Mit einer Ananas auf dem Kopf gegen Corona

dzInterview

In Stadtlohn und Gescher sehen viele Mohammed Mohammed radeln. Dabei trägt der gebürtige Nigerianer eine Ananas auf dem Kopf. Natalia Murga hat ihn gefragt, warum er das macht.

von Natalia Murga

Kreis Borken

, 03.09.2020, 13:53 Uhr / Lesedauer: 2 min

Herr Mohammed, wie reagieren die Menschen, wenn die Sie mit der Ananas auf dem Kopf sehen?
Die erste Frage ist immer: Wie machst du das? Die Menschen denken, dass ich sie festgeklebt habe. Aber der Kopf ist wie ein breiter Fuß. Wenn der Kopf gesund ist, kannst du alles mit ihm machen.

Ist Ihnen die Ananas auch schon mal heruntergefallen?

Nur einmal. Da war mir eine Mücke ins Auge geflogen.

Wie kam es zu der Idee, mit einer Ananas auf dem Kopf durch die Gegend zu fahren?

Ursprünglich komme ich aus Nigeria. Vor sechs Jahren flüchtete ich aber wegen des Krieges nach Deutschland. Ich war wegen der Situation in meiner Heimat sehr deprimiert, Tausende Menschen wurden von Boko-Haram-Terroristen getötet. In den ersten drei Jahren fühlte ich mich wie im Gefängnis. Ich konnte kein Deutsch, aber ich hatte auch keine Kraft, Deutsch zu lernen. Und die Menschen in Deutschland empfand ich als kühl und abweisend. Ich hatte keine Kontakte, ich verstand die deutsche Kultur nicht. Aber jeder auf der Welt braucht Kontakt – wir sind keine einsamen Menschen im Urwald. Seitdem ich mit der Ananas auf dem Kopf herumfahre, nehmen mich die Leute plötzlich wahr. Sie halten an und stellen mir Fragen, sie haben Interesse und wollen wissen, warum ich das mache. Und bei alldem trainiere ich meinen Kopf wie die anderen Muskeln.

Tragen Nigerianer Gemüse und Obst auf dem Kopf?

Wir tragen vor allem Wasser in einem Fass auf dem Kopf, aber auch Gemüse und Obst. In Nigeria sind die meisten Einwohner Bauern, deshalb muss bei uns der Kopf genauso arbeiten wie die Hände und die Beine. Tomaten, Paprika, Bananen – alles muss man tragen können. Auch Essen transportieren Frauen und Kinder auf dem Kopf und versorgen damit auch die alten Leute. Bei uns ist es so: Die Frauen erledigen die Hausarbeit, die Kinder helfen bei der Arbeit. Ich musste jeden Tag meiner Großmutter das Abendessen bringen. Ihr Dorf war drei Kilometer entfernt. Daher transportierte ich es auf dem Kopf – das war am einfachsten. Weil das Essen warm war, legte man ein Tuch zwischen Kopf und Schüssel.

Sie fahren aber auch Bierflaschen spazieren...
Ja, ich fahre auch mit Bierflasche auf dem Kopf. Aber meistens trage ich eine Ananas. Nach drei Tagen, wenn sie reif ist, esse ich sie. Mit einer Flasche ist es leichter zu fahren als mit einer Ananas.

Steckt noch etwas dahinter?

Durch die Aktion verbrenne ich mehr Kalorien, bin viel unterwegs an der frischen Luft. Das ist meine Prävention gegen das Coronavirus. Wenn ein Windstoß kommt oder mich ein Lkw überholt, muss ich im Gleichgewicht bleiben. Mit einer Ananas ist das übrigens komplizierter als mit einer Flasche; sie bietet mehr Windwiderstand. Mit der Ananas auf dem Kopf bin ich durch mehr als 30 Städte in Nordrhein-Westfalen, in den Niederlanden und in Deutschland gefahren. Ich war in Hamburg, Hannover, Osnabrück, Düsseldorf, Köln. Pro Tag fahre ich mit dem Fahrrad manchmal 60 Kilometer, gerade, weil ich in dieser Corona-Zeit nicht nur in meinem Zimmer sein kann.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt