Mit Depressionen durch die Pandemie: Corona aus der Sicht zweier Betroffener

Coronavirus

Selbst für den gesunden Menschen ist die Corona-Pandemie mit all ihren Einschränkungen eine enorme Herausforderung. Doch wie erleben tatsächlich an Depressionen erkrankte Menschen die Pandemie? Zwei Betroffene erzählen.

Berlin

21.06.2020, 15:47 Uhr / Lesedauer: 7 min
Wie erleben Depressive die Corona-Pandemie? Ein Gespräch mit zwei Betroffenen zeigt, dass die Erkrankung sehr unterschiedliche Gesichter haben kann.

Wie erleben Depressive die Corona-Pandemie? Ein Gespräch mit zwei Betroffenen zeigt, dass die Erkrankung sehr unterschiedliche Gesichter haben kann. © picture alliance/dpa

Für Hannes T. ist Corona ein Witz, geradezu „lächerlich“, sagt er. Und es klingt in der Tat verächtlich. Wer Hannes T. kennt, den wundert seine Haltung nicht. Denn im Vergleich zu all den dramatischen Unwägbarkeiten, die sein Leben zuvor erschüttert haben, zieht die aktuelle Episode von Freiheitsbeschränkung und Gesundheitsbedrohung nahezu spurlos an ihm vorbei. Wäre da nicht dieser starke Zorn, der bereits seit vielen Jahren zu seinem ständigen Begleiter geworden ist und der sich oft vor allem gegen jene richtet, die „andere Menschen oder mich ohne ersichtliche Gründe ungerecht oder abwertend behandeln“. Aktuell sind es die Macher in der Krise: Politiker, Mediziner, Forscher. Sie alle und ihr Handeln empfindet T. als „inkompetent“, mehr noch: „In ihnen regiert das Tier und nicht der Verstand.“ So bezeichnet T. es.

Das Leben hat dem gebürtigen Franken in nahezu allen Bereichen immer wieder übel mitgespielt, sei es im Job, in der Partnerschaft und allen voran in der eigenen Familie. Er selbst bezeichnet es als eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von schweren Enttäuschungen und Verletzungen, die ihn letztlich sehr krank gemacht haben. Hannes T. leidet an einer „Zorndepression“, wie er es nennt. Klinikaufenthalte, suizidale Phasen, all das gehört schon lange zu seinem Leben. Während sich die Krankheit bei vielen anderen Betroffenen eher in starker Antriebslosigkeit und tiefer Traurigkeit bis hin zur kompletten Taubheit der Gefühle äußert, zeigt sich bei ihm das andere Extrem: enorme Wut, die in alles andere als Lethargie mündet.

Durch Corona tiefer in die Depression

In der Fachsprache wird diese Form der Depression auch als „Männerdepression“ bezeichnet, etwa auf dem Fachportal „Neurologen und Psychiater im Netz“: „Neben den typischen Symptomen dieser Erkrankung, wie Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit oder Antriebsmangel, gibt es auch bestimmte geschlechtsspezifische Ausprägungen der Erkrankung. Dabei können Reizbarkeit und Aggressionen sowie mitunter auch antisoziale Züge im Vordergrund stehen.“ T. sagt von sich selbst, dass er nicht immer so gewesen sei, heute habe er kaum noch Freunde, allenfalls Bekannte über den Sport.

Hannes T. sucht seinen Ausgleich im Extremsport. Damit ziehe er sich immer wieder hoch. In seinem Haus steht ein Rudergerät, auf dem er, auch während der Pandemie, unzählige Stunden verbracht hat – manchmal auch etliche Stunden am Stück bis weit in die Nacht hinein. Die Ruhe beim Rudern, vor allem in der Nacht, die habe für ihn etwas „Magisches“. Vom Lockdown, den er als Freiheitsberaubung bezeichnet, hat er beim Rudern nicht viel mitbekommen.

