Schöffin lässt Richterin einfach im Stich

Missbrauchs-Prozess geplatzt

Eine Schülerin kommt ins Gericht, um gegen ihren Onkel auszusagen. Es geht um schweren Missbrauch. Doch dann lässt eine der ehrenamtlichen Richterinnen den Prozesstag kurios enden.

Marl/ Essen

, 21.12.2020, 18:45 Uhr / Lesedauer: 2 min
Im Essener Gericht warteten alle Beteiligten auf eine unentschuldigte Hilfsrichterin.

Im Essener Gericht warteten alle Beteiligten auf eine unentschuldigte Hilfsrichterin. © Jörn Hartwich

Die Staatsanwältin war sauer, das Gericht sprach von einer „Unverschämtheit“. Weil eine Schöffin einfach nicht gekommen ist, ist ein bereits laufender Missbrauchsprozess gegen einen 52-jährigen Mann aus Marl am Montag kurzerhand geplatzt.

Über eine Stunde lang war versucht worden, die ehrenamtliche Richterin ans Telefon zu bekommen – doch ohne Erfolg. Weder zu Hause noch auf der Arbeit noch über Handy war die Frau zu erreichen. Irgendwann meldete sie sich dann aber doch noch. Ihre kurze Erklärung: Die Mutter sei am Freitag verstorben, jetzt müsse sie ganz schnell zur Beerdigung ins Ausland.

„Mit Verlaub, eine Unverschämtheit“

„Das ist natürlich ein trauriges Ereignis“, so Richterin Ute Postert. Vielleicht sei man psychisch dann auch durch den Wind. „Trotzdem ist es – mit Verlaub gesagt – eine Unverschämtheit, sich nicht zu entschuldigen.“ So waren alle extra angereist, um am Essener Landgericht weiterzuverhandeln. Sogar das zur Tatzeit 13-jährige Mädchen hatte den schweren Gang auf sich nehmen müssen, um eine Aussage zu machen.

Geschlechtsverkehr mit 13-Jähriger

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, seine Nichte am Abend des 1. Juni 2020 schwer sexuell missbraucht zu haben. In der Anklage ist von ungeschütztem Geschlechtsverkehr und Entjungferung die Rede.

Das Mädchen war damals bei ihm und seiner Frau in Marl untergekommen, weil es offenbar Probleme mit den Eltern gegeben hatte. Der 52-Jährige war direkt am nächsten Tag festgenommen worden und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Bisher hat er sich nicht zu den schweren Vorwürfen geäußert.

Hinweise durch DNA-Gutachten

Der Prozess soll nun am Mittwoch noch einmal ganz neu beginnen – dann mit anderen Schöffen. Es gibt Hinweise darauf, dass der Angeklagte dann auch ein Geständnis ablegen wird. Große Alternativen scheint er aber wohl auch nicht zu haben. Es soll sogar ein DNA-Gutachten geben, das auf ihn hinweist.

Sollte der 52-Jährige die Vorwürfe zugeben, könnte der Schülerin eine Aussage vor Gericht möglicherweise doch noch erspart bleiben. Ganz zu Hause bleiben kann sie allerdings nicht. Es könnte sein, dass die Richter sie zumindest fragen möchten, wie es ihr heute geht.

Die Schöffin, die am Montag unentschuldigt gefehlt hat, muss nun mit einem empfindlichen Bußgeld rechnen.

jh

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