Mit einem Aufnahmestopp für Ausländer sorgte die Essener Tafel Anfang des Jahres für mächtig Streit. Wir haben nachgefragt, ob andere Tafeln in der Region vor ähnlichen Problemen stehen.

von Dirk Berger, Felix Püschner

NRW/Werne

, 22.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Die Essener Tafel hatte Anfang 2018 einen Ausgabestopp von Berechtigungsscheinen für Ausländer verhängt, weil sich vor allem ältere deutsche Bezieher von meist jüngeren Migranten bedrängt gefühlt hatten.

Rassismusvorwürfe prasselten auf den Leiter ein, die Öffentlichkeit urteilte scharf. Gibt es das Problem auch in anderen Ausgabestellen – und haben sich die Auseinandersetzungen auf das System der Warenverteilung, die Organisation, das Klima bei anderen Tafeln ausgewirkt?

Deutlich mehr Essen für kleines Geld

Jeden Mittwochmorgen wird es vor dem ehemaligen Möbelhaus Reuter Tönnies an der Burgstraße in Werne voll. Schon um kurz vor zehn stehen mehr als 50 Menschen auf dem Hof. Man plaudert miteinander, hält Ausweis, kleine Zettel mit Nummern und Kleingeld in der Hand. „Hier, zwei Euro. Dafür bekomme ich schon eine Menge Lebensmittel. Deutlich mehr als im Supermarkt“, sagt eine Frau, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Seit zehn Jahren kommt sie bereits einmal wöchentlich zur Werner Ausgabestelle der Unnaer Tafel. Das Geld, das sie früher in ihrem Teilzeitjob verdient habe, habe nie gereicht, um die Lebenserhaltungskosten zu stemmen, erklärt sie. Und jetzt – da sie arbeitslos sei – reiche es erst recht nicht: „Man kann kalkulieren so viel man will, die Rechnung geht nicht auf.“

Kein Gedränge, kein Meckern

Auf dem kleinen Zettel in ihrer rechten Hand steht die Nummer 15. Als sie aufgerufen wird, geht sie in den Ausgaberaum und dreht eine Runde, vorbei an den langen Tischen mit Obst, Gemüse, Backwaren und Süßigkeiten. Der Einkaufskorb füllt sich. Für zwei Euro bekommt man hier tatsächlich viel. Manchmal genügt es für zwei Tage, manchmal für fünf – je nachdem, wie viel Ware die Ausgabestelle morgens bekommen hat.

So reagieren die Tafeln in der Region auf Flüchtlinge und Streit bei der Essensausgabe

Die Mitarbeiter der Tafel-Ausgabe in Werne.

Im Ausgaberaum geht es geordnet zu. Kein Gedränge, kein Meckern, keine Streitigkeiten oder gar Beschimpfungen. Niemand scheint sich unwohl zu fühlen. Weder Deutsche noch Migranten. Anders als in der Essener Ausgabestelle also. Vergleichbare Probleme habe man hier noch nie gehabt, versichert Dieter Schimmel, der die Tafelausgabe in Werne bereits seit 14 Jahren koordiniert – genauso lange, wie es sie in der Lippestadt überhaupt erst gibt. Seit 2016 ist sie zurück in den Räumen an der Burgstraße, nachdem sie zwischenzeitig in der früheren Steintorschule untergebracht war.

Kunden versorgen oft auch ihre Familie mit

Aktuell versorgt die Tafel in Werne knapp 70 Kunden – genauer gesagt 70 Abholer. Denn viele kaufen nicht nur für sich selbst, sondern auch für Familienangehörige ein. Die jeweilige Personenzahl ist auf den einzelnen Ausweisen vermerkt. Die braucht man, um hier etwas zu bekommen. Und wer einen Ausweis hat, von dem erwartet die Tafel, dass er regelmäßig kommt.

„Auch wir müssen schließlich kalkulieren, um die Lebensmittel sinnvoll aufteilen zu können“, sagt Schimmel. Welche Lebensmittel im Ex-Möbelhaus einmal pro Woche verteilt werden, wissen auch die zehn Helfer erst, sobald die Lieferung eintrifft. Denn die gleicht oftmals einer Wundertüte. Mal gibt es zwei volle Körbe mit Bananen oder vier Kisten Eisbergsalat, mal ist weder das eine noch das andere vorhanden. Und das, obwohl gerade Salat und Obst bei den Kunden hoch im Kurs stehen.

Wir haben nicht nur bei der Tafel in Werne nachgefragt: Fahren Sie über die interaktive Karte, um zu erfahren, wie andere Ausgabestellen in der Region auf die Auseinandersetzungen in Essen reagiert haben.

Selbst ohne Deutschkenntnisse kann man sich verständigen

Ist nicht genug Obst und Gemüse für alle da, sorgt das trotzdem nicht für Unmut. Auch nicht bei den Kunden, deren Deutschkenntnisse teils sehr begrenzt sind. „Man kann sich immer irgendwie verständigen. Zur Not mit Händen und Füßen“, sagt Helfer Friedhelm De Gruisbourne. In manchen Fällen schlüpfen zudem andere Kunden in die Rolle des Dolmetschers.