„Was willst du denn eigentlich, Mädel?“

Bei Rebecca O. äußert sich die Depression mit den gemeinhin vertrauteren Symptomen – Antriebs- und Freudlosigkeit, Gedankenkreisen, darunter auch immer wieder Gedanken über den eigenen Tod als Erlösung aus der Negativspirale. Corona, sagt sie, habe sie noch tiefer reingetrieben in die Depression. „Anfangs bin ich gar nicht mehr aus dem Bett rausgekommen“, erinnert sich die 31-Jährige. Und wenn, „dann maximal bis auf meine Couch“. Sie habe mit niemandem sprechen wollen. Allein schon, um den drängenden Fragen nach ihrem Befinden aus dem Weg zu gehen. „Was sollte ich den Leuten sagen? Es geht mir scheiße, ich kann nicht mehr“, fragt sie und die Verzweiflung in ihrer Stimme lässt zumindest in Ansätzen erahnen, was die junge Frau in den vergangenen Wochen durchgemacht haben muss.

Und wenn überhaupt darüber sprechen, dann wie? Videochats und Telefongespräche hätten für sie nicht dieselbe Wirkung wie ein echtes Treffen. Dabei hätte es durchaus ein bis zwei Menschen gegeben, bei denen sie „auch mit ihrer Depression“ – und allem, was dazugehört – willkommen gewesen wäre.

Für O. war Corona ein besonders herber Rückschlag. Immerhin hatte sie, als der Lockdown begann, gerade erst ihren Platz in einer Tagesklinik angetreten. Nach gerade mal einer Woche mussten die Ärzte und Therapeuten sie wieder nach Hause schicken – wegen Corona. Und das, nachdem die gelernte Rechtsfachwirtin, ihren Job hat sie durch die Krankheit verloren, über ein Jahr geradezu sehnsüchtig auf den Therapieplatz gewartet hatte. Und nach einer sehr langen Leidensgeschichte.

Anfangs sei es ein ganz unspezifisches Gefühl gewesen, das sich auch in körperlichen Schmerzen, unter anderem im Nacken, ausgedrückt habe, erinnert sich die heute 31-Jährige. „Ich habe mich jahrelang stark in Arbeit geflüchtet, um vor meinen Problemen wegzulaufen. Irgendwann war ich völlig erschöpft, und dann kamen auch noch die Panikattacken hinzu.“ Da war die Depression rückblickend betrachtet bereits stark ausgeprägt. Doch bis es zur Diagnose kam, habe es lange gedauert. „Ich wurde bei meinen Arztbesuchen oft als Simulantin abgestempelt, so nach dem Motto: ‚Was willst du denn eigentlich, Mädel?‘“

Zu wenig Therapeuten für akut Erkrankte

Wäre sie nicht irgendwann auf einen Arzt gestoßen, der schließlich die Diagnose Depression stellte, „dann weiß ich nicht, was heute mit mir wäre“, sagt O. Dabei jagte nach der Diagnose ein ernüchterndes Erlebnis das andere: „Es gibt einfach zu wenig Therapeuten für akut Erkrankte.“ Das musste auch O. schnell feststellen. Wochenlang habe sie sich durch eine Liste von Therapeuten telefoniert und Mails verschickt, oft habe sie noch nicht mal eine Antwort erhalten und wenn, dann sei der Tenor immer der gleiche gewesen: Erstgespräch oder medikamentöse Einstellung ja, aber keine freien Therapieplätze. Corona habe die Situation noch verstärkt.

