Rassismusdebatte: Wie deutsche Städte mit ihren Kolonialdenkmälern umgehen

Rassismus

In den USA reißen Demonstranten Denkmäler von Christoph Kolumbus vom Sockel, in Bristol landet Edward Colston im Fluss. Umstrittene Kolonialdenkmälern gibt es aber auch in deutschen Städten.

Berlin/Hamburg

12.06.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 4 min
Demonstranten versenken im Hafen von Bristol bei einem Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt die Statue von Edward Colston.

Demonstranten versenken im Hafen von Bristol bei einem Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt die Statue von Edward Colston. © picture alliance/dpa

Die Bilder gehen um die Welt: Demonstranten in den USA, aber auch in Europa reißen Statuen vom Sockel, zerstören sie oder versenken sie gar im Fluss. Ein erster Fall dieser Art spielte sich Anfang der Woche im britischen Bristol ab: Hier wurde das Denkmal von Edward Colston zu Fall gebracht und unter Jubelschreien in den Fluss Avon geworfen. Colston war im 17. Jahrhundert ein bekannter Wohltäter, er spendete großzügig an Schulen und Krankenhäuser. Aber: Er war auch am Sklavenhandel beteiligt.

Ein ähnlicher Fall ereignete sich in Minneapolis, USA, wo George Floyd durch Polizeigewalt starb: Hier stürzten Demoteilnehmer eine über drei Meter hohe Bronzefigur von Christoph Kolumbus. Die Ureinwohner Nordamerikas lehnen die Verehrung Kolumbus‘ ab, da seine Expedition nach Amerika die Kolonisierung und den Völkermord überhaupt erst ermöglichte.

Am Dienstag dann wurde in Richmond, Virginia, ein Kolumbus-Denkmal von 1927 verwüstet und in einen See geworfen. Am Mittwoch wurde in Boston einer Statue des Entdeckers der Kopf abgetrennt und zerstört.

Denkmäler auch in deutschen Städten

Jürgen Zimmerer, Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg, ist einer der profiliertesten Forscher zum Kolonialismus. Er hält den Umgang der Demonstranten für gerechtfertigt, wie er dem Deutschlandfunk sagte. Das Denkmal in Bristol „stand ja seit Jahren in der Kritik“, so Zimmerer. „Es gab immer wieder Debatten, es gab immer wieder Hinweise der Zivilgesellschaft, der Black Community und anderer auf diese Vergangenheit von Colston. (...) Diese Ehrung war zu unterbinden, weil sie Rassismus fördert, Rassismus verherrlicht und Leute beleidigt. Und man hat das auch einfach zu lange ignoriert.“

Zimmerer appelliert aber auch, bei der Debatte nicht nur ins Ausland zu schauen. „Rassismus ist auch in Deutschland ein Riesenproblem. Und ich wollte darauf hinweisen, dass eben auch diese koloniale Erinnerung in die deutschen Städte, in die deutschen Gebäude eingewoben ist, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.“

Kreuz auf dem Humboldt Forum in Berlin

Als konkretes Beispiel nennt Zimmerer ein gerade erst neu gebautes: Das Kreuz auf dem Humboldt Forum in Berlin. Kritiker sehen darin ein schlechtes Vorzeichen für völker- und religionsübergreifende Themen wie etwa die Restitutionsdebatte um Objekte mit kolonialem Hintergrund. Der religiöse Anspruch des Kreuzes wird zudem durch ein Schriftband um die Kuppel betont, in dem die Unterwerfung aller Menschen unter das Christentum gefordert wird.

Auch in Hamburg gibt es solche umstrittenen Denkmäler: Zimmerer nennt etwa Askari-Reliefs, die an Paul von Lettow-Vorbeck erinnern – ihn würde man heute als Kriegsverbrecher bezeichnen. In Bad Lauterberg im Harz gibt es ein Denkmal für den Kolonialoffizier Hermann von Wissmann. In vielen Städten gebe es zudem an vielen Orten und Kirchen Gedenktafeln, die an gefallene deutsche Soldaten der Kolonialkriege erinnern.

Beispiele für Umgestaltung

In Hamburg ist man sich der Problematik durchaus bewusst, erklärt Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde, auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). In Arbeitskreisen versuche man derzeit, den richtigen Umgang mit den historisch belasteten Denkmälern zu finden.

