„Nutzlos bis ärgerlich“ - Kommunalwahlplakate unter der Experten-Lupe

Kommunalwahl

Kaum ein Laternenpfahl, von dem in diesen Tagen nicht ein Kommunalwahl-Bewerber vom Plakat lächelt. Jürgen Adolph vom Marketing-Experten Grey sieht dabei viel „Steinzeit-Kommunikation“.

Düsseldorf

04.09.2020, 06:40 Uhr / Lesedauer: 3 min
In den Wochen vor jeder Wahl säumen unzählige Plakate die Straßen in NRW.

In den Wochen vor jeder Wahl säumen unzählige Plakate die Straßen in NRW. © picture alliance/dpa

Der Weg zur nordrhein-westfälischen Kommunalwahl am 13. September ist gepflastert mit Plakaten. Die Bewerber für die Spitzenposten in Rathäusern und Landkreisen werben mit vielen bunten Bildern für sich als beste Klimaschützer, Kümmerer, Wirtschaftsförderer, Antreiber oder auch „Abschieber“.

Wenn Werbe-Fachmann Jürgen Adolph sein professionelles Auge auf die Plakate wirft, leidet er meist. „Man sieht unheimlich viele Aussagen, die quasi Allgemeingültigkeit haben“, sagt der Experte der Design-Agentur KW43 der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. „Das differenziert Null und ist nutzlos bis fast ärgerlich.“

„Wahlplakate sollen mobilisieren, nicht überzeugen“

Auch Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann stellt fest: „Die klassischen Wahlplakate fahren wie Oldtimer einer vergangenen Zeit an den Straßen auf.“ Doch auch in Zeiten eines zunehmend auf digitale Formate setzenden Wahlkampfs sei das Plakatieren nicht völlig irrational. „Wahlplakate sollen mobilisieren, nicht überzeugen“, sagt der Professor der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität der dpa. „Selten hat ein Wahlplakat einen Wähler zum Umdenken gebracht.“

Mindestens müssten die Wähler sich aber ernst genommen fühlen, mahnt Kommunikationsdesigner Adolph. Das sei bei Floskeln, denen ohnehin niemand widersprechen würde, nicht der Fall. Adolphs K.O.-Test: „Könnte man eine solche Aussage auch verneinen oder umdrehen? Wenn es dann absurd wird, stimmt etwas nicht. Dann hätte man sich das auch sparen können.“

Bespiel eins: „Grün ist lokal nicht egal.“ Adolph fragt: „Wer würde sagen, mir ist aber lokal egal?“ Beispiel zwei: Ein CDU-Plakat mit Corona-Masken-Bild verspricht „Unser Plan: Erst zurück zu Normal, dann weiter zu Besser.“ Das Urteil des Experten aus der Werbe- und Marketing-Gruppe Grey fällt vernichtend aus: „Das ist ja mit die lächerlichste Aussage!“, kritisiert Adolph. Der Umkehrtest zeige die Absurdität: „Wir bleiben unnormal und danach wird es noch schlimmer.“

Eingängige Botschaften oftmals eher bei den Radikalen

Es könne doch ohnehin keine Partei mit 100 Prozent Zustimmung rechnen, stellt er fest. „Deshalb frage ich mich: Wieso sind die Aussagen eigentlich so gedreht, dass 100 Prozent sie unterschreiben würden? Der größte Fehler ist, wenn man niemanden irritieren will.“ Diejenigen, die Themen plakatierten, die andere nicht ansprächen, seien leider die Radikalen, sagt Adolph. „Die zeigen, wie es geht. Das dringt durch. Man kann nur hoffen, dass sich das auch ausreichend disqualifiziert.“

Beispiele für solche eingängigen Botschaften seien etwa Kommunalwahl-Motive der AfD: „Muezzin-Ruf in Deiner Stadt?“ mit einem großen Moschee-Bild oder „Abschiebe-Initiative starten!“ schnörkellos in fetten Großbuchstaben. Wer darauf setze, dass Wähler stehenbleiben, um lange Texte zu lesen, werde sicherlich enttäuscht, urteilt Adolph.

Beispiel: Ein Plakat von Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel, das viele kleine Bilder seiner Unterstützer mit Texten für deren Beweggründe abbildet - auf das SPD-Logo aber verzichtet. „Niemand liest lange Texte“, weiß der Kommunikationsdesigner aus Erfahrung. In der Regel würden im Vorbeigehen ein oder zwei Schlüsselwörter wahrgenommen.

In Zeiten von Corona zielen manche Kampagnen auf die Briefwahl ab

Auch dann erfüllten Wahlplakate aber mindestens „Basisfunktionen“, räumt Adolph ein. Etwa, wenn jemand einen Bewerber wiedererkenne, den er möge und deswegen wählen wolle oder, wenn durch das Plakat wenigstens auf den Wahltermin aufmerksam gemacht werde. „Die Bewerber manifestieren sich jetzt am Laternenpfahl. Das ist so eine Art Steinzeit-Kommunikation - aber immerhin.“

Die CDU rechnet in Zeiten von Corona mit vielen Briefwahlen und stellt einen Teil ihrer Kampagne gezielt darauf ab. Ihre Plakate zeigen junge und alte Menschen mit Partner oder Hund bequem auf dem heimischen Sofa. Slogan: „Unsere Wahlkabine heißt jetzt Home Office.“ Das findet Adolph gerade für eine Partei mit vielen älteren Wählern, die Angst vor Infektionsrisiken haben, gar nicht ungeschickt: „bodenständig, mit gesundem Menschenverstand“, lobt er.

Wähler werde angesichts zu platter Botschaften vertrieben

Die Rahmenkampagne der FDP fällt dagegen beim Kommunikationsexperten durch: „Schulen digitaler machen“, „Wirtschaft schafft Existenzen“ oder „Ruhrpott wird zum Chancenpott“ sei einfach „zu dünn“. Dass Wähler angesichts zu platter Botschaften mit Grausen vertrieben würden, befürchtet Politikwissenschaftler von Alemann nicht. „Schon in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde beklagt, dass sich die deutschen Wähler von der Politik abwenden“, stellt er fest.

Alarmrufe seien aber verfrüht. Im Vergleich zu vielen anderen Demokratien sei die Wahlbeteiligung in Deutschland immer noch respektabel. Bei der Kommunalwahl 2014 hatte in NRW allerdings nur jeder Zweite von seinem Wahlrecht Gebrauch gemacht.

dpa