Laura ist 24 Jahre alt und wohnt noch zuhause. Sie will das nicht, ihre Eltern auch nicht. Seit fünf Jahren suchen sie eine Bleibe für die Schwerbehinderte - ohne Erfolg. Kein Einzelfall.

Nordkirchen, Cappenberg

, 19.08.2019, 04:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Mütter am Tisch sind verzweifelt: fünf Frauen aus Cappenberg, Nordkirchen und Lüdinghausen, die alle dasselbe Problem haben. Ihre schwer behinderten Kinder finden keinen Wohnheimplatz - und das schon seit Jahren. Dabei läuft die Zeit gegen sie. Denn da, wo sie zurzeit sind, können ihre Kinder nicht bleiben, aus unterschiedlichen Gründen.

Rita Tuschmann ist die einzige in der Runde, die ihr Kind mitgebracht hat: Laura (24). Die junge Frau mit dem blonden Zopf hat das Rett Syndrom: einen Gendefekt, mit dem jedes Jahr 50 Mädchen in Deutschland zur Welt kommen. Zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat tritt die neurologische Entwicklungsstörung auf. Die betroffenen Kinder verlieren bereits erworbene Fähigkeiten. Laura kann zwar laufen, sie spricht aber nicht und kann ihre Hände nicht benutzen. „Und kann nicht alleine sein“, sagt ihre Mutter.

Immer weniger Menschen mit Behinderung leben im Wohnheim

Die anderen Frauen nicken. Auch für Jakob (17), Christoph (18) und Paula (18) gilt: Sie brauchen eine 24-Stunden-Betreuung, einen Platz in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Das ist aber eher ein Auslaufmodell.

Wohnten 2003 in Westfalen-Lippe noch 70 Prozent aller Menschen mit wesentlichen Behinderungen in Wohnheimen, sind es heute nur noch 43 Prozent, Tendenz sinkend. Matthias Münning, Sozialdezernent des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und Bundesvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft überörtlicher Sozialhilfeträger kommentiert diese Entwicklung: „Zum Normalfall wird, dass auch der behinderte Mensch in seiner eigenen Wohnung lebt und die notwendige Unterstützung ambulant und bedarfsgerecht bekommt.“

„Das mag ja für viele eine gute Lösung sein“, sagt Kathrin Vortmann, an deren Küchentisch in Cappenberg die anderen sitzen, „aber nicht für uns.“ Mit „uns“ meint sie nicht nur die vier anderen Frauen, sondern 41 Familien aus der Umgebung. Diese Eltern von schwer und mehrfach behinderten Kindern haben sich zusammengeschlossen, um nicht weniger als ein Menschenrecht durchzusetzen.

Das sagt die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen

Am 3. Mai 2008 ist das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kraft getreten. In Artikel 19 dieser UN-Behindertenrechtskonvention heißt es: „Menschen mit Behinderung müssen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben.“

Paula, die 18-jährige Tochter von Kathrin Vortmann, hat sich schon entschieden: für einen Wohnheimplatz mit 24-Stunden-Wache. Das geistig behinderte Mädchen wohnt seit sieben Jahren in der Kinderheilstätte Nordkirchen - gerne, wie die Mutter sagt. „Dort hat sie ihre Freunde und fühlt sich wohl“: ihr Lebensmittelpunkt. Dort würde sie auch bleiben wollen, doch das geht nicht.

Seit fünf Jahren kein Angebot für einen Wohnplatz: Eltern behinderter Kinder verzweifeln

Rollstühle unterschiedlicher Bauart stehen in einem Wohnhaus für körper- und mehrfachbehinderte Erwachsene. Plätze in solchen Häusern sind Mangelware. © picture alliance / Waltraud Grub

Wenn die Schulzeit vorbei ist, in spätestens zwei Jahren, muss die junge Frau raus. Für alle anderen jungen Erwachsenen gilt das genauso. Nur wohin? Diese Frage stellen sich Vortmanns und die anderen Eltern seit Jahren - ohne Antwort. „Am Ende“, sagt Kathrin Vortmann, werde sie oder ihr Mann aufhören müssen zu arbeiten, um die Tochter zu Hause zu versorgen. Das wäre nicht nur ein schrecklicher Einschnitt im Leben der Eltern, sondern vor allem auch in Paulas. „Welcher junge Mensch, der sieben Jahre alleine gewohnt hat, will schon wieder bei Mama und Papa einziehen?“ Paula auf jeden Fall nicht.

