Restaurantbesuch in Pandemie-Zeiten: Das Drama mit den Gästedaten

Coronavirus

Restaurantbesuche sorgen bei Betreibern und Kunden regelmäßig für Unmut. Der Grund ist oft die Verpflichtung zur Erfassung der Gästedaten. Was die Probleme verursacht und kreative Lösungsansätze.

von Vanessa Casper

, 25.10.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 6 min
Die Corona-Pandemie hat die Gastronomie besonders schwer getroffen. (Symbolbild)

Die Corona-Pandemie hat die Gastronomie besonders schwer getroffen. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Wer ins Restaurant geht, muss Abstände einhalten, außerhalb des eigenen Platzes einen Mund-Nasen-Schutz tragen, sich die Hände beim Eintreten desinfizieren und natürlich seine Kontaktdaten hinterlassen. Was soweit einfach klingt, wird aus unterschiedlichen Gründen zum Problem.

Einerseits ist die Erfassung der Gästedaten für Restaurantbetreiber eine Herausforderung. Zettelwirtschaft? Digitale Erfassung? Und dann finden sich ständig noch Gästedaten von Max Mustermann, Daisy Duck, oder Andreas Müller. Wer keine vollständigen Gästedaten im Fall einer Kontrolle oder zur Kontaktnachverfolgung bei einem Infektionsfall nachweisen kann, muss mit hohen Bußgeldern rechnen. Dann gibt es umgekehrt aber auch die Gastwirte, die nichts von den Corona-Beschränkungen halten und diese ihren Gästen nicht zumuten wollen. Gästedaten werden also nicht erhoben, was wiederum Gäste verunsichert, die sich an die Regeln halten.

Andere Gäste wiederum wollen ihre Kontaktdaten nicht hinterlegen. Entweder, weil sie einfach nicht mit ihren Daten hausieren gehen wollen, vielleicht aus Prinzip oder sich um Datenschutz sorgen. Und wo wir gerade beim Datenschutz sind: Für Restaurantbetreiber ist das datenschutzrkonforme Erheben der Gästedaten alles andere als leicht. Einerseits sind sie dazu verpflichtet, auf der anderen Seite dürfen sie die Daten auch nicht unvorsichtig oder fahrlässig erheben.

Eine Nutzerin auf Twitter schreibt zum Beispiel, dass sie es grundsätzlich nicht schlimm findet, sich beim Restaurantbesuch registrieren zu müssen. „Uncool“ hingegen sei es, wenn der Zettel mit ihren Kontaktdaten an den Nachbartisch weitergegeben wird, weil noch Platz darauf ist. Meldungen wie die IT-Sicherheitslücken bei Restaurantdienstleister Gastronovi oder dass die Polizei Gästedaten für ihre Ermittlungen nutzt, dürften wenig zur Akzeptanz der Datenerfassung beitragen. Auch wenn inzwischen ein Mindestbußgeld von 50 Euro droht, wenn man falsche Gästedaten angibt. In Schleswig-Holstein können es sogar bis zu 1000 Euro sein. Jedoch sind solche Regelungen in den Bundesländern äußerst unterschiedlich gehandhabt. Der Bund gibt die Marschrichtung vor, die Ausgestaltung ist Ländersache und für die Kontrolle sind wiederum die lokalen Behörden zuständig.

Die Kunst der Gästedatenerfassung

Anfangs lagen noch Listen aus, an denen sich Restaurantbesucher am Eingang eintragen mussten. Diese öffentlichen Gästelisten wurden allerdings verboten, da sie nicht mit dem Datenschutzgedanken kompatibel waren, zusätzlich hygienetechnisch fraglich. Inzwischen hat sich größtenteils die Nutzung von einzelnen Zetteln oder Karten durchgesetzt, die an die einzelnen Tische gebracht werden. Denn täglich müssen Wirte die Daten vernichten, die die geforderte Aufbewahrungszeit überschritten haben. Erste Unternehmen berichten von anwaltlichen Schreiben ihrer Gäste, die nun dezidiert abfragen lassen, was mit ihren Daten geschieht, wie das Gastgewerbe-Magazin schreibt.

