Ohne Kohle kein Revier. Aber kein Revier ohne Kohle? Ende 2018 schließen die letzten Zechen. Für das Ruhrgebiet endet damit nicht nur die Ära des Bergbaus, sondern auch die härteste Phase des Strukturwandels.

Dortmund

, 17.09.2018 / Lesedauer: 7 min

Schwarz. Funkelnd. Hart und zerbrechlich. Ein Klotz, und doch filigran. Schwer liegt die Kohle im Regal. „Lothringen“ steht auf einem Brocken, „Erin“ auf einem anderen. Die Buchstaben aus Lötzinn machen die Kohleklumpen zur Reliquie. Im Ruhrgebiet findet sich das „Schwarze Gold“ heute eher im Museum. Bald liegt hier auch ein Stück mit dem Namen „Prosper-Haniel“. Die letzte aktive Zeche im Ruhrgebiet stellt am 21. Dezember die Förderung ein, zusammen mit „Ibbenbüren“ im Münsterland.

Abschied von der Kohle heißt es dann. Endgültig, nach tausend Jahren Bergbau. Genau genommen ist es ein Abschied vom Abschied. Seit sechs Jahrzehnten entfernt sich das Ruhrgebiet von dem, was es erschaffen hat: von der Kohle. In Ostdeutschland zählt man 30 Jahre seit der Wende. Im Ruhrgebiet 60 Jahre Strukturwandel. 1958 begann hier die Kohlekrise und in den Jahrzehnten darauf wurde um die Zukunft der Kohle politisch gerungen. Die Zukunft ist nun Vergangenheit.

Jeder Pütt ist anders

Zeche Lothringen in Bochum-Gerthe schloss 1967, Erin in Castrop-Rauxel 1983. Hier wurde Hans Mohlek zum Bergmann, als junger Mann „mit Muffe“, wie er sagt. Wenn er heute an Abschied denkt, denkt er an Erin. An die Kaue nach der letzten Schicht 1983. „Du hängst dein Arbeitszeug hier nicht mehr auf“, erinnert er sich: „In dem Moment war ich froh, dass mich keiner angeguckt hat.“ Ein seltsames Gefühl. „Als ob einem was weggenommen wird.“

Sterben auf Raten - das Ende des Kohlezeitalters drohte schon früh

Hans Mohlek arbeitete als Elektro-Steiger auf Prosper-Haniel. Seit er im Vorruhestand ist, engagiert er sich im Knappenverein in Bochum-Gerthe für den Erhalt der Bergmann-Tradition. © Legrand

Abschied nehmen hat Mohlek damals schon gelernt. Danach ging er nach Prosper-Haniel in Bottrop. Aber jeder Pütt ist anders. Jetzt schließt auch Prosper. „Damit geht eine Ära zu Ende“, sagt der heute 57-Jährige. Er schluckt. Seit einigen Jahren ist er im bergmannstypischen Vorruhestand, seitdem ist er Vorsitzender des Bergmanns-Kameradschafts-Vereins Gerthe 1891 in Bochum. Im Keller einer Grundschule ist das kleine Museum voller Grubenlampen, Spitzhacken und auch den verzierten Kohlekunstwerken von „Lothringen und „Erin“. Erst seit Mohlek nicht mehr einfährt, hat er Zeit. Zeit, um die Erinnerung wachzuhalten.

Arbeitskampf in Düsseldorf und Bonn

Pechschwarze Luftballons stehen in der Luft vor dem Düsseldorfer Landtag. Auf jedem steht: „Ich bin ein Arbeitsplatz.“ Es ist der 1. Februar 2007 und Tausende Bergleute demonstrieren gegen die Pläne der Landesregierung, den Bergbau noch schneller zu schließen. Die Demonstration ist das letzte Aufbäumen, das allerletzte. Eher ein Aufflackern. Mit Luftballons. Zehn Jahre zuvor fand die Polizei noch Holzlatten in manchen Bussen, die die Kumpel nach Bonn brachten. Heftiger Protest gegen Kanzler Kohl und die Pläne, die Subventionen zu kürzen. Hundert Kumpel standen in Unterwäsche vor der FDP-Zentrale: „Wollt ihr unser letztes Hemd?“ Es lagen Verzweiflung und Wut in der Luft.

Sterben auf Raten - das Ende des Kohlezeitalters drohte schon früh

Die Bergleute kämpften lange für das Überleben des Bergbaus. 1997 zogen Zehntausende nach Bonn und demonstrierten gegen die Bundesregierung. © dpa

Lange wissen die letzten Bergleute vom baldigen Schichtende. Aber macht es das einfacher? Hans Mohlek macht eine lange Pause. „Ne“. Er schluckt. „Es war ein Sterben auf Raten. Im Endeffekt ist es der Tod.“

Dramatische Nacht beim Kohlegipfel

Der wurde lange geplant. In einer dramatischen Nacht nach dramatischen Wochen des Verhandelns im Januar 2007 einigen sich die Bundesregierung – schon unter Merkel –, die Landesregierungen von NRW und dem Saarland sowie die Gewerkschaften auf das Auslaufen der milliardenschweren Subventionen bis zum ach so fernen 2018. Weit weg. Viel zu weit, findet ausgerechnet der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers von der CDU. Er droht, den mühsamen Kompromiss platzen zu lassen. Das Ende solle schneller kommen, noch schneller. 2014 schon. Dem Steuerzahler könnten die Milliarden Subventionen nicht mehr zugemutet werden. 33.000 Menschen beschäftigt der Bergbau zu diesem Zeitpunkt noch.

