Nordkirchener waren beim Horror-Lauf zur Zugspitze dabei

NORDKIRCHEN Verarbeitet? Nein, verarbeitet, da sind sich Christine Jücker-Deifuß, Holger Deifuß und Hans-Jürgen Klein einig, haben sie die Stunden auf der Zugspitze noch nicht. Sie nahmen an dem Extrem-Lauf teil, bei dem zwei Männer starben. Was sie zu erzählen haben, lässt einen das Grauen am Berg hautnah miterleben.

von Von Daniel Maiß

, 15.07.2008, 17:53 Uhr / Lesedauer: 2 min
Haben die Tragödie beim Zugspitzlauf hautnah miterlebt und seitdem die Berichterstattung genauestens verfolgt: (v.l.) Christine Jücker-Deifuß, Holger Deifuß und Hans-Jürgen-Klein vom FC Nordkirchen.

Haben die Tragödie beim Zugspitzlauf hautnah miterlebt und seitdem die Berichterstattung genauestens verfolgt: (v.l.) Christine Jücker-Deifuß, Holger Deifuß und Hans-Jürgen-Klein vom FC Nordkirchen.

Die Tragödie beim Extrem-Berglauf, bei dem zwei Teilnehmer zu Tode kamen (wir berichteten) haben die drei Athleten vom FC Nordkirchen zusammen mit ihrem Vereinskollegen Werner Schröder hautnah miterlebt. Jetzt sitzt das Trio wieder im heimischen Nordkirchen, doch gerade Holger Deifuß muss immer wieder schlucken, wenn er an den 13. Juli denkt. „Ich hatte das ‚Vergnügen‘, bis zur Spitze laufen zu dürfen“, erinnert sich der 39-Jährige.

An der Station durchgewunken

Die ersten 148 Läufer wurden vom Veranstalter an der Station „Sonnalpin“ nämlich einfach „durchgewunken“, der 39-Jährige lag an Position 76. Von dort an galt es noch einmal 400 der insgesamt 2100 Höhenmeter hinter sich zu bringen. Das allerdings auf einer Distanz von nur einem Kilometer. „Das ist wie eine Wand, da muss man hochklettern“, so Deifuß. Schon vorher hatten starker Wind und heftige Schneefälle eingesetzt, die Temperatur sank rapide ab. „Ich merkte zwar, dass mir kühl wurde, fühlte mich aber noch gut“, so Deifuß weiter.

Orientierungslos wegen der Kälte

Dieser Zustand hielt aber nicht lange an. Als er einen Bekannten erreichte, der als Streckenposten aufgestellt war, habe er nur noch gestammelt: „Mir ist so kalt, ich erfrier“, erinnert sich Deifuß. Nachdem ihn ein Mitarbeiter der Bergwacht bis ins Ziel geführt hatte, irrte der Nordkirchener orientierungslos umher. „Weil ich so erschöpft war, eigentlich kenne ich mich da oben gut aus“, so Deifuß, der bereits zum dritten Mal am Zugspitzlauf teilnahm. Erst am Nachmittag habe er von den Toten erfahren. „Das war ein Schock. Nachdem was ich erlebt habe, weiß ich jetzt, dass es auch mich hätte treffen können.“

"Einige mussten reanimiert werden"

Ähnlich erging es auch Hans Jürgen Klein. Er kam allerdings erst ein gutes Stück hinter Deifuß bei „Sonnalpin“ an. „Weiter hätte ich es auch gar nicht geschafft. Ich war kurz vor dem Zusammenbruch“, so Klein, dessen Herzfrequenz auf den letzten Metern vor der Station aufgrund von Unterkühlung rapide abgenommen hatte. Bei „Sonnalpin“ angekommen, bot sich dem Nordkirchener ein unglaubliches Bild. „Da standen knapp dreißig Läufer herum und zitterten am ganzen Körper. Aber es waren keine Decken da. Einige mussten sogar reanimiert werden. Das war schrecklich“, so Klein, der knappe 20 Minuten brauchte, ehe er sich einigermaßen wieder bewegen konnte. Weder er noch Christine Jücker-Deifuß wussten zu diesem Zeitpunkt, wie es weitergehen sollte. „Da hat niemand gesagt, dass das Rennen beendet ist“, prangert Jücker-Deifuß an.

Vorwürfe an den Veranstalter

Die drei Nordkirchener erheben weitere schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter. „Der hätte konsequent bei Sonnalpin den Lauf abbrechen müssen. Es war bekannt, dass das Wetter ist“, so Jücker-Deifuß. Zudem fehlte es an allen Ecken und Enden an Decken und Alu-Folien zum Aufwärmen. „Da läufst du zweieinhalb Stunden durch Regen und Kälte und bekommst nicht mal eine Decke“, so Klein. In Schutz nehmen die Nordkirchener die Bergwacht: „Die haben toll gearbeitet und sogar ihre Jacken abgegeben.“ „Der ganze Tag war eine einzige Katastrophe, eine Tragödie. Das braucht Zeit“, so Christine Jücker-Deifuß. Seit sie zurück ist, hat sie viele Zeitungsberichte gesammelt. „Man muss sich damit konfrontieren“, denkt die 39-Jährige. Um die Stunden an der Zugspitze irgendwie zu verarbeiten.

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