So hilft Buchhändler „Thalia“ China bei der Propaganda in Deutschland

Buchhandel

Die Buchhandelskette Thalia verkauft in mehreren großen Filialen Bücher eines regimetreuen chinesischen Verlags. Vor allem die Art und Weise der Präsentation sorgt für Verärgerung.

Berlin

17.09.2020, 21:12 Uhr / Lesedauer: 3 min
Über den chinesischen Präsidenten Xi Jinping ist zuletzt ein Buch unter dem Titel "China regieren" erschienen.

Über den chinesischen Präsidenten Xi Jinping ist zuletzt ein Buch unter dem Titel „China regieren“ erschienen. © picture alliance/dpa

Wer durch die „Thalia“-Filiale am Alexanderplatz in Berlin schlendert, steht plötzlich vor drei großen Buchregalen unter bemerkenswerten Rubriken: eins bietet „Chinesische Autoren“, das zweite den „Thalia Tipp“, das dritte ist schlicht das „Chinesische Regal“.

Noch bemerkenswerter ist das üppige, aber einseitige Angebot: Titel zum chinesischen Frühlingsfest, zur Geschichte und Literatur des Landes sowie Kinderbücher über Pandabären. Außerdem Werke des Literaturnobelpreisträgers Mo Yan, seines Zeichens Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas.

Und dazu, fast schon beiläufig, Werke, die es in sich haben: „China regieren“ Teil eins und zwei – beide Bücher stammen von Chinas Präsidenten Xi Jinping, der darin seine Sicht auf sein Land und die Welt darlegt. Es sind klassische Propagandawerke des Führers der größten Diktatur der Welt.

Kritische Werke stehen woanders

Das Einseitige daran: Bücher, die sich ansatzweise kritisch mit dem Land auseinandersetzen, gibt es in den drei China-Regalen nicht. Auf Nachfrage erklärt ein Verkäufer, an dieser Stelle gebe es ausschließlich Bücher von chinesischen Verlagen – sprich: Regierungs- oder regierungsnahe Publikationen. Andere Werke über das Land fänden sich aber im Erdgeschoss.

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Tatsächlich liegen dort im untersten Fach eines Regals etwa ein Dutzend Titel wie die „Neuerfindung der Diktatur“ von Kai Strittmatter oder „Die lautlose Eroberung“ von Clive Hamilton. Bücher über Taiwan oder die Unterdrückung der Uiguren in Xinjiang sind derweil gar nicht im Angebot. Auf dieselbe Weise rückt Thalia auch in Wien und Hamburg die Volksrepublik ins Augenmerk seiner Kunden.

Nur ein knappes schriftliches Statement von Thalia

Warum aber präsentiert die Kette regimenahe Bücher so prominent und unkommentiert, kritische aber nur abseits auf Knöchelhöhe? Wer bestimmt die Auswahl der China-Regale?

Auf die Fragen des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) schickt der Buchhändler nur ein knappes Statement: „Vor allem als Service für die wachsende chinesische – bzw. China-Interessierte – Community in Deutschland testet Thalia in Zusammenarbeit mit China Book Trading ein chinesisches Buchsortiment.“ Der Test laufe ausschließlich in Berlin, Hamburg und Wien, zeitlich begrenzt. „Unsere chinesischen Partner schlagen Bücher vor, die vom Thalia Sortimentsmanagement geprüft und freigegeben werden.“

Handelspartner unter Chinas Kontrolle

Zur Einordnung: „China Book Trading“ gehört zu 100 Prozent der Kommunistischen Partei Chinas und untersteht ihrer Kontrolle. Unabhängige Verlage etwa aus Hongkong sind dort nicht vertreten.

In Deutschland stößt die neue Kooperation der Kette mit dem Propagandapartner auf Kritik. Zuerst hatte die Sinologin Monika Li sich bei Facebook über die Einseitigkeit der Präsentation gewundert. Ihr habe eine Verkäuferin erklärt, die Regale seien „von außen“ gekauft.

Ex-CDU-Generalsekretär Rupert Polenz griff das Thema fassungslos auf: „Thalia überlässt der chinesischen Regierung die Bestückung der Regale mit China-Literatur?“, twitterte er. „Ich mag’s nicht glauben.“

Solches „nicht kennzeichnungspflichtige Marketing“ sei bei großen Ketten zwar üblich, erklärte die Buchmarktexpertin Karla Paul, Kommunikationschefin der Onlinebuchhandlung Mojoreads, ebenfalls bei Twitter. Verlage zahlten dann dafür, dass ihre Bücher auf bestimmten Verkaufsflächen wie Schütten, Regale und Tische herausgehoben werden. Aber, so Paul: „Das wird normalerweise von Verlagen gebucht. Als politische Einflußnahme ist es für mich neu.“

„Die ganze Sache hat eindeutig ein Geschmäckle“, sagt Dagmar Schmidt, Vorsitzende der deutsch-chinesischen Parlamentariergruppe, dem RND. Es sei wettbewerbsrechtlich fragwürdig, wenn ein Thema an einem Platz so einseitig dargestellt werde: „Als Mindestanforderung sollte man erwarten, dass Thalia Transparenz für seine Kunden herstellt und kenntlich macht, wer hier maßgeblich an der Bestückung der Regale mitwirkt“, sagt Schmidt.

Testet Peking seine Macht aus?

Zwar räumt die Abgeordnete ein: „In unsere offenen Gesellschaft lässt sich so etwas auch nicht völlig verhindern. Das unterscheidet uns ja gerade von China selbst.“ Sie wünsche sich aber durchaus eine Diskussion darüber, „wie wir mit Positionen aus unfreien Gesellschaften umgehen“, sagt die SPD-Politikerin. „Denn China nutzt die offene deutsche Gesellschaft, auf die wir auch stolz sind, während uns das in China selbst nicht erlaubt ist.“

So könnten beispielsweise die Konfuzius-Institute in Europa weitgehend frei agieren, während die Goethe-Institute in China nur sehr eingeschränkt arbeiten dürften, so Schmidt.

Wahrscheinlich gehe es China gar nicht so sehr um das Verkaufen der Bücher, vermutet Schmidt. „Vielmehr geht es wohl darum zu zeigen: ‚Wir sind hier‘. Peking testet hier aus, wie weit es gehen kann, während uns der Zugang mit unseren Positionen und Literatur nach China nicht offen steht.“ Die Außenpolitikerin sieht vor allem den Buchhändler in der Verantwortung: „Thalia muss sich überlegen, ob es das wirklich unterstützen will.“

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