Preisbeeinflussung: Kartellamt hat Amazon im Visier

Amazon

Onlineriese Amazon steht im Fokus des Bundeskartellamts. Der Vorwurf: Preismonitoring. Auslöser sind Beschwerden von Händlern, die selbst Produkte auf der Plattform anbieten.

von Frank-Thomas Wenzel

, 02.09.2020, 12:55 Uhr / Lesedauer: 3 min
Das Bundeskartellamt ermittelt gegen Onlinehändler Amazon. Viele Anbieter auf der Plattform berichten von Schikane.

Das Bundeskartellamt ermittelt gegen Onlinehändler Amazon. Viele Anbieter auf der Plattform berichten von Schikane. © picture alliance/dpa

Seit Jahren ist Amazon im Visier des Bundeskartellamts. Aktuell geht es um den Vorwurf, der Konzern betreibe auf seinem virtuellen Marktplatz Preismonitoring, so ein Behördensprecher zum RND. Grund für die neuerliche Überprüfung seien Beschwerden von Händlern, die auf dem Marktplatz ihre Produkte anbieten.

In diversen Internetblogs gehören die Vorwürfe von Gewerbetreibenden gegen den US-Konzern zum Standardrepertoire. Mit der Corona-Krise ist der Ärger noch einmal deutlich größer geworden. Zunächst führte der Lockdown im Frühjahr dazu, dass die Bestellungen extrem in die Höhe schnellten und selbst die ausgeklügelte Logistik von Amazon in die Knie ging. Die Manager setzen bei der Auslieferung Prioritäten, was zugleich bedeutete, dass Kunden vielfach lange Zeit auf ihre Produkte warten mussten.

Teilweise astronomische Preise bei Drittanbietern

Überprüfungen von Wettbewerbshütern ergaben aber, dass hier alles mit rechten Dingen zuging. Der zweite Effekt: Bei heiß begehrter Ware wie Mund-Nasen-Masken, Toilettenpapier oder Desinfektionsmitteln schossen Preise von Drittanbietern zeitweise in astronomische Höhen. Amazon ging dagegen vor, sperrte den Verkauf von diversen Produkten.

Der Vorwurf: Wucher. Inzwischen gibt es keinen Lockdown und auch keine Versorgungsengpässe mehr. Doch aufgrund der großen Zahl von Beschwerden gibt es nach den Worten des Kartellamtssprechers Hinweise darauf, dass ein Preismonitoring weitergeführt werde. Die Experten der Bonner Behörde schauen sich jetzt genauer an, ob diese Mechanismen tatsächlich systematisch betrieben werden und wie sie gegebenenfalls funktionieren.

Es geht um Grundsätzliches: Ein Plattformbetreiber hat nicht das Recht, Preissetzung zu betreiben – zumal es bei Amazon um den dominierenden Faktor des hiesigen Onlinehandels geht, der einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent hat: Das allein schon kann den Wettbewerb unzulässig beschränken. Auf dem Marktplatz sind hierzulande mehr als 300.000 Anbieter aktiv, die auf die immense Reichweite von Amazon angewiesen sind.

Amazons Doppelrolle: Marktplatz und Konkurrent

Hinzu kommt, dass das Unternehmen nicht nur den Internetmarktplatz betreibt, sondern selbst Tausende Artikel anbietet – also auch ein Konkurrent für die Händler ist. Genau diese Doppelfunktion ist die Ursache für die Dauerstreitigkeiten. Das Kartellamt hat schon 2013 interveniert. Damals wurde die Preisparitätsklausel überprüft: Händler durften ihre Waren anderswo nicht billiger als auf dem Marktplatz des US-Konzerns offerieren.

Die Wettbewerbshüter kassierten diese Restriktion. Voriges Jahr zwang die Bonner Behörde Amazon zu einer Reihe von Änderungen in den allgemeinen Geschäftsbedingungen, wodurch die rechtliche Position der Marktplatzanbieter gegenüber dem Plattformbetreiber in einer ganzen Reihe von Punkten gestärkt wurde.

Händler fühlen sich gegängelt und schikaniert

Nun geht es um den vielfach von Händlern vorgebrachten Vorwurf, gegängelt und schikaniert zu werden, weil sie dem Konzern missliebig sind – vor allem mit dem Hinweis auf angeblich überzogene Preise. Es soll dabei nicht nur um Sperrungen für Anbieter oder einzelne Artikel gehen.

Händlern soll auch die sogenannte Buy Box entzogen worden sein. Das ist das Feld, mit dem ein Produkt von der Übersichtsseite direkt – ohne weitere Klicks – in den digitalen Einkaufswagen gelegt werden kann. Amazon vergibt die Buy Box nur an ausgewählte Waren, sie ist für Absatz und Umsatz von großer Bedeutung.

Eine weitere Sanktion könnte sein, dass Händler in den Listen der Suchergebnisse erst weit unten auftauchen, was die Verkaufschancen ebenfalls mindert. Als Grund fürs Abstrafen wird Diverses gemutmaßt: etwa, dass ein Händler die Auslieferung nicht über die Zustelldienste von Amazon organisiert oder dass er keine Werbung auf der Website des weltgrößten Internethändlers schaltet. Auch andere Wettbewerbsbehörden wie die von Kanada überprüfen derzeit derartige Vorwürfe.

Automatisierte Maßnahmen gegen Preistreiberei

Amazon hat dazu erklärt, man habe Richtlinien, die sicherstellen sollen, dass die Verkaufspartner ihre Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. Die Systeme seien so konzipiert, dass sie Maßnahmen gegen Preistreiberei ergreifen. Bei Problemen könne man sich an den Verkaufspartner-Support wenden. Die gibt es immer wieder, da mit Algorithmen gearbeitet wird. So berichten Verkäufer vielfach über nicht nachvollziehbare Sperrungen, weil das System vermeintliche “verbotene Produkte” oder “Hochpreisfehler” entdeckt haben soll.

Letzteres ist eigentlich eine sinnvolle Einrichtung. Es soll davor schützen, dass ein Anbieter etwa ein T-Shirt irrtümlich für 999 Euro statt für 9,99 Euro bepreist. Das Beispiel zeigt aber auch, wie vertrackt die Angelegenheit ist. Denn von Plattformbetreibern wird verlangt, dass sie Verantwortung für die Produkte übernehmen, die auf ihren Internetseiten offeriert werden, etwa wenn es um die Sicherheit bei Elektronik oder um die Echtheit bei Schmuck geht.

So plant die EU-Kommission denn auch, die Haftung für Plattformbetreiber noch zu verschärfen. Ganz abgesehen von der Frage, wann ein Preis tatsächlich überhöht ist. Für die Experten des Kartellamts wird es bei ihren aktuellen Untersuchungen deshalb vor allem darum gehen, wie weit die Kontrollen von Amazon auf dem Marktplatz gehen dürfen, heißt es unter Insidern.

RND

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