Musiker aus dem Revier bescherten dem weltgrößten Jazz-Branchentreffen einige Glanzpunkte

Jazzahead

Die „Jazzahead!“ in Bremen ist das weltgrößte Branchentreffen für die improvisierte Musik. In diesem Jahr trumpften dort einige Musiker aus dem Ruhrgebiet ganz groß auf.

Bremen

, 01.05.2019 / Lesedauer: 3 min
Musiker aus dem Revier bescherten dem weltgrößten Jazz-Branchentreffen einige Glanzpunkte

Die Essener Band Botticelli Baby sorgte für Begeisterungsstürme. © Frank Thomas Koch

Die indische Jazz-Szene war vom Jazzfestival im kanadischen Quebec nur ein paar Fußschritte weit entfernt, Armenien plötzlich musikalischer Nachbar vom diesjährigen Partnerland Norwegen. Und mittendrin im polyglotten Gewusel des weltweiten größten Branchentreffens für improvisierte Musik sorgten erfreulicherweise Musiker aus dem Ruhrgebiet in Bands wie „Botticelli Baby“, „Der weise Panda“ und „Jörg Brinkmann/Simin Tander Duo“ für Glanzpunkte und Glücksmomente.

1420 ausstellende Firmen

„Jazzahead!“ lautet die vier-tägige Messe, die jedes Jahr Ende April die Hansestadt Bremen zum globalen „Melting Pot“ des Jazz-Business macht. In diesem Jahr gab es erneute Rekorde: Mehr als 3400 Fachteilnehmer aus 64 Nationen, 1.419 ausstellende Firmen an 121 Einzel- und Gemeinschaftsständen, rund 18.000 „normale“ Besucher bei den 100 öffentlich zugänglichen Konzerten in den Messehallen, im Kulturzentrum Schlachthof und bei der samstäglichen Clubnight, die sich über das gesamte Stadtgebiet verteilte.

Musiker aus dem Revier bescherten dem weltgrößten Jazz-Branchentreffen einige Glanzpunkte

Die Jazzahead-Messe brach wieder alle Teilnehmerrekorde. © Jörg Sarbach

Während an den versammelten Ständen der Plattenlabels, Festivalmacher, internationalen Jazz-Exportbüros, Instrumentenbauer, Musik-Managern, Videoproduktionsfirmen und Jazzmagazinen schwer kommunikatives „Netzwerken“ angesagt war, fanden parallel dazu die sogenannten „Showcases“ statt, das sind zu vier Blöcken gebündelte Kurzkonzerte.

Bei der „Norwegian Night“ präsentierte sich das diesjähhige Jazzahead!-Partnerland Norwegen mit acht Ensembles, aus denen vor allem Karl Seglam mit seiner Band herausstach: folkloristische Motive, der Natur entlehnte Klänge, jedoch mit treibender Elektronik unterfüttert. Das „European Jazz Meeting“ mit zwei Programmen nachmittags und abends krankte dieses Mal ein wenig an der uninspirierten Jury-Auswahl, doch das machte die „German Jazz Expo“ mehr als wett, bei der sich acht Formationen aus Deutschland dem Publikum und den weltweiten Experten stellten.

Wilde Mischung aus Essen

Beifallsstürme gab es vor allem für die Vertreter aus dem Ruhrpott, der diesmal stark vertreten war. In atemberaubenden Tempo und mit krudem Witz wilderten die sieben Musiker von „Botticelli Baby“ in den unterschiedlichsten Stilen. Balkan-Speed, Tom-Waits-Momente, Blues, Gospel, Rock und Swing, mit powervollem Blechgebläse und schräg-sattem Pianospiel, zusammengehalten von einem Kontrabass spielenden Sänger namens Marlon Bösherz: eine wilde Mischung aus dem Umfeld der Essener Folkwang-Uni, von der man noch viel hören wird.

Musiker aus dem Revier bescherten dem weltgrößten Jazz-Branchentreffen einige Glanzpunkte

Maika Küster, Sängerin von "Der weise Panda". © Frank Thomas Koch

Auch Maika Küster aus Dinslaken, die mit ihrer um Cellistin Talia Erdal perfekt ergänzten Band „Der weise Panda“ auftrat, hatte vorher wohl kaum ein ausländischer Jazzexperte auf dem Schirm. Das wird sich ändern. Die Sängerin und ihre Mitmusiker präsentierten ihr kompositorisches Konglomerat aus Kammermusik, experimentellen Pop-Anleihen und improvisierten Passagen trotz aller Kunstfertigkeit sympathisch-ungekünstelt, mal verträumt, mal ungestüm.

Ganz eigener Klangkosmos

Als formidable Geschichtenerzähler entpuppte sich auch Cellist Jörg Brinkmann (Bochum), der die Zuhörer mit der aus Köln stammenden deutsch-afghanischen Sängerin Simin Tander in vergangene und auch ferne Welten entführte: Mittelalterliches neben französischen Chansons, abendländische Musikkultur neben paschtunischen Erbe, ein zauberhafter Brückenschlag mit ganz eigenem Klangkosmos.

Unterdessen laufen bei den Jazzahead-Machern bereits die inhaltlichen Planungen für das nächste Jahr. Trotz aller Kunst geht es auch im Nischenprodukt Jazz um Geld. „Ein Schwerpunkt wird sein, unsere Vermittlerfunktion für internationale Geschäftskontakte zwischen Übersee und Europa noch weiter auszubauen“, sagt Sybille Kornitschky von der Messe Bremen.

Jazz für Kinder

Auch für das Konferenzprogramm 2020 gibt es schon diverse Pläne. So wollen die „Jazzahead!“-Macher eine Initiative des Partnerlandes Norwegen unterstützen, ein internationales Nachwuchs-Netzwerk für die Branche zu initiieren. Bei der diesjährigen „Jazzahead“ waren erstmals drei Konzerte für insgesamt 650 Bremer Kita- und Grundschulkinder gegeben worden. Zusammen mit ihren Lehrern und Musikpädagogen konnten sie „Das verrückte Jazzkonzert“ erleben, bei dem nichts so verläuft wie vorher geplant. Und so lernten schon die Kleinen, wie wichtig Improvisation im Leben ist.

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