen – und deshalb eben besagte Abwägung zwischen Gesundheitsschutz und Kosten von Lockdowns fordern.

Zentral ist für Fuest allerdings, dass Lockdowns womöglich nicht so teuer sind – weil aus seiner Sicht die angeordneten Einschränkungen der Geschäftstätigkeit gar nicht das Hauptproblem sind. Studien würden zeigen, dass beispielsweise der Rückgang der Konsumausgaben und die Arbeitsplatzverluste hauptsächlich auf die Angst der Konsumenten vor dem Virus zurückzuführen sein. „Schweden hat zunächst kaum Lockdownmaßnahmen ergriffen, die Wirtschaft ist aber trotzdem eingebrochen, wenn auch etwas später und zunächst nicht ganz so stark wie in den Nachbarländern“, erklärt Fuest.

Andere Ökonomen argumentieren ähnlich wie Fuest

Vergleichende Studien aus den USA deuten ihm zufolge in eine ähnliche Richtung. „Wenn man bei hoher Infektionsgefahr Geschäfte und Restaurants öffnet, wird die Zahl der Kunden, die hingehen, begrenzt sein“, zeigte sich Fuest deshalb überzeugt. Außerdem drohe dann sehr schnell die nächste Infektionswelle, mit entsprechenden Folgen für die Wirtschaft.

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Neu sind derartige Argumente indes nicht wirklich: Im Gegensatz zu Hüther hatte sich zuletzt unter anderem der Sachverständigenrat der Bundesregierung immer wieder für eine konsequente Bekämpfung der Pandemie eingesetzt. „Es wird keine nachhaltige wirtschaftliche Erholung geben, wenn wir die Pandemie nicht in den Griff bekommen“, hatte etwa der Wirtschaftsweise Achim Truger kürzlich dem RedaktionsNetzwerk Deutschland gesagt.

Ein „Bärendienst für die Wirtschaft“?

„Ich halte Debatten darüber, in welchem Umfang man Todesfälle angeblich hinnehmen muss, für wenig hilfreich“, sagt denn auch Ifo-Wissenschaftler Fuest über die jüngst veröffentlichte Analyse von Hüther und Bardt. Zugleich betonte er, dass es durchaus Überschneidungen zwischen dem IW-Konzept und dem No-Covid-Ansatz gebe: Mit einer Ausweitung der Testkapazitäten und einem Ausbau der Kontaktnachverfolgung sollte man Fuest zufolge „sofort anfangen“.

Deutlicher wurde indes Anke Hassel, Ökonomin und Gesundheitsexpertin von der Berliner Hertie-School of Governance: „Ich befürchte, Michael Hüther erweist der Wirtschaft gerade einen Bärendienst“, twitterte die Wissenschaftlerin. Doch zwischen dem, was Unternehmen wollen, und dem was aus ökonomischer Sicht langfristig sinnvoll ist, scheint schon länger eine Lücke zu klaffen. Längst fordern viele Unternehmer ein Ende des Lockdowns – womit sie sich womöglich ins eigene Fleisch schneiden.

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