Norbert Röttgen: "Ich bin der Erste."

Kandidaten für CDU-Parteivorsitz

Deutschlands fleißigster Talkshow-Politiker Norbert Röttgen kandidiert als Parteivorsitzender der CDU. Er vermisst eine "christdemokratische Idee von der Zukunft unseres Landes".

Berlin

von Daniela Vates

, 18.02.2020, 21:08 Uhr / Lesedauer: 4 min
Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, kandidiert als CDU-Parteivorsitzender.

Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, kandidiert als CDU-Parteivorsitzender. © picture alliance / dpa

Es hätte in der CDU der Tag von Friedrich Merz sein können: Für den Mittag ist Merz in der CDU-Zentrale mit Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer verabredet. Es ist eine Art Bewerbungsgespräch, es geht um Kramp-Karrenbauers Nachfolge. Merz ist der Erste, der im Büro der Nochchefin vorspricht.

Am Vormittag aber setzt sich ein anderer Nordrhein-Westfale erst an den Computer und dann ans Telefon: Norbert Röttgen, 54 Jahre, Jurist aus dem Rheinland und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, hat sich entschlossen, für den CDU-Vorsitz zu kandidieren.

Röttgen schickt eine Mail an Kramp-Karrenbauer, die beiden telefonieren kurz. Um kurz nach 9 Uhr ist die Nachricht bekannt. Um 11 Uhr sitzt Röttgen im großen Saal der Bundespressekonferenz an der Spree.

Er ist alleine gekommen, dunkler Anzug, blau-rot gepunktete Krawatte, einen Zug von Vergnügen im Gesicht und wohlformulierte Worte auf einem Zettel.

“Darum kandidiere ich”

“Es geht nicht nur um eine Personalentscheidung. Es geht um eine politische Positionierung der CDU. Es geht um die Zukunft der CDU und die christdemokratische Idee von der Zukunft unseres Landes”, sagt er. “Davon habe ich wenig gehört bisher. Darum kandidiere ich.”

Es ist die nächste Überraschung in der CDU, nach der Rückzugsankündigung vor einer guten Woche von Kramp-Karrenbauer, die Parteichefin nicht mehr sein und Kanzlerkandidatin nicht mehr werden will.

Ein seltsamer Zwischenzustand ist es seither gewesen in der CDU. Intern galt das Interessentenfeld schnell als klar: NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz wurden gehandelt, die drei also, die bisher mehr oder weniger offen Kramp-Karrenbauer Konkurrenz gemacht hatten.

Auf eine Kandidatur hatte sich keiner der drei festgelegt.

Als Erster am Start

Röttgen hat sich nicht daran gehalten. Er hat sich als Erstes an den Start gestellt. Und darauf legt er auch Wert: “So unangenehm es mir ist”, sagt er mit diplomatischer Höflichkeit und einem leichten Lächeln, nachdem eine Journalistin ihn auf der Pressekonferenz als vierten NRW-Kandidaten anspricht. “Ich bin bislang der Erste und Einzige, der seine Kandidatur erklärt hat.”

Und noch mal: “Ich bin nicht der Vierte, ich bin der Erste.” Es ist ihm vor allem unangenehm, wenn das nicht auffällt.

Röttgen findet außerdem, dass er nicht nur der Erste ist, sondern auch der Ernsthafteste. Einer, dem es um die Sache gehe und nicht um den persönlichen Vorteil, um Karriere und Macht. Merz-Laschet-Spahn-Kramp-Karrenbauer – alles nur Gemauschel, so kann man Röttgen zusammenfassen.

Er drückt es anders aus, allerdings mit einer ähnlichen Vehemenz. Das Verfahren mit internen Bewerbungsgesprächen zeuge “von einer grundlegenden Fehleinschätzung vom Ernst der Lage”, sagt er. “Wie eine Jacke, bei der man schon den ersten Knopf falsch knöpft.”

Nicht die Zeit für Friede, Freude, Eierkuchen?

Die Teamlösung, die nun so viele propagieren in der CDU, hält Röttgen für vorgeschoben. “Alle sind immer für Team”, sagt er. “Ich auch. Wie sollte man dagegen sein?”

Er habe allerdings den Verdacht, dass die Teamidee dazu diene, “die Interessen Einzelner unter einen Hut zu bringen ohne dass es Ärger gibt”. Oder noch ein bisschen konkreter: “Dass die drei Aspiranten für sich zufrieden sind. Und dann ist Friede, Freude, Eierkuchen.”

Aber nichts ist Friede und Freude, findet Röttgen. Alles viel zu schwierig, die Weltlage, Europa, die USA, das Klima.

Und einen Messias gebe es im Übrigen auch nicht, der das alles lösen könne. In der CDU wird mit diesem Stichwort am ehesten Friedrich Merz assoziiert, der Vertreter vor allem des Wirtschaftsflügels seit Jahren in schwärmerische Zustände versetzt.

Warum soll ausgerechnet Norbert Röttgen die Lösung sein für die CDU, für alle diese Probleme?

Er hat ja schon einmal als Aspirant auf eine Angela-Merkel-Nachfolge gegolten. Das allerdings ist schon gut zehn Jahre her. Damals war Röttgen Bundesumweltminister und Vizevorsitzender der CDU. Es folgte ein jäher Absturz.