Trotz aller Unterschiedlichkeiten in der Symptomatik haben T. und O. doch eines gemeinsam. Beide sind in der Opferrolle ein Stück weit gefangen. Während sich T. vor allem als Opfer der äußeren Umstände sieht, sucht O. regelrecht die Opferrolle, sagt sie. Immerhin sei diese aus ihrer Vergangenheit vertraut. „Ich katapultiere mich da regelrecht rein. Wenn mir jemand etwas Gutes will, dann kann ich damit gar nicht umgehen.“ Diese Erkenntnis hat O. in ihrer Therapie mittlerweile deutlich herausgearbeitet. Was das für sie bedeutet, wird auch im Telefongespräch deutlich. Immer wieder bricht ihre Stimme trotz hörbarer Beherrschung kurz weg. Die Scham über die Erkrankung, auch wenn sie offen darüber spricht, schwingt deutlich hörbar mit.

Diese Scham hat ihr auch in der Corona-Krise im Weg gestanden. Zwar habe es einmal die Woche weiterhin ein Telefongespräch mit dem therapeutischen Personal aus der Klinik gegeben: „Für mich war das das Highlight der Woche“, sagt O., die alleine lebt, doch gereicht habe das bei Weitem nicht. Die Notfallnummer, sagt sie, habe sie schon allein aus Scham nicht anrufen wollen. Auch wenn die suizidalen Gedanken wieder zugenommen hätten.

Corona kann die Symptome verstärken

So wie T. und O. dürfte es vielen psychisch Erkrankten in den vergangenen Wochen ergangen sein. Die Isolation, mehr Zeit, seine Gedanken unendlich kreisen zu lassen, obendrein fehlende Strukturen und eine vage Zukunft: Therapeuten rechnen mit einem regelrechten Ansturm auf ihre Praxen. Aber kann Corona eine Depression auslösen? Diese Frage kam in den vergangenen Wochen immer wieder auf: Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, glaubt nicht so recht daran, wohl aber, dass sich eine bereits bestehende Depression, die für gewöhnlich in Episoden verlaufe, durch „das Vorhandensein von Corona und den damit verbundenen Sorgen verschlechtern könne“. Wegen Corona haben viele Menschen zwar vermehrt Sorgen, Ängste und andere Befindlichkeitsstörungen, dass es aber zu vermehrten depressiven Erkrankungen komme, davon geht Hegerl nicht aus.

Diese irrtümliche Annahme sei darauf zurückzuführen, dass viele Menschen Depressionen vor allem als eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände ansehen und nicht erkennen, dass es eine ziemlich eigenständige und schwere Erkrankung ist, die jeden mit einer entsprechenden Veranlagung treffen kann. Auch unerfahrene Ärzte, so wie er selbst zu Beginn seiner Berufslaufbahn, hätten diese eher naive Sicht. Dies führe zu einer Unterschätzung der Schwere dieser Erkrankung, und sie bringe Patienten in die missliche Lage, die Depression als persönliches Versagen zu erleben, nach dem Motto „Nur ich bin zu schwach und löse meine Probleme nicht! Andere schaffen das doch auch!“.

„Depression ist aber eine Erkrankung wie andere auch. Sie geht mit einer veränderten Hirnfunktion einher“, betont der Psychiater. Habe man das Pech, eine entsprechende Veranlagung mitzubringen, so bestehe das Risiko, unbehandelt immer wieder in depressive Krankheitsphasen zu rutschen. „Es ist eine ernsthafte, aber auch gut behandelbare Erkrankung. So sage ich es meinen Patienten auch“, berichtet Psychiater Hegerl aus seinem Klinikalltag: Für viele Betroffene sei diese Erkenntnis eine regelrechte Erlösung.

Die Depression sucht nach Negativem

Tatsächlich, sagt Hegerl, sei es so, dass die Depression regelrecht nach Negativem suche, an dem sie sich festbeißen könne: „Sobald man reingerutscht ist, findet die Depression immer etwas, sie schaut ‚Was gibt es Negatives?‘.“ In der Corona-Zeit etwa böten sich dann Sorgen wegen Corona an. „Katastrophierende Corona-Sorgen werden dann durch die Depression zum Thema.“ Die fehlende Tagesstruktur während des Lockdowns und die Möglichkeit, länger im Bett liegen bleiben zu können, täten ihr Übriges.