De Gruisbourne mag die Arbeit hier. So könne er anderen Menschen auf direktem Wege helfen. Ob er während seiner fünfjährigen Tätigkeit auch nur ein einziges Mal einen aggressiven Kunden erlebt hat? „Nein“, sagt er. Und unwohl fühlt sich er sich hier auch nicht. Das hat er noch nie. Auch nicht 2016, als die Nachfrage durch den Zuzug von Flüchtlingen plötzlich erheblich stieg. Mehr als 100 Menschen holten damals regelmäßig Lebensmittel in der Werner Ausgabestelle ab.

Auch hier Aufnahmestopp - aber wegen fehlender Lebensmittel

Damals verhängte die Unnaer Tafel für Werne einen Aufnahmestopp. Nicht wegen der Flüchtlinge, sondern schlichtweg, weil die Kapazitäten nicht mehr ausreichten, wie Schimmel sagt. Aktuell gilt seitens der Zentrale in Unna für Werne ebenfalls ein Aufnahmestopp. Weil die Ausgabestellen wegen der Ferien nicht so viel Ware bekämen wie sonst, heißt es. Lebensmittelgeschäfte ordern aufgrund geringerer Kundenzahlen weniger Ware – dadurch fällt auch für die Ausgabestellen der Tafel weniger ab. Mit Ausnahme des Aufnahmestopps scheinen Werne und Essen nicht viel gemeinsam zu haben. Konsequenzen aus den dortigen Vorfällen hat man hier nicht gezogen. Warum auch, wo doch die eigenen Erfahrungswerte viel positiver sind.

Auswirkungen haben die Geschehnisse in Essen dennoch bis heute. „Essen hat vor allem gezeigt, wie sehr Tafeln in Deutschland und das Ehrenamt unter Druck stehen“, erläutert Evelin Schulz, Geschäftsführerin Tafel Deutschland e.V. Das Thema Armut sei dadurch wieder deutlicher in die Debatte gerückt. „Endlich wird darüber gesprochen, dass es ein Armutsproblem gibt.“

Es wird allen geholfen, die Hilfe brauchen

Etwa 16 Millionen Menschen seien von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Aktuell würden 1,5 Millionen bedürftige Menschen von 940 Tafeln unterstützt. Der Dachverband biete Vernetzungstreffen und Weiterbildungen an, informiere über Maßnahmen von Einrichtungen, die gut mit der Situation zurechtkämen. Eine einheitliche Lösung, die auf alle Tafeln übertragbar sei, gebe es indes nicht.

Die Entscheidungsfreiheit der Verteilstellen vor Ort betont der Landesvorsitzende der Tafeln NRW, Wolfgang Weilerswist. „Jede Tafel ist ein eigenständiger Verein, der seine Verhaltensweise selbst festlegt“, sagt Weilerswist. Der Landesverband achte nur auf die Einhaltung der Tafelgrundsätze, wie beispielsweise die Ehrenamtlichkeit der Arbeit sowie die Unabhängigkeit von politischen Parteien und Konfessionen. Es werde allen Menschen geholfen, die der Hilfe bedürfen.

„Keine diskriminierenden oder rassistischen Entscheidungen“

Für Tafeln in Trägerschaft von Kirche und Diakonie hat die Diakonie 2010 Handlungsempfehlungen formuliert. Sie werden darin aufgefordert, ihre gesamte Arbeit vor dem Hintergrund von Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit zu gestalten. „Wenn Tafeln sich daran halten, können keine diskriminierenden oder rassistischen Entscheidungen getroffen werden“, erklärt Ute Burbach-Tasso, Pressesprecherin der Diakonie Deutschland.

Der Austausch zwischen freiwillig Engagierten bei den Tafeln mit den hauptamtlichen Sozialarbeitern aus dem Diakonischen Werk und anderen sozialen Institutionen sorge dafür, „dass gesellschaftlich hoch problematische Entscheidungen wie die der Essener Tafel ausbleiben“.

„Brot ist nicht alles“

„Die Diskussion haben wir natürlich ebenfalls wahrgenommen“, so Markus Lahrmann, Sprecher des Caritasverbandes NRW, unter dessen Trägerschaft 40 Tafeln betrieben werden. Aber auch hier keine Veränderung in der täglichen Arbeit. Die Caritas wende sich grundsätzlich gegen das Ausspielen einzelner Gruppen, verfolge den Ansatz, die Lebensmittelgabe mit einer Sozialberatung zu verbinden. „Brot ist nicht alles“, sagt Lahrmann, „denn die Probleme sind oft vielfältiger.“ Mitunter schließe sich eine Schuldnerberatung an oder der Kontakt mit einer Drogenberatungsstelle oder auch einer Erziehungsberatung.

Essen, das wird deutlich, spielte eher eine Rolle in der Debatte um das Gesamtproblem als in der Praxis anderer Tafeln.