So liefen die letzten Kriegstage 1945 in der Region

Karte, Chronologie, Zeitzeugen

Vor 70 Jahren: Der Zweite Weltkrieg ist in der letzten Phase. Die Amerikaner rücken unaufhaltsam näher, befreien Stadt um Stadt. Mal stoßen sie auf erbitterten Widerstand, mal werden weiße Flaggen gehisst. Wie erlebten die Menschen in der Region diese Zeit? Was passierte genau in den einzelnen Städten? Wir haben die letzten Kriegstage 1945 in einem multimedialen Spezial nachgezeichnet.

NORDKIRCHEN

31.03.2015, 05:57 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die Lippebrücke an der Langen Straße in Lünen - wie viele Brücken über den Fluss von den deutschen Truppen auf dem Rückzug gesprengt.

Die Lippebrücke an der Langen Straße in Lünen - wie viele Brücken über den Fluss von den deutschen Truppen auf dem Rückzug gesprengt.

Das erfahren Sie in diesem Online-Spezial:

  • interaktive Karte: Welche acht Orte beschäftigen uns in diesem Spezial zum Ende des Zweiten Weltkriegs? Wann wurden sie befreit? Ein erster kurzer Überblick.
  • chronologischer Zeitstrahl: 16 Tage Befreiung der Region im Zeitstrahl. Informationen aus acht ausgewählten Orten im Detail - aus Zeitzeugenberichten und Chroniken.
  • Interview: Historiker Dr. Ralf Blank im Gespräch. Mit ihm sprechen wir über die letzten Kriegstage in der Region. "Es war ein 'mopping up', ein Aufwischen", sagt er.
  • Videos: So haben drei Zeitzeugen die letzten Kriegstage und die Zeit unmittelbar danach erlebt. 

Es ist eine der letzten schweren Schlachten in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Der Kampf im "Ruhrkessel", im April 1945. Die Alliierten ziehen eine Schlinge um die in weiten Teilen völlig zerbombte Region. "Der Widerstandswille der Bevölkerung war nicht mehr besonders groß - für die Amerikaner war es daher eher ein Aufwischen der deutschen Verteidigung, ein 'mopping up'", sagt Ralf Blank, Schwerter Historiker und Leiter des Bereichs Wissenschaft, Museen und Archive in Hagen. 

Die Karte: Diese acht Orte stehen in unserem Fokus   

 

Der Zeitstrahl: Eine Chronologie der Ereignisse

Im Zeitstrahl schauen wir ausführlich auf die Städte in unserer Region - mit einer bebilderten Chronologie. Auf Werne, HerbernSelm, Olfen und Nordkirchen, die schon von den Alliierten besetzt sind, bevor sich der "Ruhrkessel" am 1. April bei Lippstadt vollends schließt. Dort sind die Ostertage 1945 ganz besondere. Auf Lünen, wo auf ein anfangs schnelles Vorrücken der Alliierten vor allem um Brambauer heiße Kämpfe entbrennen. Auf Castrop-Rauxel, wo neun Tage lang erbittert Widerstand gegen die Alliierten geleistet wird. Und auf Schwerte, wo die Amerikaner am 13. April - kurz vor Ende der Ruhrgebiets-Kämpfe - die weiße Flagge auf dem Rathausturm hissen. Dortmund bleibt als Großstadt außen vor - im Fokus sollen bei diesem Spezial ganz bewusst die umliegenden Städte stehen.

Klicken Sie sich durch den Zeitstrahl und erfahren Sie Details zu den letzten Kriegstagen bis zur Befreiung der einzelnen Orte - zusammengestellt aus Chroniken und Tagebüchern. Sie haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern wollen lediglich versuchen, ein Bild der Tage in der Region zu vermitteln.  

Das Interview: "Es war ein 'mopping up', ein Aufwischen"

Dr. Ralf Blank wurde in Schwerte geboren und ist Historiker. Dr. Ralf Blank wurde in Schwerte geboren und ist Historiker. Zu seinen Forschungsgebieten zählt die „Heimatfront“ 1939-1945 an Rhein und Ruhr. Bei der Stadt Hagen leitet er den Fachdienst Wissenschaft, Museen und Archive. Anfang 2015 ist sein neues Buch „Bitter End. Die letzten Monate des Zweiten Weltkrieg im Ruhrgebiet“ (Klartext-Verlag Essen) erschienen. Mit ihm haben wir über die Ereignisse März und April 1945 gesprochen. Herr Blank, 70 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges geht es in erster Linie um das Erinnern an die Befreiung durch die Alliierten vom NS-Regime. Wie haben die Menschen 1945 diese Tage erlebt? "Dass die Deutschen vor 70 Jahren beim Einmarsch der Amerikaner dieses Gefühl der Befreiung gespürt haben, ist eher zu bezweifeln. Einige sicherlich. Zum Beispiel ehemalige Mitglieder demokratischer Parteien von vor 1933 und Regimegegner. Oder die Zwangsarbeiter. Es gab aber auch eine große Zahl von Menschen, die bis zuletzt an Adolf Hitler und das NS-Regime geglaubt haben. Für sie war es eher eine Eroberung und Besetzung. Und genau das war es auch für die Amerikaner, die die Operation auch als militärische Einnahme und nicht in erster Linie als Befreiung der deutschen Bevölkerung gesehen haben."