Ingrid Hartges, sieht noch ein weiteres Problem bei der Kontrolle der Corona-Kontaktlisten in Restaurants: „Es ist ein Streit unter Rechtsexperten, ob Gastwirte das Recht haben, sich den Personalausweis vorzeigen zu lassen“, sagte sie gegenüber dem SWR. Wie soll man jedoch überprüfen, ob es sich bei Thomas Müller tatsächlich um Thomas Müller handelt oder einen Fan von Bayern München? Im Beschluss von Bund und Ländern sind solche „Plausibilitätskontrollen“ jedoch vorgesehen.

Um solche Diskussionen zu umgehen, werden in Wiener Restaurants die Gästedaten jetzt digital und zentral erfasst. Anfang Oktober stellte Wiens Bürgermeister Michael Ludwiggemeinsam mit der Wirtschaftskammer Wien (WKW) das neue System vor. Der Datenschutz soll im neuen System gewährleistet sein, das nun bei 6.000 Wiener Gastro-Unternehmen und 1.800 Kaffeehäusern zum Einsatz kommt, wie hogapage.de berichtet. Der Vollbetrieb soll in der ersten Novemberhälfte starten.

Digitale Gästedatenerfassung und Reservierungen helfen Gastronomen und Gästen

Das Wiener System zur Gästeregistrierung funktioniert wie folgt: Die Gäste scannen beim Betreten des Betriebs einen QR-Code und geben am Smartphone die erforderlichen Daten ein. Geht der Gast, kann er sich auschecken. Lokal, Tischnummer und Uhrzeit würden vom System automatisch registriert. Die Daten sollen nach 28 Tagen automatisch gelöscht werden, jedoch können Gäste ihre Daten auch freiwillig permanent hinterlegen. So muss beim nächsten Besuch eines Lokals in Wien nur noch der QR-Code gescannt werden. Der Gastronomiebetrieb selbst könne die Daten nicht einsehen, nur die Gesundheitsbehörde auf Anforderung im Infektionsfall.

In den letzten Wochen kamen auch in Deutschland zahlreiche Anbieter mit Lösungen zur digitalen Gästedatenerfassung um die Ecke oder auch digitale Speisekarten und Reservierungen, die den Corona-Alltag für Gastronomen und Gäste einfacher und sicherer machen sollen. Für die meisten wird ein Smartphone benötigt, das einen QR-Code scannt. Danach variieren die Funktionsweisen. Teilweise sind smarte Lösungen eingebaut, die digitale Speisekarten erst anzeigen, nachdem die Gästedaten ausgefüllt worden sind. Einige davon wollen wir hier vorstellen.

