Psychologin: “Mütter, die ihre Kinder töten, wollen ihnen oft Leid ersparen”

Verbrechen

Wenn Mütter ihre Kinder töten, ist das Entsetzen groß - wie zuletzt in Solingen. Wie sich eine solche Tat ankündigt und welche Motive es geben könnte, erklärt Kriminalpsychologin Lydia Benecke.

von Michèle Förster

, 18.09.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
In Solingen soll eine 27-Jährige fünf ihrer sechs Kinder getötet haben.

In Solingen soll eine 27-Jährige fünf ihrer sechs Kinder getötet haben. © picture alliance/dpa

Eine Mutter soll in Solingen fünf ihrer Kinder getötet haben. Staatsanwaltschaft und Polizei gehen davon aus, dass die Kinder im Alter von einem bis acht Jahren betäubt und erstickt wurden. Die Mutter hätte laut den Ermittlern aus einem Zustand der emotionalen Überforderung heraus gehandelt.

Die Frage nach den Hintergründen der Tat ist jedoch – auch zwei Wochen nach der Tat – weiter ungeklärt. Im RND-Interview erklärt Kriminalpsychologin Lydia Benecke, wie es dazu kommen kann, dass Mütter ihre Kinder töten, und was falsch verstandene Fürsorge damit zu tun hat.

Frau Benecke, wie kann es dazu kommen, dass Eltern ihre eigenen Kinder töten?

Es gibt unterschiedliche Hintergründe für einen Filizid – so heißt die Tötung des eigenen Kindes in der Fachsprache. Die Wissenschaft geht von fünf möglichen Motiven aus. Die erste Kategorie betrifft ungewollte Kinder, die der Lebensplanung eines Elternteils im Weg stehen. In diesem Fall kann es nach der Geburt zu einer spontanen Kindstötung kommen, wobei in fast allen Fällen die Mutter die Täterin ist.

Doch auch ältere Kinder können zu einem bestimmten Zeitpunkt ungewollt sein. Die zweite Kategorie beschreibt Kinder, die durch tödliche Gewaltausübung und Misshandlung sterben. Das passiert beispielsweise durch das Schütteln eines Säuglings oder durch Vernachlässigung.

Als drittes kommt ein Filizid aus Rache am Partner in Frage. Bei einer sehr konflikthaften Trennung kann die Kindstötung eine Art Bestrafung des anderen Elternteils sein. Dieses Motiv wird allerdings häufiger bei Vätern als bei Müttern beobachtet.

Und obwohl man bei einer solchen Tat vermuten würde, dass ein solcher Elternteil sein Kind gar nicht liebt, ist genau das Gegenteil der Fall. Lydia Benecke, Kriminalpsychologin

Bei der vierten Kategorie wird die Motivation als altruistisch, also uneigennützig, bezeichnet. Diese Form ist besonders schwer nachzuvollziehen. Denn die Eltern haben eine tiefe und liebevolle Beziehung zu ihrem Kind. Sie wollen es zum Beispiel nicht allein zurücklassen, wenn sie nicht mehr existieren.

Sie sind überzeugt, dass dem Kind sehr viel Leid bevorstehen würde und sie es davor bewahren, indem sie es töten. Und obwohl man bei einer solchen Tat vermuten würde, dass ein solcher Elternteil sein Kind gar nicht liebt, ist genau das Gegenteil der Fall.

Manche dieser Eltern töten also aus Fürsorge?

Ja, diese Menschen sind emotional sehr stark mit ihren Kindern verbunden und glauben, dass sie die Kinder durch eine solche Tat retten und schützen würden – was natürlich eine komplette Fehlwahrnehmung der Realität und extrem egozentrisch ist.

Als weiteres Motiv ist noch die sogenannte psychotische Kindstötung bekannt, die sich auch mit dem altruistischen Motiv überschneiden kann. Dabei leidet ein Elternteil an einer schweren psychiatrischen Erkrankung, die mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen einhergehen kann. Häufig wollen diese Menschen ihr Kind vor einer nicht realen Gefahr beschützen, indem sie es töten.

Spielen psychische Erkrankungen dabei häufig eine Rolle?

Gerade das altruistische und das psychotische Motiv werden in der Fachliteratur mit depressiven und psychotischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Allerdings sind diese Erkrankungen kein hinreichender Grund für solche Taten, das sei an dieser Stelle gesagt.

Sie können nur im Zusammenspiel mit anderen Faktoren den Handlungsspielraum weniger Menschen so weit einschränken, dass sie glauben, die Tötung wäre wirklich der einzige Ausweg für sich und ihre Kinder. Zu den psychotischen Wahnvorstellungen gibt es einen sehr bekannten Fall aus den USA, bei dem eine Mutter ihre Kinder getötet hat, weil sie der Überzeugung war, der Teufel würde ihre Seelen holen.

Es ist ein Zustand, in den sich die meisten Menschen nicht hineindenken können. Lydia Benecke

Während eines starken Schubs dieser Wahnvorstellung und einer chronischen Überforderung mit der Lebenssituation hat sie ihre Kinder getötet, weil sie glaubte, es wäre die einzige Möglichkeit, sie vor der Hölle zu bewahren. Die Mutter war also nicht mehr in der Lage, die Realität richtig wahrzunehmen. Wir reden bei so einem Erkrankungsgrad also von Personen, die in einem Zustand sind, der sich bereits weit außerhalb dessen befindet, was sich ein normaler Mensch auch nur ansatzweise vorstellen kann.

