Prozess im Mord ohne Leiche: Angeklagter hat schon einmal getötet

dzLandgericht Essen

Ein Mann soll seine Ex-Freundin getötet haben. Die Leiche wurde nie gefunden - obwohl die Polizei seit über einem Jahr danach sucht. Jetzt steht der Mann vor Gericht - nicht zum ersten Mal.

von Jörn Hartwich

Essen/Gelsenkirchen

, 12.08.2020, 17:19 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es muss ein schreckliches Video sein. Auf dem Boden liegt eine Frau – unbekleidet, gefesselt, mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Darüber ein Mann, der auf ihren regungslosen Körper uriniert. Die Frau - da ist sich die Staatsanwaltschaft sicher - ist Anna S. aus Gelsenkirchen. Ihre Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Seit Mittwoch steht nun ihr Ex-Freund vor Gericht. Er hat schon einmal eine Frau umgebracht.

Anna S. soll den Angeklagten über eine Internetplattform kennengelernt haben. Das war Weihnachten 2017. Doch die Liebe war offenbar nicht von Dauer. Laut Anklage wollte sich die 35-Jährige schon im Sommer 2018 wieder trennen, kam aber nicht richtig von dem heute 47-Jährigen los. Immer wieder trafen sie sich – auch zum Sex.

Gefesselt, eine Plastiktüte über dem Kopf

Dann kam der 23. Juni 2019. Anna S., so die Anklage, steigt in Gelsenkirchen mit ihren beiden Hunden in das Auto des Angeklagten. Eine letzte Aussprache – so war der Plan. Die Fahrt geht nach Krefeld, in ein Hotel, das von der Mutter des 47-Jährigen betrieben wird. Dort hat er bis zuletzt gewohnt.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der bullige und extrem übergewichtige Angeklagte die 35-Jährige dort mit Handschellen und Kabelbindern gefesselt und dann mit Hilfe einer Plastiktüte erstickt hat.

Video auf dem Computer entdeckt

Der Verdacht war damals sofort auf ihn gefallen. Doch ohne Leiche war die Beweis- und Indizienlage schlecht. Erst als die Ermittler auf dem Computer des Angeklagten ein Video fanden, auf dem Anna S. – identifiziert über ihre Tätowierungen – zu sehen ist, erfolgte die Festnahme. Das war im November vergangenen Jahres.

Was genau passiert ist, müssen die Richter am Essener Schwurgericht nun in einem umfangreichen Indizienprozess klären. Auf die Mithilfe des Angeklagten können sie nicht hoffen. Er hat gleich zu Prozessbeginn erklärt, dass er sich weder zu den Vorwürfen noch zu seinem Lebenslauf äußern wolle.

Elf Jahre wegen Totschlags

Etwas über 20 Jahre ist es her, dass der 47-Jährige schon einmal eine Frau umgebracht hat – mit über hundert Messerstichen. Dafür ist er 1999 vom Duisburger Schwurgericht zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Damals wie heute sollen Wut und Eifersucht die treibenden Motive gewesen sein. Außerdem gab es in der Vergangenheit noch ein weiteres Tötungsdelikt. In diesem Fall konnte dem Angeklagten allerdings nichts nachgewiesen werden.

Hinweise auf „serientätermäßiges Verhalten“

Rechtsanwalt Hans Reinhardt, der im aktuellen Mordprozess unter anderem die Schwester von Anna S. vertritt, sprach am Rande des Strafverfahrens davon, dass alles auf ein „serientätermäßiges Verhalten“ hindeute. Für die Familie sei auf jeden Fall „alles ganz schrecklich“. Auch, weil die Leiche noch immer verschwunden ist. „Sie können nicht Abschied nehmen“, so Reinhardt.

Wohnung in Brand gesteckt

Der Angeklagte soll im September 2019 auch schon die Wohnung von Anna S. angezündet haben. Dazu legte er laut Anklage Grillanzünder auf Bett und Sofa, montierte den einzigen noch funktionierenden Brandmelder ab. Dass niemand verletzt wurde, ist offenbar nur der Wachsamkeit der Nachbarn zu verdanken. Sie hatten den Rauch bemerkt und die Feuerwehr alarmiert. Auch dieser Fall wird in Essen nun mitverhandelt.

Im Falle einer Verurteilung wegen Mordes droht dem 47-Jährigen nicht nur lebenslange Haft, sondern außerdem die unbefristete Sicherungsverwahrung – zum Schutz der Allgemeinheit. Mit einem Urteil ist voraussichtlich erst Ende Oktober zu rechnen.