  • darfichrein.de ist eine Anwendung der DEHOGA Bayer, für die keine App nötig ist, sondern der Dienst direkt aus dem Browser gestartet werden kann. Es ist ein Online-Check-In, bei dem Kunden einen QR-Code scannen. Somit werden Kundendaten, Lokal und Aufenthaltszeit erfasst. Auch einsetzbar bei Veranstaltungen, Messen und in Hochschulen. Die günstigste Basis-Variante kostet Betriebe fünf Euro monatlich und ist für Gäste kostenfrei. Mit einem persönlichen Schlüssel können Betreiber auf Anfrage des Gesundheitsamtes die Gästedaten entschlüsseln und übermitteln. Es gibt auch einen Tablet-Modus, der vom Betrieb angewendet werden kann, wenn jemand kein Smartphone besitzt. Das System wird auch von der Österreichischen Hotelvereinigung genutzt genutzt und steht unter der Schirmmherrschaft des Bayerischen Staatsministeriums für Digitales.
  • Dish Check-In ist ebenfalls eine Gästedatenerfassung via QR-Code, der von Gästen beim Betreten des Lokals gescannt wird. Auf Aufforderung des Gesundheitsamtes können die Kundendaten nach dem relevanten Zeitpunkt gefiltert und als CSV- oder pdf-Datei exportiert werden. Eine Registrierung von Kunden ohne Smartphone erfolgt über ein restauranteigenes Gerät, bei dem der Besucher automatisch zwei Stunden ausgecheckt wird. Der Service ist aktuell für Betriebe noch gratis, jedoch befindet sich auf der Homepage bereits der Hinweis, dass sich die Preisgestaltung künftig ändern kann. Der Preis dürfte dann bei 9,90 liegen. Das Unternehmen Dish hat schon viel Erfahrung im Gastronomie-Bereich und bietet mehrere Tools an, wie zum Beispiel „Dish Voucher“ für Restaurant-Gutscheine oder „Dish Reservation“ als Online-Reservierungsmanager.
  • e-guest wurde vom Start-Up-Unternehmen Logital aus Mönchengladbach entwickelt. Die Anwednung gibt es als App oder Browser-Variante. Gäste scannen hier ebenfalls einen QR-Code und tragen Kontaktdaten, sowie Tisch und Uhrzeit ein. Begleitpersonen können einfach mit eingecheckt werden. In die für Besucher und Betreiber kostenlose App lässt sich auch die Speisekarte integrieren, ebenso gibt es viele zusätzliche Funktionen wie eine digitale Angebotskarte, Push-Nachrichten über Angebote des Restaurants und ein integriertes Reservierungssystem. Für die App muss sich ein Nutzer einmalig registrieren. Anschließend kann er sich in teilnehmenden Restaurants einchecken, per App wieder auschecken und eine Historie von Lokalbesuche anzeigen lassen. Eine Umkreissuche ermöglicht das Finden teilnehmender Restaurants. Daten werden pseudonymisiert gespeichert, nur das Gesundheitsamt kann diese Daten im Fall einer Infektion entschlüsseln. Bereits eingesetzt von McDonald’s, Burger Kind, Subway, Starbucks und mehr.
  • HeyOrder richtet sich mehr an Nutzer als an Betriebe. Denn die App bietet keine Gästedatenerfassung, sondern liefert hungrigen Gästen die Möglichkeit, im Restaurant zu bestellen und das Essen abzuholen. Kunden auch direkt bezahlen und erhalten nach Wunsch einen Beleg. Die Bestellannahme erfolgt also nicht mehr telefonisch, sondern digital, wie bei den bekannten Lieferdienst-Apps. In dem Fall jedoch für Restaurants, bei denen die Bestellung dann abgeholt werden kann. Die App ist aktuell noch in der Testphase, vorerst im Raum Hannover, und soll Anfang 2021 landesweit ausgerollt werden. Gründer Andreas Noack aus Hannover hat schon mehrere digitale Kommunikationslösungen in seinem Repertoire.
  • Hygiene-Ranger möchte die Datenerfassung branchenübergreifend angehen und konzentriert sich somit nicht nur auf Restaurants. Gästedaten werden einmalig bei der Registrierung erhoben und nur zur Dokumentation beim entsprechenden Gastgeber angezeigt. Die Speicherung der Gästedaten und die entsprechende Dokumentation erfolgt nicht bei den Betrieben selbst, sondern beim Hygiene-Ranger. Einmal registriert, ist ein Besuch bei allen teilnehmenden Unternehmen ohne erneute Dateneingabe möglich. Über einen QR-Code findet hier ein Ein- und Auschecken statt. Auch die Speisekarte kann digital hinterlegt werden und erspart somit für Gastronomen die Desinfektion dieser nach einem Gästewechsel.
  • resmio ist eigentlich ein Reservierungssystem, das Betrieben und Gästen die Reservierung von Tischen erleichtern soll. Gerade in Corona-Zeiten können Restaurants oft nicht voll ausgelastet werden und haben weniger Tische im Angebot. Gäste können online selbstständig Tische reservieren. Bei der Reservierung werden die Gästedaten direkt mit erfasst, sodass dieser Punkt auch bereits erledigt ist. Die Reservierung kann somit rund um die Uhr erfolgen. Das Angebot zielt jedoch eher auf Stammkunden und begeisterte Restaurantbesucher ab, denn die Daten bleiben gespeichert - dafür kann man im Lokal bereits mit Namen begrüßt werden. Größter Vorteil des Dienstes für Restaurantbetreiber: Sie sind durch den Dienst automatisch bei über 100 Plattformen gelistet, bei denen man sich sonst jeweils eigene Profile erstellen müsste. Die Basisversion ist für Betreiber kostenlos, das Premium-Paket kostet 59,90 im Monat.
  • TheFork, eine Tochter der Reiseplattform Tripadvisor, feiert sich als weltweit führende Restaurant-App, 80.000 Restaurants auf der ganzen Welt sind integriert. In Echtzeit sehen Kunden, ob sich in den lokalen noch freie Tische befinden und können diese rund um die Uhr reservieren. In der App sind angebundene Restaurants in der Nähe ersichtlich und können nach unterschiedlichen Optionen gefiltert werden, wie angebotene Küche oder Durchschnitts-Preis. Bis zum 17. November läuft noch die Aktion „Back to the Restaurant“, bei der Besucher bei teilnehmenden Restaurants 50 Prozent auf die Rechnung sparen können. Partner ist übrigens auch der Michelin-Guide, so können innerhalb des Aktionszeitraums auch Besuche bei Spitzenköchen erschwinglich sein. Eine Gästedatenerfassung bietet der Dienst nicht.