Wenn sich eine Mutter nach der Kindstötung selbst umbringt oder es versucht, wird auch von erweitertem Suizid gesprochen. Was hat es damit auf sich?

Nicht selten kommt es nach einer solchen Tat zu einem Suizidversuch der Mutter. Laut internationalen Studien versuchen 16 bis 36 Prozent der Mütter nach der Tötung ihres Kindes einen Suizid zu begehen. Wenn die Mütter einen solchen Suizidversuch überleben, sagen sie danach häufig, dass sie eine besonders starke Bindung empfunden haben und die Kinder als Teil von sich angesehen haben, den sie nicht zurücklassen wollten.

Oft berichten sie auch, dass sie ihre Situation als ausweglos empfunden haben. Zum Tatzeitpunkt sind diese Mütter typischerweise absolut überzeugt, dass sie genau das Richtige tun – das ist eben das Tragische an dieser Fehlentscheidung.

Kommt Hilflosigkeit auch als denkbares Motiv in Frage?

Faktoren wie finanzielle Probleme, Wohnungsnot, Partnerschaftskonflikte, häusliche Gewalt, eingeschränkte soziale Unterstützung, Familienkonflikte, Überforderung mit der Kinderbetreuung und psychische Krankheiten, die sich verschlimmern, spielen bei den Hintergründen solcher Taten in unterschiedlicher Konstellation immer wieder eine Rolle.

An dieser Aufzählung sieht man schon, dass es nicht den einen Faktor gibt, der eine solche Tat erklärt. Typischerweise ist es eine Kombination dieser Faktoren und der psychischen Verfassung zusammen mit mangelhaften Bewältigungsstrategien. Es ist ein Zustand, in den sich die meisten Menschen nicht hineindenken können.

Es gibt natürlich viele Menschen, die sich überfordert oder isoliert fühlen und sich fragen, wie es weitergehen soll. Die meisten dieser Menschen schaffen es aber trotzdem, zu erkennen, dass so eine Tat keine vernünftige Entscheidung wäre. Eine ungünstige Mischung der eben aufgezählten Faktoren kann aber im schlimmsten Fall dazu beitragen, dass eine Person schließlich eine Entscheidung trifft, die die meisten Menschen in einer schwierigen Lebenssituation niemals treffen würden.

Denken Sie, dass es Frauen in einer solchen Verzweiflungssituation an mütterlichen Gefühlen fehlt?

Das lässt sich in Bezug auf die unterschiedlichen Tätertypen nicht einheitlich beantworten. Aber bei den altruistisch motivierten Täterinnen ist es ja besonders paradox und tragisch, dass sie glauben, besonders fürsorglich zu handeln. Da ist eine gewaltige Kluft zwischen dem, was die Täterinnen fühlen und denken und dem, wie wir die Tat von außen bewerten. Natürlich würde man sagen, dass eine Mutter ihre Kinder nicht töten darf.

Es liegt einfach eine komplett verzerrte Wahrnehmung vor, die nicht mit unserer objektiven Realität vereinbar ist. Lydia Benecke

Die subjektive Realität einer solchen Frau ist aber, dass sie denkt, sie würde ihre Kinder damit schützen. Deshalb ist es schwierig, hier von mütterlichen Gefühlen zu sprechen. Es liegt einfach eine komplett verzerrte Wahrnehmung vor, die nicht mit unserer objektiven Realität vereinbar ist. Und das ist es, was diese Taten so unbegreiflich und schwer zu ertragen macht.

Wie lassen sich solche Taten vorab erkennen?

Eine einfache Präventionsstrategie gibt es leider nicht. Bis heute sind keine eindeutigen Merkmale bekannt, um zu unterscheiden, ob es sich bei Eltern um potenzielle Täter handelt, oder nicht. In diesem Bereich herrscht noch sehr viel Forschungsbedarf.

Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die akut psychotischen Täterinnen eher spontan töten – während suizidal-depressiv motivierte Täterinnen ihre Tat häufiger über Tage und Wochen planen, weil sie sich bereits über einen längeren Zeitraum mit dem Gedanken auseinandergesetzt haben, keinen Ausweg mehr zu sehen.

Also gibt es auch eine Chance, die Taten zu verhindern?

Man kann aus den bisherigen Erkenntnissen nur vorsichtige Schlussfolgerungen ziehen. Ein Teil der Eltern, die ihre Kinder getötet haben, hatte im Vorfeld entsprechende Gedanken gegenüber Familienangehörigen oder Freunden geäußert. Diese Äußerungen sollten immer ernst genommen und professionellen Stellen gemeldet werden.

Wenn Eltern dort bereits Hilfe suchen und jemandem mitteilen, dass sie überfordert oder depressiv sind und darüber nachdenken, sich oder ihrem Kind etwas anzutun, dann ist das eine Chance. Die professionellen Berater sollten bei Suizidgedanken nachfragen, wie die Eltern in Bezug auf ihre Kinder denken und was mit ihnen nach einer solchen Tat geschehen würde. Es ist wichtig, empathisch darauf einzugehen und professionelle Hilfe anzubieten. Ob das Erfolg hat, hängt aber vom Einzelfall ab.

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