Spahn: Steigende Corona-Neuinfektionen „besorgen mich sehr“

Coronavirus

Die Zahl der Neuinfektionen ist in Deutschland sprunghaft angestiegen. RKI-Präsident Lothar Wieler und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn über die Corona-Lage im Herbst.

Berlin

08.10.2020, 09:31 Uhr / Lesedauer: 3 min
Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, bei einer Pressekonferenz.

Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, bei einer Pressekonferenz. © picture alliance/dpa

Gesundheitsminister Jens Spahn hat sich angesichts der steigenden Corona-Neuinfektion besorgt gezeigt. Dies gelte besonders für die aktuelle, sprunghafte Steigerung auf mehr als 4000 Neuinfektionen binnen eines Tages. „Sie besorgen mich sehr“, sagte Spahn auf einer Pressekonferenz. Deutschland dürfe das bisher Erreichte nicht verspielen. Es liege an allen, das zu schaffen. „Wenn 80 Millionen mitmachen, sinken die Chancen des Virus gewaltig.“

Es komme weiterhin auf Abstand, Hygieneregeln und Masken an, sagte Spahn - nun in der kalten Jahreszeit ergänzt um Lüften und ein möglichst breites Nutzen der Corona-Warn-App.

Zweiter Lockdown möglich?

Auf die Frage, ob es in Deutschland zu einem zweiten Lockdown kommen könne, sagte Spahn: Unter Einbezug der AHA-Regeln gelinge es gerade gut, die Dinge etwa beim Einkaufen oder beim Friseur im Griff zu haben. Daher gehe es vor allem um bestimmte Bereiche wie Feiern, Großveranstaltungen oder Hochzeiten und in diesen Bereichen seien dann bestimmte Beschränkungen nötig, wie etwa ein Alkoholverbot. Deswegen halte er nicht viel davon, eine Debatte mit der Überschrift „zweiter Lockdown“ zu führen, so Spahn.

RKI: 10.000 neue Fälle pro Tag möglich

RKI-Präsident Lothar Wieler sagte, seit Anfang September würden die Fallzahlen steigen. „Das Infektionsgeschehen nimmt in fast allen Regionen zu.“ Das beunruhige ihn sehr, sagte Wieler. „Wir wissen nicht, wie sich die Lage in Deutschland in den nächsten Wochen entwickeln wird. Es ist möglich, dass wir mehr als 10.000 neue Fälle pro Tag sehen. Es ist möglich, dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet“, sagte Wieler.

Urlaubsrückkehrer spielten beim Infektionsgeschehen in Deutschland nur noch eine kleinere Rolle. Das Durchschnittsalter bei den Infektionen steige inzwischen wieder an. „Es gibt wieder mehr Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen und Krankenhäusern“, sagte Wieler. Wenn sich wieder mehr ältere Menschen ansteckten, werde es auch wieder mehr schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle geben. Die Annahme, dass das Virus nicht so schlimm sei, sei ein „Trugschluss“. „Unser Ziel ist, so wenig wie möglich Infektionen zuzulassen.“ Nur dann werde das Gesundheitssystem nicht überlastet, und nur dann verhindere man viele schwere Verläufe und Todesfälle.

Fortschritte bei der Behandlung von Covid-19-Patienten

Susanne Herold von der Justus-Liebig-Universität Gießen sagte, man habe inzwischen viel über die Krankheit und etwa ihre Verläufe gelernt. So zum Beispiel über den Einsatz von Gerinnungshemmern und über die Medikamente Dexamethason und Remdesivir in der Behandlung. „Wir sind aber noch nicht am Ziel“, sagte Herold. Es gebe weiter Forschungsbedarf. Das Risiko an einer Coivd-Erkrankung zu sterben, steige ab 60 Jahren, sagte Herold. „Es ist nicht eine Erkrankung der Alten und Schwachen.“

Martin Kriegel von der TU-Berlin, Aerosol-Experte, empfahl, sich nicht lange in schlecht belüfteten Räumen aufzuhalten. In gut gelüfteten Räumen habe man keine Superspreader-Events gesehen. Gute Luft sei auch mit einem angenehmen Raumklima kombinierbar. „Je mehr Luft Sie reinbringen, desto weniger Risiko haben wir.“

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Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sagte, man sei bisher nie in die Nähe einer Überlastung des Gesundheitssystems gekommen. Daran habe sich nichts geändert. „Das System ist gut aufgestellt.“ Gassen sagte weiter: „Wir sind gut gerüstet, aber das ist kein Selbstläufer.“ Abstands- und Hygieneregeln seien unerlässlich, wer sie verletze „handelt grob fahrlässig“. Die Positivenrate bei den Tests liege derzeit bei 1,5 bis 1,6 Prozent.

Kanzleramtschef sieht Beginn einer zweiten Welle

Unterdessen sieht der Chef des Bundeskanzleramtes, Helge Braun (CDU), wegen der vielerorts steigenden Corona-Infektionszahlen den Beginn einer sogenannten zweiten Welle. Man sehe in einigen Großstädten nicht nur, dass der wichtige 50er-Grenzwert überschritten werde, sondern auch, dass die Zahlen sehr schnell anstiegen. „Das heißt, dass die Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern möglicherweise an einigen Stellen nicht mehr funktioniert, und das ist der klassische Beginn einer zweiten Welle“, sagte Braun am Donnerstag im „Frühstart“ von RTL/ntv.

Über diese Regionen müsse man die Kontrolle zurückgewinnen. Dabei müsse auch wieder über Kontaktbeschränkungen nachgedacht werden. Gerade mit Großstädten wie Berlin oder Bremen sei man „intensiv im Gespräch“. Mit Blick auf am Mittwoch beschlossene Reisebeschränkungen sprach Braun von einer schwierigen Phase. Dies sei das „mildeste und einfachste Mittel“.

RND

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