Wie das aussehen kann, sieht man bereits am umstrittenen Kriegerdenkmal am Dammtordamm. Hier entstand in den Achtzigerjahren ein Gegenentwurf zum Gedenkklotz der Nationalsozialisten – vorausgegangen war dem ein Wettbewerb zur „künstlerischen Umgestaltung der Denkmalsanlage“. 1983 wurde schließlich der Entwurf eines vierteiligen Gegendenkmals des Wiener Bildhauers Alfred Hrdlicka (1928-2009) zur Ausführung bestimmt.

Gedenkort zur Erinnerung an die Deserteure

Im Juni 2012 beschloss die Hamburgische Bürgerschaft zudem einstimmig die Schaffung eines Gedenkorts zur Erinnerung an die Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz. Als Standort wurde ebenfalls die Fläche beim Kriegerdenkmal vorgeschlagen.

Auch zum Umgang mit den Kolonialdenkmälern habe es bereits einen Runden Tisch gegeben, sagt Isermann. Das sei allerdings ein längerer Prozess und aktuell gebe es noch keine konkreten Maßnahmen.

Hamburg hat diesbezüglich ohnehin eine besondere Geschichte: In der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November 1968 stürzten Studierende der Universität zwei Denkmäler vor dem Hauptgebäude. Dabei handelte es sich um die beiden Kolonialoffiziere Hermann von Wissmann (1853-1905) und Hans Dominik (1870-1910). Seit Beginn der Sechzigerjahre hatte es immer wieder Kritik an den Figuren gegeben, 1967 versuchten Studierende, das Denkmal erstmals zu stürzen – erfolglos. Die Uni baute die Wissmann-Figur wieder auf. Am 1. November 1968 gelang der Sturz dann jedoch.

Kulturprojekte in Berlin

Auch in Berlin sucht man den richtigen Umgang mit den Kolonialdenkmälern der Stadt. Die rot-rot-grüne Landesregierung hatte in ihrem Koalitionsvertrag von 2016 bereits verankert, man wolle „die Erinnerungskultur durch Projekte erweitern, die die Migrationsgeschichte der Stadt thematisieren, sich mit der deutschen Kolonialherrschaft auseinandersetzen und die internationalen Bezüge der Berliner Geschichte hervorheben“. Eine besondere Verpflichtung sehe die Koalition hinsichtlich der „Anerkennung, Aufarbeitung und Erinnerung deutscher Kolonialverbrechen wie dem Völkermord an den Herero und Nama“.

Mit dem Doppelhaushalt 2020/2021 habe Berlin nun die „Initiative für postkoloniales Erinnern in der Stadt“ gestartet, berichtet Daniel Bartsch, Sprecher der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, auf RND-Anfrage. Noch in diesem Jahr solle ein großes stadtweites Kulturprojekt zur Auseinandersetzung mit der Berliner Kolonialgeschichte und ihren Folgen starten.

„Über einen Zeitraum von fünf Jahren realisieren zivilgesellschaftliche Initiativen in Kooperation mit weiteren Museen und Akteuren Ausstellungen, Veranstaltungen und Festivals, Interventionen im Stadtraum und eine anwachsende Webkartierung kolonialer und postkolonialer Orte.“ Zudem gebe es den Verein „Berlin Postkolonial“, mit dem man eng zusammenarbeite.

„Umwidmen reicht nicht“

Problematisch sind in der Hauptstadt aber nicht nur Denkmäler, sondern auch Straßennamen. Im Afrikanischen Viertel in Wedding sind beispielsweise drei Straßennamen nach deutschen Kolonialherren benannt. „Diese drei Straßen sollen umbenannt werden, das zumindest hat die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte Ende 2016 beschlossen. Auf den neuen Straßennamen sollen Opfer und Gegner des Kolonialismus geehrt werden“, erklärt Bartsch. Das sei aber nur ein erster kleiner Schritt: Im Haushalt seien weitere Mittel zur postkolonialen Erinnerung eingeplant.

Historiker Zimmerer ist der Meinung, man solle die umstrittenen Erinnerungsorte in deutschen Städten „brechen“. „Rein umwidmen mit Schrifttafeln reicht nicht. Man könnte den Colston, man könnte einen Wissmann, man könnte sie alle ja zum Beispiel liegend hinstellen, man könnte sie auf den Kopf stellen, man könnte sie einfach in ein Ensemble einbetten, das eigentlich die kolonialen Verbrechen und den kolonialen Rassismus thematisiert und damit im Grunde auf diese Geschichte verweist, auf die unser Wohlstand in Europa ja zu nicht geringem Teil eigentlich beruht“, so Zimmerer im Deutschlandfunk. „Das wäre eine Aufklärungsarbeit, die zwingend notwendig ist – auch, um diesen Rassismus zu bekämpfen.“

RND

Lesen Sie jetzt