Nach Herstellerangaben erfolgt die Erfassung der Gästedaten stets DSGVO-konform und gespeicherte Daten werden automatisch nach der gesetzlich vorgeschriebenen Aufbewahrungszeit gelöscht. Der „Chaos Computer Club“ warnt jedoch vor der digitalen Erfassung von Gästedaten. Mitglieder hatten eine Schwachstelle bei einem Cloudsystem entdeckt und konnten auf über 87.000 Corona-Datensätze und 5,4 Millionen Reservierungen zugreifen. Umso wichtiger ist es also, dass digitale Lösungen auch tatsächlich nicht nur datenschutzkonform, sondern auch sicher sind.

Letztendlich wird sich zeigen, welcher der Anbieter sich durchsetzt oder ob es tatsächlich, ähnlich wie in Wien, zu einer zentralen und verpflichtenden Datenerfassung kommen könnte.

Freibier für Gästedaten

Es gibt auch ganz kreative Ansätze, die Gastronomen verfolgen. Brauerei Berg, eine kleine Brauerei aus Baden-Württemberg, erhebt ihre Gästedaten zum Beispiel auch per Zettel, jedoch erhalten die Gäste eine vorgedruckte Postkarte auf der sie ihre Daten aufschreiben. Diese werden dann zwei Wochen aufgehoben und im Anschluss erhalten die Besucher die Postkarte zurück. So sehen die Gäste einerseits, dass der Wirt ihre Daten nicht behält und gleichzeitig gilt die Postkarte als Gutschein für ein Freibier beim nächsten Besuch. Von den Gästen werde die Aktion gut angenommen, sagt Franz Weisser von der Brauerei.

Während die Aktion auf Twitter viel Anklang findet, kritisieren andere wiederum auch hier den Datenschutzgedanken. Auf einer Postkarte steht zwar ohnehin die Adresse, an die die Postkarte versendet werden soll, jedoch seien hier noch mehr Daten zu sehen, wie zum Beispiel die Telefonnummer.

Egal, ob Gästedatenerfassung auf Zettel, Postkarte oder per App - Bernd Niemeier, Präsident des DEHOGA Nordrhein-Westfalen bringt es auf den Punkt: „Gastronomie während Corona funktioniert nur, wenn alle mitmachen!“

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