Elterninitiative: 139 Namen stehen auf der Warteliste für einen Platz

Paula, Laura und 137 weitere junge Erwachsene aus dem Kreis Coesfeld brauchen händeringend einen Platz innerhalb der nächsten fünf Jahre. Diese Zahl geht aus einer Statistik vor, die den Frauen am Tisch vorliegt. Ihre Erfahrung macht aber wenig Hoffnung: „In den vergangenen fünf Jahren hat niemand von uns einen Platz angeboten bekommen.“

Anders als Paula wohnt Laura zuhause in Nordkirchen. Morgens wird sie abgeholt zu den Caritas-Werkstätten und nach Feierabend wieder zurückgebracht. Die ganze übrige Zeit sind die Eltern in Pflege und Betreuung eingespannt: ein Rund-um-die Uhr-Job, wie Rita Tuschmann seit 24 Jahren weiß. Da Krampfanfälle drohen, habe sie immer ein offenes Ohr und sei mit wenigen Schritten am Bett der Tochter. Wie lange sie das noch leisten kann, weiß sie nicht.

Bei anderen Eltern, die schon im Rentenalter sind und nicht mehr die Energie hätten in der Elterninitiative mitzuarbeiten, sei das noch schlimmer: immer diese Sorge, was ist, wenn die eigenen Kräfte nicht mehr reichen und weit und breit kein Wohnheimplatz zu finden sei?

Matthias Münning sieht Überversorgung und nicht Unterversorgung

Bei Matthias Münning vom LWL hört sich das ganz anders an. Er spricht nicht von einer Unterversorgung mit Wohnheimplätzen, sondern vom Gegenteil: „Der Kreis Coesfeld hat aktuell eine deutliche Überversorgung an stationären Plätzen.“ Es gebe 1199 Plätze in Wohnheimen. Das Problem: In diesen Einrichtungen lebten viele Menschen, die gar nicht aus dem Kreis stammen „und damit weit entfernt von ihrer Herkunftsregion versorgt werden“. Das sei „nicht wünschenswert“. Nach Auskunft des Sozialdezernenten arbeite der LWL daran, „für die Menschen in den anderen Regionen eine ortsnahe Versorgung anzubieten“. Den Müttern von Laura, Paula und den anderen wäre wohler, wenn sich der LWL ebenso vor Ort für diese ortsnahe Versorgung einsetzte.

Wie kann es sein, dass Eltern in fünf Jahren kein einziges Angebot für einen Wohnheimplatz bekommen haben, fragten die RN Münning. Seine Antwort: „Auch heute können die Personen sofort einen Platz bekommen, nur leider eben nicht um die Ecke.“ Die Eltern müssten sich ohnehin bei den einzelnen Wohnheimen anmelden und nicht beim LWL. „Stimmt“, sagt Kathrin Vortmann, alle stehen ja seit Jahren auf Wartelisten. Aber der LWL müsse doch das Offensichtliche erkennen: dass das Angebot einfach nicht reiche. Die Lösung im Problem mit den fremdbelegten Plätzen könne ja nicht sein, die eigenen Kinder nun auch ihrem Lebensumfeld zu entreißen und in Heime in anderen Bundesländern zu bringen.

Seit fünf Jahren kein Angebot für einen Wohnplatz: Eltern behinderter Kinder verzweifeln

Im Frühjahr gab es ein Gespräch mit dem LWL. Wohnangebote haben die Eltern seitdem nicht bekommen. © Initiative Wohnplatzsuche

Tatsächlich entstehen gerade 48 neue Wohnheimplätze: je zur Hälfte in Olfen und in Nordkirchen. Angesichts der hohen Nachfrage nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Frauen am Tisch wissen, dass es noch weniger ist. An anderer Stelle etwa in Ascheberg würden Plätze abgebaut, sagen sie: „Das ist damit unterm Strich nur eine Verlagerung.“ Münning sieht dagegen einen Schritt zum Gesamtziel, „ein bedarfsgerechtes Angebot zu schaffen und gleichzeitig für jeden Menschen die individuell richtige Lösung ortsnah zu finden“.

Eltern sprechen am 26. August wieder mit dem LWL

Hört sich gut an - nur nicht für die Mütter am Holztisch. Dafür haben sie schon zu viele gute Worte gehört, denen keine Taten folgten. Sie hatten sich mit den anderen Mitgliedern der Elterninitiative im Frühjahr an den LWL gewandt mit einem Brandbrief. Es gab ein Gespräch, aber keine greifbare Hilfe. Am 26. August steht das nächste Gespräch an.

Vielleicht wird Laura dann wieder dabei sein. Dass die Vereinten Nationen ihre Rechte gestärkt haben, weiß sie vermutlich nicht. Dass das Sozialgesetzbuch (Paragraf 9 Absatz 3) ihr „möglichst viel Raum zu eigenverantwortlicher Gestaltung ihrer Lebensumstände“ einräumt, wohl auch nicht. Dass sie aber keine Lust mehr hat, zuhause zu wohnen, schon seit einer ganzen Weile.

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