Mutter und Stiefvater zur Tochter – „Wenn Du davon erzählst, kommst Du ins Heim“

dzProzess

Ein Mädchen aus Gelsenkirchen zeigt Mutter und Stiefvater an. Es geht um Missbrauch, Misshandlung und psychische Grausamkeit. Als sie floh, war die Schülerin gerade 14 Jahre alt.

Gelsenkirchen/Essen

, 21.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Schülerin war gerade 14, als sie einen Koffer packte und sich später – beim Abendessen – heimlich davon schlich. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis die Polizei von ihrer Geschichte erfuhr. Seit Montag muss sich nun sogar das Essener Landgericht mit ihrem Fall befassen. Es geht um Missbrauch, Misshandlung und psychische Grausamkeit. Angeklagt sind Mutter und Stiefvater.

Die Staatsanwaltschaft hat keinen Zweifel, dass der heute 16-Jährigen großes Unrecht angetan worden ist. In der Anklage ist von sexuellen Übergriffen, Tritten und Schweige-Verpflichtungen die Rede.

Alltags-Situationen schamlos ausgenutzt?

Im Zentrum der Vorwürfe steht der Stiefvater des Mädchens, 37 Jahre alt, Busfahrer von Beruf. Seit Herbst 2016 soll er sich der Schülerin immer wieder mit eindeutigen Absichten genähert haben – im Badezimmer (beim Rasieren der Beine), im Kinderzimmer (beim Anprobieren des ersten BHs), im elterlichen Schlafzimmer (bei einer Art Kino-Abend). Außerdem soll er die Schülerin so oft getreten haben, dass es sogar zu einer Hüftverletzung gekommen sein soll.

Er selbst wollte sich zum Prozessauftakt nicht zu den Vorwürfen äußern. Anders seine Ehefrau. Ihr wird vorgeworfen, ihre Tochter nicht beschützt zu haben. Außerdem soll sie die heute 16-Jährige aufgefordert haben, niemanden etwas zu erzählen. Sonst komme ihr Mann ins Gefängnis, der Bruder und die Halbrüder zu Pflegefamilien und sie – die Tochter – ins Heim. „Weil dich ohnehin niemand haben will.“ So ähnlich steht es in der Anklage.

Mutter bestreitet Vorwürfe

Genau das hat die 42-Jährige allerdings vehement bestritten. Dass es ein Schock-Erlebnis gegeben hat, wollte aber auch sie nicht bestreiten. Eine Berührung im Intimbereich des Kindes. Davon habe ihr Mann selbst berichtet. „Das soll aber aus Versehen passiert sein“, so die Mutter vor Gericht. Ihr Mann habe sich doch nur einen Ausschlag ansehen wollen.

Hätte sie Zweifel gehabt, wäre sie sofort auf der Seite ihrer Tochter gewesen. Schließlich habe sie als Kind selbst schlimme Erfahrungen gemacht.

Angeklagte sind weiter ein Paar

Ihre Tochter hat die Vorwürfe vor Gericht allerdings wiederholt. Mit leiser Stimme erzählte sie außerdem, dass auch ihr Bruder begrabscht worden sei. Sie selbst lebt inzwischen bei ihrem leiblichen Vater.

Die Angeklagten sind dagegen noch immer ein Paar. Auch wenn sie in getrennte Wohnungen gezogen sind. Angeblich eine Vorgabe des Jugendamtes: Entweder die „Eltern“ trennen sich oder die Kinder werden in Obhut genommen. „Es gab nur diese beiden Optionen“, sagte die 42-Jährige den Richtern. Der Prozess wird fortgesetzt.

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