„Bergleute verraten, verkauft von unserem Landesvater“ steht auf einem Plakat vor dem Landtag. Dass ausgerechnet der NRW-Ministerpräsident das Ende beschleunigen möchte, wäre lange undenkbar gewesen. Es ist ein Zeichen, dass sich etwas verschoben hat. Für den Rest der Republik waren Kohlepfennig und Subventionen schon lange ein Ärgernis. Aber auch die Region nabelt sich vom Bergbau ab. 2003 protestierten Anwohner gegen die Pläne der Zeche Walsum in Duisburg, auch unter dem Rhein Kohle abzubauen. Protest im Ruhrgebiet gegen die Kohle – ein Warnsignal.

Machtzentrum der Sozialdemokratie

Hannelore Kraft überhört es. Die SPD werde weiter für die Zukunft der Kohle kämpfen, verspricht die damalige Oppositionsführerin bei der Anti-Rüttgers-Demo im Februar 2007 den Bergleuten. Der Aufstieg der SPD an Rhein und Ruhr zum Machtzentrum der Sozialdemokratie basiert auf diesem Kampf. Auf dem Höhepunkt der Kohlekrise 1966 erobert die Partei unter Heinz Kühn das Land. Die regierende CDU hatte das Zechensterben seit 1957 einfach nur zur Kenntnis genommen. Und weiter kräftig den ländlichen Raum gefördert. Die SPD dagegen ist die Partei des Strukturwandels, des Schmerzmilderns. Das erklärt ihren Aufstieg und vielleicht auch ihre heutige Krise. Die Schmerzen haben sich gewandelt. Die Erzählung des Strukturwandels, einst ein Erfolgsschlager, klingt heute altbacken. Trotz aller Erfolge.

Erfolge des Strukturwandels

IT, Logistik, Technologiezentren, so viele Hochschulen, dass man den Überblick verliert. Das Ruhrgebiet als moderne Großstadt, doch der Kampf gegen die Natur ist nicht weit. Tausend Meter tief. „Es ist ein Abenteuerspielplatz“, sagt Hans Mohlek. Dreck und Hitze, ja. „Aber jeden Tag eine neue Herausforderung.“ Deshalb liebt der Bergmann seinen Beruf. „Der Berg arbeitet. Wenn ich heute meinen Arbeitsplatz verlasse, sieht er morgen nicht mehr so aus. Heute war es da furztrocken, am nächsten Tag plästert es, weil eine Wasserader angeschnitten wurde. Heute kann man aufrecht in der Strecke stehen, drei Tage später wird der Druck auf das Gebirge so groß, dass man auf allen Vieren durchkriechen muss. Es verändert sich von Tag zu Tag.“

Sterben auf Raten - das Ende des Kohlezeitalters drohte schon früh

Politik und Bergbau waren immer eng verflochten. Die SPD - auch mit Willy Brandt (M.) - wurde zur Macht an Rhein und Ruhr im Kampf um den Strukturwandel. © Oliver Schaper / Sammlung Beuchel

Das Ende, das langsame Sterben, die Blüte, der Aufbau: Die Politik setzte immer die Hebel. Keine andere Branche war wie der Bergbau so eng mit der Politik verbunden und schlussendlich so abhängig. Kohle stand lange Zeit nicht nur für Jobs und Wähler, sondern auch für Wachstum, Sicherheit, Unabhängigkeit. Heute würde man sagen: Der Bergbau war systemrelevant. Dass sich das ändern kann, sollte eine Warnung an Landwirtschaft und Automobilindustrie sein, die ähnlich von Hilfen und Regelungen abhängig sind.

Politik prägte den Bergbau

Wer zahlt die Zeche? Über Kosten und Nutzen entscheidet letztendlich der Konsument und Wähler. Lange entschied der Staat alleine. Investitionen, Fördermenge, Löhne – mit dem Direktionsprinzip regierte die Obrigkeit seit 1776 in jede Grube. Das reichte lange. Mit der Industrialisierung, die sich langsamer Bahn brach als die heutige Digitalisierung, zog der Wachstumsgedanke in Preußen ein. Die Instrumente auch schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Flexibilisierung und Kapital. Preußens liberale Politik entfachte ein Wachstum, weil sie Aktiengesellschaften zuließ und die Kontrollen lockerte. Für Sicherheit und faire Löhne mussten Gewerkschaften jahrzehntelang kämpfen. Als es doch mal hakte, half trotzdem wieder der Staat den Bergbauunternehmen. Mit günstigen Eisenbahntarifen erreichten sie neue Absatzmärkte.

