Seit fast einem Jahr im Lockdown: So geht es den Clubs in Deutschland

Coronavirus

Durch die Corona-Pandemie ist die deutsche Clubszene seit fast einem Jahr zum Erliegen gekommen. Und trotzdem ist nicht alles schlecht: Drei Clubs berichten, wie es ihnen aktuell geht.

Köln/München/Hamburg

09.02.2021, 21:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Durch die Corona-Pandemie ist die deutsche Clubszene seit fast einem Jahr zum Erliegen gekommen.

Durch die Corona-Pandemie ist die deutsche Clubszene seit fast einem Jahr zum Erliegen gekommen. (Symbolbild) © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Keine tanzenden Menschen, keine dröhnenden Bässe, keine klirrenden Gläser: Die Partyszene in Deutschland steht wegen der Corona-Pandemie still. Und das seit fast einem Jahr. Der allerletzte Abend, an dem der Club P1 in München geöffnet hatte, ist inzwischen so lange her, dass sich Geschäftsführer Sebastian Goller nur noch dunkel erinnern kann.

„Es war bestimmt ein rauschendes Fest“, sagt er. Dann habe er sich vorsorglich dafür entschieden, zu schließen – noch bevor die Regierung dafür sorgte. Schon damals war Goller klar: In seinem Club wird länger keine große Party steigen.

So wie Goller und dem P1 geht es rund 1400 Discos und Tanzlokalen in Deutschland seit Mitte März 2020. Viele gehen davon aus, dass sie zu den letzten Institutionen gehören, die ihre Türen wieder öffnen dürfen. Der andauernde Lockdown verbessert die Situation nicht. Wie können sie eine so lange Zeit überleben? Das RND hat beim P1 in München, dem Bootshaus in Köln und dem Übel & Gefährlich in Hamburg nachgefragt.

Fast kein Umsatz, kaum Alternativen

„Wir haben derzeit Umsatzeinbußen von 95 Prozent zum Vorjahr“, teilt Tom Thomas, Geschäftsführer vom Bootshaus, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) schriftlich mit. Laut dem britischen Fachmagazin DJ Mag ist der Elektroclub auf Platz sechs der besten Clubs weltweit und einer der beliebtesten in Deutschland. Jährlich feiern hier sonst knapp 200.000 Menschen.

Die Liste der DJs, die hier aufgelegt haben, liest sich wie ein Who’s who der Szene – David Guetta, Robin Schulz und Avicii sind darunter. Doch all das nützt im Corona-Jahr nichts. Denn das Bootshaus ist auf die Unterstützung der Regierung angewiesen. „Wir können so lange überleben, wie wir staatliche Unterstützung bekommen“, sagt Thomas.

Das gilt auch für den Hamburger Musikclub Übel & Gefährlich. „Aktuell denken wir, dass wir es bis zum Sommer schaffen werden. Darüber hinaus sind wir auf weitere, zusätzliche Unterstützung angewiesen“, sagt Stefanie Hochmuth, eine Sprecherin des Clubs. Nach eigenen Angaben mussten auch sie 96 Prozent des Umsatzes einbüßen.

Gelder werden teils erst Monate später ausgezahlt

Die Zahlen sind dramatisch und zeigen, wie überlebenswichtig Hilfeleistungen des Staates sind. Umso problematischer ist es, wenn dabei nicht alles rund läuft. Das Bootshaus ist von den Novemberhilfen ausgeschlossen, da der Betrieb zu groß ist. Somit kommt es auf das Kurzarbeitergeld und andere Überbrückungshilfen an. „Das ist aber so ein bürokratischer Aufwand, dass wir die Gelder erst Monate später ausgezahlt bekommen“, sagt der Bootshaus-Chef Thomas.

Die Auszahlung dauere teilweise so lange, dass sich bereits einige seiner Mitarbeiter verabschiedet hätten. Für viele reiche das Geld nicht aus, sodass sie sich einen anderen Job suchen mussten. „Gewissermaßen starten wir bei null nach dem Lockdown“, so Thomas.

Videodrehs für das kleine Geld

Es sieht allerdings nicht für alle so düster aus. P1-Geschäftsführer Goller zeigt Verständnis für die Situation. Für ihn ist klar, dass Clubs zum Schutz anderer geschlossen bleiben müssen: „Es geht immer noch um Menschenleben, da kann man so sauer sein wie man will.“

Seit acht Jahren leitet er die Geschäfte der Promidisco im Münchner Stadtteil Altstadt-Lehel und ist der festen Überzeugung, dass der Club die Krise überleben werde. „Die Mathematik meint, dass wir es schaffen. Das geht nur durch die Unterstützung vom Staat. Auch wenn man sich bei Förderungen und Anträgen extrem gedulden muss.“

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Das P1 hat gegenüber den anderen Clubs jedoch einen Vorteil. Im Sommer konnte Goller auf der Terrasse, die zur Location gehört, Beachclubfeeling aufkommen lassen. Unter strengen Hygieneauflagen und den geltenden Abstandsregeln konnten so bis zu 120 Gäste einen Drink oder ein kleinen Snack genießen. Eine weitere Einnahmequelle ist der Merchandiseshop des Clubs, in dem Gäste T-Shirts, Mützen oder Schals erwerben können.

Alternative Möglichkeiten, ihre Räume zu nutzen, haben das Bootshaus und das Übel & Gefährlich kaum. Während in der Kölner Disco kleinere Videodrehs stattgefunden haben, probten im Hamburger Club ab und an einige Musiker. Zwar hätten sie damit ein wenig Geld verdient, nennenswerte Summen seien das aber nicht.

Clubbesitzer rechnen nicht mit Öffnung vor Ende des Jahres

Der Blick in die Zukunft bleibt ungewiss. Alle drei Discos gehen davon aus, nicht vor Ende des Jahres wieder ganz öffnen zu können. Deswegen ist der Wunsch nach mehr Transparenz in der Politik groß. „Wir wünschen uns von der Regierung, die finanziellen Hilfen auszuweiten und zu verlängern, damit wir die Chance haben, die nächsten Monate zu überleben“, sagt Hochmuth vom Übel & Gefährlich. Mit diesem Appell denkt sie vor allem an die freien Mitarbeiter und Soloselbstständigen, die mit am meisten unter den Maßnahmen leiden und die bei den bestehenden Hilfen so gut wie gar nicht bedacht werden.

Für Tom Thomas ist wichtig, dass Clubs langfristig auf die Unterstützung der Regierung setzen können. Denn seiner Aussage nach brauche die gesamte Branche noch Jahre, bis sie sich vollständig erholen wird. Er könne sich zudem vorstellen, bei einer Öffnung das Clubs Corona-Schnelltests einzusetzen, um eine größere Sicherheit zu gewährleisten.

Ob München, Hamburg oder Köln: Es sieht nicht gut aus für die Clubszene in Deutschland – vor allem, weil niemand sagen kann, wann es wieder los geht. Dennoch lassen sich die Betroffenen nicht entmutigen. Allen voran Sebastian Goller vom P1 sucht regelmäßig den Kontakt zu seinen Mitarbeitern, damit sie sich gegenseitig aufheitern.

Es wird allerdings noch ein langer und harter Weg, bis die Clubs wieder öffnen. Und ohne die finanzielle Unterstützung der Bundesregierung wird die eine oder andere Disco ihre Türen wohl für immer geschlossen halten.

RND

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