Vor diesem Hintergrund: Wie groß war der Widerstand, den die Deutschen den Alliierten lieferten - wie war die Kampfmoral in den letzten Tagen des Krieges?

"Bei einigen ranghohen Offizieren war der Widerstand oft noch fanatisch - das waren ja häufig gläubige Nationalsozialisten. Von ihnen wurde auch oftmals der Kampf bis zum letzten Mann propagiert. Der Widerstandswille in weiten Teilen der Bevölkerung war hingegen nicht besonders groß. Auch die Einheiten der Wehrmacht und des „Volkssturms“ waren nur noch bedingt einsatzfähig. Es war ja auch der "letzte Rest", der vielerorts den Amerikanern entgegengestellt wurde. Angehörige der Hitler-Jugend, ältere Männer und Kranke - die Betriebe waren ja eigentlich schon längst nach den verbliebenen kampffähigen Soldaten ausgekämmt worden. So war es für die Amerikaner mehr ein "mopping up", ein Aufwischen der deutschen Verteidigung."

Dennoch sind Unterschiede zu erkennen. In Castrop-Rauxel etwa wurde angeblich neun Tage erbittert Widerstand gelei stet - in Schwerte ohne Kampf die weißen Flaggen gehisst. Wie lässt sich das erklären? "Das kann verschiedene Gründe haben. Natürlich hing das mit den handelnden Personen vor Ort, den Militärbefehlshabern und Kreisleitern zusammen. Oft bauten sie Droh- und Druckkulissen aufgebaut, um zu verhindern, dass sich eine Stadt ergibt. Die Einwohner einer Stadt hatten dagegen Glück, wenn die Verantwortlichen erkannten, dass nichts mehr zu machen war und sich zurückzogen. Viel hing davon ab, wie es um die militärische Schlagkraft bestellt war, ob es noch kampffähige Einheiten in einer Stadt gab."

Am Ende dauerte es nur knapp drei Wochen, ehe das Ruhrgebiet in der Hand der Alliierten, sprich: der Amerikaner, war. Hatten diese mit solch einem schnellen Sieg gerechnet? "Nein, ganz und gar nicht. Sie hatten etwa zuvor in Köln und Aachen die langwierigen Ruinenkämpfe erlebt - und auch das Ruhrgebiet wäre dafür ideal gewesen. Die Amerikaner hatten sich auf mehr Widerstand eingestellt. Aber es war halt alles ziemlich am Ende: Neben den Menschen, die tatsächlich noch fähig waren zu kämpfen, und der Moral in der Bevölkerung auch die materiellen Ressourcen, wie Treib- und Sprengstoff, auch Waffen und Fahrzeuge. Die Befehle für eine "verbrannten Erde", wie sie von Hitler zum Schluss gefordert wurde, konnte aus diesen Gründen zum Teil nicht befolgt werden - weil etwa für Brückensprengungen die geeignete Sprengstoffe und Fachleute fehlten."

Die Videos: Alltagsgeschichten von der Befreiung und der Zeit kurz danach

Wie haben die Menschen der Region diese Tage der Befreiung erlebt? Wir haben mit drei Zeitzeugen aus Lünen gesprochen: Mit Eleonore Köth-Feige, die bei Kriegsende im Stadtteil Brambauer wohnt. "Plötzlich war alles ganz still", erinnert sie sich an den Moment, als der Krieg vorbei ist. Mit Klara Rogge, heute 98 Jahre alt. Sie lebt beim Einmarsch der Amerikaner mit ihren zwei Kindern in der Bäckerstraße in Lünen. "Aus der Wohnung mussten wir raus, weil die Amerikaner Quartier bezogen", erzählt sie. Als die Amerikaner aus Lünen abziehen, hinterlassen sie ihr im Schrank ein Geschenk. Und mit Manfred Semrau, der die Befreiung als 13-jähriger Junge aus der Moltkestraße mitbekommt. Einige Wochen später landet er eine Nacht im Gefängnis.  

Eleonore Köth-Feige - plötzlich war alles still

 

Klara Rogge - das Geschenk im Schrank

 

 

Manfred Semrau - eine Nacht in Gefangenschaft

 

 

Mitarbeit: mf/rs/rott/blf/thas/sy-

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