Röttgen ging als Ministerpräsidentenkandidat der NRW-CDU in die Landtagswahl 2012 – und verlor. Er galt plötzlich nicht mehr als einer der klügsten Vertreter der liberalen CDU, sondern – auch wegen Fehlern im Wahlkampf – als eigensinnig und abgehoben.

Sein Konkurrent um die NRW-Spitzenkandidatur, der in einer Mitgliederbefragung knapp gegen Röttgen verloren hatte, gewann 2017 die nächste Wahl. Sein Name: Armin Laschet.

Der einzige Minister, der von Merkel entlassen wurde

Röttgen verlor 2012 neben der Wahl auch sein Ministeramt im Bund. Er war der einzige Minister, der von Merkel entlassen wurde. Auch andere mussten gehen, zogen es aber vor, einer Entlassung durch Rückzug zuvorzukommen.

Bei Röttgen hatte vor allem die CSU mit ihrem damaligen Chef Horst Seehofer Druck gemacht. Der bayerischen Schwesterpartei war Röttgen zu liberal, außerdem war er früh von der Pro-Atomkraft-Linie der Union abgewichen.

Merkel brach mit einem, der ihren Mitte-Kurs unterstützte und sich bereits zu Zeiten von Helmut Kohl als Mitglied der schwarz-grünen Pizza-Connection früh um eine Annäherung beider Parteien mühte.

Röttgen zog sich zurück und wechselte in die Außenpolitik. Es war ein neues Feld und der Ex-Minister schuf sich eine ganz eigenen Präsenz – einer, der sein eigenes Ding machte, auch inhaltlich: Im vergangenen Jahr war er der Politiker mit den meisten Talkshow-Auftritten.

In der Fraktion und auf dem Parteitag organisierte er den Widerstand gegen die Regierungslinie zur Beteiligung des chinesischen Mobilfunkausrüsters Huawei am Ausbau des deutschen Funknetzes.

Röttgen sagt, die Landtagswahl vor acht Jahren sei nicht mehr relevant. Er habe aus seinen Fehlern gelernt, und die Kraft gehabt, nach dem Fallen wieder aufzustehen. Das sei “wichtig für die Übernahme von Verantwortung”.

Und er hat ja auch noch ein Programm. Sechs Punkte zählt er auf, viel Mitte-Kurs, Abgrenzung nach links und rechts, etwas Klimapolitik und die Warnung vor der nächsten Flüchtlingswelle. Lange und leidenschaftlich spricht Röttgen, der Außenpolitiker, über die Kämpfe um die syrische Stadt Idlib.

Abrechnung mit der Bundeskanzlerin

Sein Auftritt gerät auch zu einer Abrechnung mit Angela Merkel und ihrer Regierung. Zur Flüchtlingspolitik, die die AfD beflügelt und die CDU gespalten hat, sagt Röttgen: “Von der Ordnung der Migration kann keine Rede sein.” Die Bundesregierung habe Krisen ganz generell nicht zu vermeiden versucht, sondern darauf reagiert, “mit Überraschung, Überforderung und Reparieren”. Das habe Angst erzeugt und damit der AfD ihr Geschäftsmodell.

Merkel aber solle im Amt bleiben, sagt Röttgen. “Wir haben sie gewählt.” Und er würde als Parteivorsitzender schon klarkommen mit ihr, “Die Zusammenarbeit ergibt sich aus der gemeinsamen Definition von Pflicht.”

Er habe sehr ermutigende Rückmeldungen bekommen auf seine Kandidatur, sagt Röttgen. Da ist es genau 12 Uhr, in der Parteizentrale beginnt das Gespräch von Merz und Kramp-Karrenbauer. Eine Stunde wird es dauern, danach wird Merz von der CDU zunächst weiter als Interessent geführt. Für eine Kandidatur braucht es etwas Schriftliches.

Reaktionen: Zurückhaltend bis genervt

CDU-Spitzenleute reagieren zurückhaltend bis genervt auf den Vorstoß Röttgens. Der Partei sei “mit Bewerbungen im Wochentakt nicht geholfen”, sagt Niedersachsens CDU-Chef Bernd Althusmann.

Der Hamburger Spitzenkandidat Marcus Weinberg, der am Sonntag ohnehin schon nicht mehr viel erwarten kann von der Wahl, sagt dem RND: “Ich halte nicht viel davon, dass jetzt einzelne Kandidaten unabgesprochen ihre Kandidatur bekannt geben.”

Ein Spitzenpolitiker aus NRW stellt fest, es sei unklar, woher er seine Unterstützung nehmen wolle. Röttgen empfiehlt einen Mitgliederentscheid.

Er bewerbe sich nicht, um eine Einladung zum Kaffee in der CDU-Zentrale zu bekommen, sagt er. Im Übrigen trinke er lieber Espresso. Sicher ist sicher, auch wenn Spott mitschwingt in seiner Stimme.

In der Parteizentrale heißt es, es sei offen, ob in der Präsidiumssitzung am Montag bereits über ein konkretes Verfahren zur Bestimmung eines neuen Parteichefs gesprochen werde.