Mutmaßlicher Anschlag in Berlin: Was wir bislang wissen

Terrorismus

Ein 30 Jahre alter Iraker hat am Dienstagabend wohl vorsätzlich mit einem Auto mehrere Unfälle herbeigeführt. Der Verdächtige ist mittlerweile in einer Psychiatrie. Was steckt hinter der Tat?

Berlin

19.08.2020, 22:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
 Der mutmaßliche Anschlag auf der Berliner Stadtautobahn war nach Einschätzung der Behörden wohl islamistisch motiviert.

Der mutmaßliche Anschlag auf der Berliner Stadtautobahn war nach Einschätzung der Behörden wohl islamistisch motiviert. © picture alliance/dpa

Auf der Berliner Stadtautobahn hat ein Mann am Dienstagabend nach derzeitigem Erkenntnisstand vorsätzlich eine Unfallserie verursacht und dabei mehrere Menschen zum Teil schwer verletzt. Die Staatsanwaltschaft geht aktuell von einem Anschlag aus, die für Terrorismus zuständige Bundesanwaltschaft lässt sich über alle Entwicklungen informieren. Nach und nach kommen weitere Informationen über die Tat ans Tageslicht.

Was wir wissen

Tathergang

  • Ein Mann hatte am Dienstagabend gegen 18.30 Uhr an drei Stellen auf der Autobahn im Westteil Berlins mit seinem Auto andere Fahrzeuge wie Autos und Motorräder gerammt.
  • Das stark beschädigte Auto des Fahrers stand zuletzt auf der Autobahnausfahrt Alboinstraße in Berlin-Tempelhof in Fahrtrichtung Osten und Neukölln.
  • Dort in der Nähe hatte sich wohl der dritte Crash ereignet. Auf der Fahrbahn lagen einige Trümmer und ein Motorradhelm.
  • Ein Motorrad war quer in die Front des Wagens geklemmt, wie auf Fotos zu sehen war. Offenbar hatte der Fahrer das Motorrad mit großer Gewalt gerammt.
  • Die anderen beiden Zwischenfälle, bei denen der Mann andere Fahrzeuge rammte, geschahen weiter westlich auf der Autobahn in Wilmersdorf und Schöneberg.
  • Als der Mann mit seinem Auto zum Stehen kam, verließ er es den Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft zufolge und stellte eine alte Munitionskiste auf dem Autodach ab. Es sei der Eindruck entstanden, dass es sich bei dieser Kiste um einen gefährlichen Gegenstand handeln könnte.
  • Polizisten gelang schließlich die Festnahme des Mannes. Bei der Untersuchung der Kiste durch Spezialisten vom Landeskriminalamt stellte sich der Inhalt als ungefährlich heraus, es war nur Werkzeug darin.
  • Die Stadtautobahn musste infolge der Ereignisse gesperrt werden, es kam zu Staus. Insassen von Fahrzeugen waren wegen der Gefahrenlage vorsorglich in Sicherheit gebracht worden.

    Opfer

  • Sechs Menschen wurden verletzt, drei davon schwer. Ein Motorradfahrer hat schwerste Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule erlitten. Es wird auch wegen versuchten Mordes in drei Fällen ermittelt.

Täter

  • Als mutmaßlicher Täter festgenommen wurde ein 30-jähriger Iraker, der als Asylbewerber nach Deutschland kam. Nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden sei, lebe er mit einer Duldung in Berlin, so die Staatsanwaltschaft.
  • Nach Fotos von seinem Facebook-Profil war er mindestens 2016 schon in Berlin. Bis Herbst 2019 war er wohl in einer Gemeinschaftsunterkunft im Stadtteil Altglienicke untergebracht. Danach hat er offenbar eine Wohnung im Bezirk Reinickendorf bezogen, in der er mit großer Wahrscheinlichkeit gemeinsam mit seinem Bruder lebte.
  • Nach Angaben auf seinem Facebook-Profil studierte er Design. Er postete dort im März 2015 auch ein Foto vom Tag der Abschlussfeier an einer irakischen Kunstakademie.
  • Der mutmaßliche islamistische Attentäter ist in der Vergangenheit mehrfach mit weniger gravierenden Gewaltdelikten aufgefallen. Generalstaatsanwältin Margarete Koppers sagte am Mittwoch im Rechtsausschuss des Abgeordnetenhauses: “Er ist seit 2018 als Verdächtiger mehrerer Körperverletzungen und eines Angriffs auf Vollstreckungsbeamte erfasst worden.”
  • Bei der letzten Tat im August 2018 ging es demnach um eine “Widerstandshandlung vor einer Flüchtlingsunterkunft”. Darauf folgte laut Koppers ein Strafverfahren, das mit einem Freispruch eines Amtsgerichts im April 2019 wegen phasenweiser Schuldunfähigkeit endete. Das psychiatrische Gutachten von damals sei ihr derzeit noch nicht bekannt
  • Anhaltspunkte für eine Mitgliedschaft des Verdächtigen in einer terroristischen Vereinigung gibt es aktuell nicht. Dem Berliner Staatsschutz war er nach Angaben von Berlins Innensenator Andreas Geisel nicht bekannt.
  • Laut Staatsanwaltschaft gebe es bislang keine Anhaltspunkte für Mittäter.
  • Der Tatverdächtige kommt vorläufig in die Psychiatrie.

Motiv

  • Äußerungen des mutmaßlichen Täters im Anschluss und Rufe wie “Allahu Akbar!” geben laut Staatsanwaltschaft Hinweise, die ins islamistische Milieu führten. Die Polizei geht von einem Anschlag aus, die genauen Hintergründe sind aber unklar.
  • Vor der Tat veröffentlichte der mutmaßliche Fahrer im Internet Hinweise auf die geplante Tat. Auf seiner Facebook-Seite postete der Iraker Fotos des Autos, mit dem er später absichtlich mehrere Fahrzeuge rammte, sowie religiöse Sprüche, in denen auch das Wort “Märtyrer” vorkommt.
  • Auf den Fotos ist das Berliner Kennzeichen des schwarzen Wagens zu erkennen, der Stunden später schwer beschädigt auf der Autobahn stand.
  • Aus Sicherheitskreisen erfuhr die Nachrichtenagentur dpa, dass der Verdächtige in Kontakt gestanden habe zu einem als Gefährder bekannten Islamisten. Der Berliner “Tagesspiegel” berichtete, der Gefährder werde dem Spektrum der Terrormiliz Islamischer Staat zugeordnet.

Was wir nicht wissen

  • Unbekannt ist, warum sich der mutmaßliche Täter größtenteils Motorradfahrer als Opfer ausgesucht hat und wann genau er nach Deutschland gekommen ist.
  • Unklar ist, ob der Anschlag tatsächlich islamistisch motiviert war oder es andere Hintergründe gibt.
  • Auch die Identität der Opfer ist nicht bekannt. Nach ersten Erkenntnissen ist unter den drei Schwerverletzten ein Feuerwehrmann, der auf dem Heimweg war.

RND/tdi/epd/dpa

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