Die Zeit des Bergbaus ist die Zeit des Wilden Westens an der Ruhr, der Migration und auch der Integrationsdebatten. „Polacken“ sagte man. Und meinte es so böse wie es klang. Die Zeit ging drüber hinweg, die nächsten Gastarbeiter kamen.

Und was man heute auch gerne vergisst: Das Ende des Kohlezeitalters drohte schon früh. Die Zeche Zollverein, als Weltkulturerbe heute ein Aushängeschild, war das auch schon Ende der 1920er: für modernste Technik. Durch Rationalisierung wurden Personalkosten gesenkt. Eine erste Reaktion darauf, dass die Nachfrage sank und die Kosten zu hoch waren. Das langsame Ausgleiten des Bergbaus blieb aber aus: Die Nazis verhinderten dies, Autarkie und Krieg waren ihre Ziele, die Kohle dafür unabdingbar. Und auch nach der Zerstörung Deutschlands brauchte das Wirtschaftswunder die Energie der Kohle.

Billige Energie aus dem Ausland

Doch Energie wurde günstiger. Die großen Kunden wie Kraftwerke kauften billigere Kohle aus Nordamerika, wo man für das Schwarze Gold nicht so tief graben musste. Und dann Heizöl und Gas. 1956 strich die Bundesregierung den Mineralölzoll, vorher schon die Mineralölsteuer. Der „Vater des Wirtschaftswunders“, Ludwig Erhard, wurde zur „Mutter aller Probleme“ für die Bergleute. Ordnungspolitik und freie Märkte auf der einen Seite, Energiesicherheit und Jobs auf der anderen Seite der Debatte, die sich so über Jahrzehnte hinzog. Bis die Waage endgültig kippte.

Sterben auf Raten - das Ende des Kohlezeitalters drohte schon früh

Ludwig Erhard gilt als „Vater des Wirschaftswunders“. Er argumentierte für offene Märkte. Kohlebefürwortrer setzten dagegen auf Sicherheit durch heimische Kohle. © dpa

In Bochum endete der Bergbau 1973, in Castrop-Rauxel 1983, in Dortmund 1987, in Lünen 1992, in Essen 1993, in Gelsenkirchen 2009, in Hamm 2010. Der Abschiedsschmerz im Ruhrgebiet ist vielerorts längst verklungen. Zuletzt sind jetzt Bottrop und Ibbenbüren dran. Schicht am Schacht für die letzten 3500 Kumpel.

In der Theorie der Marktwirtschaft klingt das folgerichtig. Ökonomie und Schicksal sind jedoch nicht deckungsgleich: Fast 500.000 Menschen arbeiteten 1957 auf den 141 Zechen im Ruhrgebiet. 500.000 Schicksale. 500.000 Familien. Dazu kommen Hunderttausende bei Zulieferern, Maschinenbauern und bei den Kollegen aus der Stahlproduktion. Auch andere hingen dran. Nicht nur in Kneipen und Buden. Auch in Handel und anderen Dienstleistungen.

Wandel begründet das Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet also eine einzige Krisenregion? Wie im Berg, den der Bergmann durchgräbt, liegen Probleme übereinander geschichtet wie Flöze. Kohlekrise, Konjunkturkrisen, Stahlkrisen. Das meiste ist bewältigt.

Städte mit billigem Wohnraum locken Menschen bis heute, viele ohne Qualifikation, obwohl gerade einfache Jobs aussterben. Arbeitslose Bergleute gibt es nicht, eine hohe Arbeitslosenquote in allen Ruhrgebietsstädten aber dennoch. Die Industrialisierung gründete das Ruhrgebiet, der Wandel begründet das Ruhrgebiet von heute. Ohne Kohle kein Revier. Aber kein Revier ohne Kohle?

„Es ist dann nicht mehr der Bergmann, der die Geschichten erzählt“, sagt der Bergmann Mohlek. „Vielleicht sind es dann Informatiker.“ Er selbst hat es erlebt, bei sich im Knappenverein. Wie die Erzählungen sich wandeln. Die Dönekes der alten Bergleute, wie sie die Kohle mit dem schweren Abbauhammer losgemacht haben. „Aber dann kommt meine Generation, die sagt: Ja, ihr habt ja richtig malocht. Wir auch, aber wir haben anders gearbeitet. Zu der Zeit, als ihr mit dem Abbauhammer gearbeitet habt, hat jeder Bergmann am Tag 10 Tonnen Kohle losgemacht. Die Maschine, die ich betreut habe, schafft 60 Tonnen. Aber nicht am Tag, sondern in der Minute.“ Bald kommen neue Generationen. Der Abschied geht, der Wandel bleibt.

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