Mutiertes Coronavirus: Chaos in England - Skepsis in Europa

Corona in Großbritannien

Großbritannien droht Isolation, politisch wie wirtschaftlich. Nach dem Auftauchen einer neuen Variante des Coronavirus verhängen viele EU-Länder Einreisestopps. Nun droht ein No-Deal-Brexit.

Berlin/London/Brüssel

von Andreas Niesmann, Katrin Pribyl, Eva Quadbeck

, 22.12.2020, 05:15 Uhr / Lesedauer: 4 min
Seit der Nacht zum Montag ist Großbritannien vom europäischen Festland abgeschnitten.

Seit der Nacht zum Montag ist Großbritannien vom europäischen Festland abgeschnitten. © picture alliance/dpa/AP

Die Schlange der Lastwagen scheint endlos. Kilometerweit zieht sie sich entlang der Klippen von Dover durch die englische Landschaft bis weit ins Landesinnere. Lastwagen parken auf Seitenstreifen und mitten auf der Autobahn.

Es herrscht Chaos im Königreich. Seit der Nacht zum Montag ist Großbritannien vom europäischen Festland abgeschnitten. Wegen der mutierten Form des Coronavirus mit dem Namen VUI2020/12/01 haben Länder wie Deutschland, Österreich, Belgien und Frankreich die Grenzen für Fähren, Züge und Flugzeuge von den britischen Inseln dicht gemacht.

Der Eurotunnel und der Hafen von Dover haben den Betrieb eingestellt. Es ist das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass die wichtigste Verbindung mit dem europäischen Kontinent unterbrochen ist.

Zuvor waren dramatische Meldungen über den Ärmelkanal geschwappt. Die Virusmutation, die vor allem in der Grafschaft Kent im Südosten Englands grassiert, könne bis zu 70 Prozent ansteckender sein als die normale Variante, erklärte Großbritanniens Premierminister Boris Johnson. Und sein Gesundheitsminister Matt Hancock warnte, die Situation sei „außer Kontrolle“.

Lastwagen stehen in langen Schlangen auf der M20 in der Nähe von Folkestone in der Grafschaft Kent im Stau. Der Zugang zum Eurotunnel wurde geschlossen. Nach Angaben des Handelsverbandes BRC überqueren in der Vorweihnachtszeit normalerweise etwa 10 000 Lastwagen täglich den Meeresarm.

Lastwagen stehen in langen Schlangen auf der M20 in der Nähe von Folkestone in der Grafschaft Kent im Stau. Der Zugang zum Eurotunnel wurde geschlossen. Nach Angaben des Handelsverbandes BRC überqueren in der Vorweihnachtszeit normalerweise etwa 10 000 Lastwagen täglich den Meeresarm. © picture alliance/dpa/PA Wire

Dem Kontrollverlust der britischen Regierung in der Pandemie könnte der im Wirtschaftsleben folgen. Am Flughafen Heathrow kam es zu tumultartigen Szenen, weil Tausende Passagiere versuchten, in letzter Minute das Land zu verlassen. Dem britischen Pfund droht ein historischer Tiefstand. Und die Supermarktkette Sainsbury’s warnt vor Lieferengpässen, sollte der Frachtverkehr unterbrochen bleiben.

Etliche Spediteure auf dem Kontinent stoppten ihre Fahrer auf dem Weg nach Großbritannien – aus Sorge, dass die am Ende nicht mehr zurückkehren können. „Wenn sich nichts ändert, werden in den kommenden Tagen Kopfsalat, einige Blattgemüse, Blumenkohl, Brokkoli und Zitrusfrüchte in den Regalen fehlen“, heiß es von Sainsbury’s. Verkehrsminister Grant Shapps müht sich in Interviews auf allen Nachrichtenkanälen, die Bürger von Panikkäufen abzuhalten.

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„Die Briten bekommen jetzt einen Vorgeschmack darauf, was ein No-Deal-Brexit bedeutet“, sagt ein EU-Insider. Tatsächlich waren Zustände wie jetzt eigentlich erst für die Zeit nach dem 1. Januar erwartet worden – wenn es den Unterhändlern beider Seiten bis dahin nicht gelingen sollte, bis zum Jahreswechsel einen Handelsvertrag zwischen der EU und Großbritannien zustande zu bringen.

Doppelter Druck für die Insel

Die Insel gerät in diesen Tagen gleich doppelt unter Druck. Die Corona-Epidemie schadet der britischen Wirtschaft bereits massiv, ein harter Brexit könnte ihr den Rest geben. „Das Vereinigte Königreich ist durch die neuartige Form des Virus gerade doppelt belastet“, sagt die Vizepräsidentin des Europaparlaments, Katarina Barley (SPD).

Sie appelliert an den britischen Premierminister Johnson, „den Verstand einzuschalten, bevor es zu spät ist“. Die Hand der EU für eine zeitlich begrenzte Ausdehnung der Übergangsphase sei immer ausgestreckt, sagt Barley, die selbst einen englischen Vater hat: „Es liegt an Boris Johnson, diese zu ergreifen.“

Angesichts der neuen Virusmutation „wäre die beste Lösung, wenn Großbritannien einer Verlängerung der Übergangsfrist zustimmen würde“, findet der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europaparlament, Bernd Lange. „Ich habe aber keine große Hoffnung, dass das geschehen wird“, fügte der SPD-Parlamentarier aus Niedersachsen hinzu. Eine Situation wie diese habe er noch nie erlebt: „Die britische Seite hat sich ideologisch verrannt.“

Die Verhandlungen in einem Gebäude in Brüssel gehen zwar auch am Montag in physischer Form weiter, doch ob es am Ende eine Einigung geben wird, weiß niemand. Gestritten wird immer noch über Fischereirechte und gleiche Wettbewerbsbedingungen. Wie schon seit Monaten.

Die Brexit-Übergangsphase – also jener Zeitraum, in dem Großbritannien zwar nicht mehr der EU, doch weiter dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion angehört – werde „sicher nicht“ über den 31. Dezember hinaus verlängert, sagt indes Verkehrsminister Shapps in der BBC.

Seine Aussage, dass die Blockade des Ärmelkanals durch die Europäer „ziemlich überraschend“ gekommen sei, sorgt auch in London für Irritationen. Gibt es denn gar keine funktionierenden Absprachen mit den europäischen Partnern mehr, fragen sich Beobachter.

Auf dem Festland hat inzwischen das Rätselraten eingesetzt, wie gefährlich die britische Virusvariante eigentlich ist. Er sei über die Nachrichten von der Insel „nicht so sehr besorgt“, sagt Charité-Chefvirologe Christian Drosten am Montagmorgen im Deutschlandfunk. Ist das mutierte Virus tatsächlich stärker übertragbar? Aus Drostens Sicht ist das nicht bewiesen. Die 70-Prozent-Zahl sei „einfach so genannt worden“, sagt er. Sie sei bestenfalls ein Schätzwert.

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Noch deutlicher wird Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery im Gespräch mit dem RND. „Man sollte alle Angaben von Herrn Johnson mit außerordentlicher Vorsicht behandeln“, meint der Mediziner. „Die Tatsache, dass die neue Corona-Variante derzeit im Südosten Englands grassiert, ist vor allem der Nachlässigkeit der Menschen dort geschuldet.“ Sowohl Drosten als auch Montgomery glauben nicht, dass eine Auswirkung auf die Wirksamkeit des Impfstoffs sonderlich wahrscheinlich sei.

Vorsichtiger äußert sich der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß. „Sollte sich das mutierte Virus aus Großbritannien, das hypothetisch deutlich infektiöser ist, auch hierzulande ausbreiten, könnte das im schlimmsten Fall bedeuten, dass wir unsere Kontakte noch einmal stärker einschränken müssten“, sagt er. „Der Lockdown müsste dann länger und noch intensiver sein.“

Ein Brexit-Deal in letzter Minute?

Allerdings wachsen auch in Großbritannien die Zweifel an den Informationen der Regierung. Manche Kritiker mutmaßen, dass Johnson die Übertragbarkeit der neuen Variante als noch gefährlicher dargestellt hat, als sie ohnehin ist, um eigene Versäumnisse zu kaschieren und zu rechtfertigen, dass er nur wenige Tage vor den Feiertagen und trotz gegenteiliger Beteuerungen im Vorfeld am Wochenende doch die striktesten Maßnahmen für London und den Südosten Englands durchsetzen musste.

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Das Vereinigte Königreich wirkt vor diesem Weihnachtsfest 2020 wie ein Land, das mit schlafwandlerischer Sicherheit auf den Abgrund zusteuert. Politisch und wirtschaftlich. Zumal auch das letzte Brexit-Ultimatum am Sonntagabend folgenlos verstrichen ist.

Nun gibt es zwei Optionen, heißt es in Brüssel. Entweder es kommt gar kein Vertrag zustande. Dann dürfte sich das Chaos an den Grenzen noch verschärfen. Oder es gibt in letzter Minute einen Deal. Dieser Vertrag könnte dann vorläufig gelten, bis ihn das Europaparlament im neuen Jahr verabschiedet – oder ablehnt.

Einige geben die Hoffnung nicht auf. David McAllister, Chef der Brexit-Gruppe im Europaparlament, sagt dem RND: „Wir wollen alle nötigen Schritte tun, um Verwerfungen für unsere Bürger und Unternehmen zu minimieren.“ Das spricht dafür, dass das Europaparlament auch einem Minivertrag zustimmen würde – wenn er denn zustande kommt.

RND

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Das Landeverbot für britische Passagierflugzeuge gilt seit Sonntagnacht. Mehrere Maschinen landeten noch bevor es in Kraft trat. An einigen Flughäfen wurden Passagiere positiv getestet.

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