Diese Umstände könnten die Depression weiter verstärken oder sogar einen neuen Schub auslösen. Denn: „Lange Bettzeit und langer Schlaf kann Depressionen verstärken, und Schlafentzug ist zum Erstaunen der Betroffenen ein sehr wirksames, in Kliniken angebotenes, unterstützendes Behandlungsverfahren“, betont Hegerl. Lange Bettzeiten seien daher kontraproduktiv.

Auch die von Patientin O. beschriebene Scham und der dadurch unterlassene Versuch, sich über die Notfallnummer Hilfe zu holen, sind dem Mediziner aus seinem Klinikalltag bestens vertraut: „Depressive denken dann, dass sie jetzt gar nicht dran sind, dass sie selbst schuld sind und dass sie anderen nicht die Behandlungsplätze wegnehmen können“, erklärt der Mediziner.

Die Videotherapie, die O. eingangs als unpersönlich kritisierte, sei trotz derartiger Vorbehalte gut angenommen worden, weiß Hegerl. „Wenn Patient und Psychotherapeut sich bereits gut kennen, dann ist die Qualität der Therapie vermutlich nicht deutlich schlechter als im direkten Gespräch von Angesicht zu Angesicht.“ Auch für das stiftungseigene, kostenfreie Selbsthilfetool iFightDepression hätten sich etwa 20.000 Menschen angemeldet: „Zu Beginn der Krise sind wir regelrecht überrannt worden“, erinnert sich Hegerl. So sehr, dass sogar zusätzliches Personal eingestellt werden musste, um der hohen Nachfrage nachzukommen.

Die vielen Gesichter der Depression

T. hält dennoch an der Annahme fest, dass seine Depression aus äußeren Umständen resultiert. Warum ihm das Leben immer wieder so übel mitgespielt hat, und warum er letztlich so krank wurde, darüber hat sich der Hochleistungssportler schon viele Gedanken gemacht: „Ich bin ein Stachel in der Gesellschaft“, glaubt er. Einer, der unbequem ist, laut und deutlich seine Meinung sagt: „Ich lasse mich von niemandem verbiegen“, betont er im Telefongespräch, sein Zorn dringt dabei so unerbittlich durch die Leitung, dass auch über die Distanz kein Zweifel an der Vehemenz seiner Aussagen aufkommt. Darauf angesprochen, reagiert er verlegen, so, als habe er es selbst gar nicht wahrgenommen.

Auch wegen seiner unbequemen Art, glaubt er, sei beruflich nichts aus ihm geworden. Bis heute habe er seine wahre Berufung noch nicht gefunden, dafür aber eine „irre Wut auf die Gesellschaft“ entwickelt. Ausgenommen jene, die – so wie er – schweres Leid erfahren haben, für diejenigen sei er ein Kämpfer. Nach außen die starke Persönlichkeit, die wütet, die agiert, aber innerlich zerrissen. Auch das ist ein Gesicht der Depression.

Selbststigmatisierung der Erkrankten ist enorm hoch

Trotz aller düsteren und schweren Gedanken hat O. die Hoffnung, wie letztlich auch T., noch nicht aufgegeben, dass sie irgendwann beruflich wieder durchstarten kann, auch wenn Corona sie in der Sache um gut zwei Monate zurückgeworfen habe. „Ende des Jahres läuft das Krankengeld aus.“ Dieser Umstand zahlt auch auf O.s Negativkonto ein. Zusätzlicher Druck, der zu immer neuen Problemen, die während der Therapie auftauchen, obendrauf kommt.

O. geht es inzwischen dennoch wieder etwas besser – ihre Therapie in der Tagesklinik konnte die junge Frau wieder aufnehmen, „das gibt mir Struktur“, sogar ein kleiner Spaziergang mit dem Hund einer Ärztin ist drin. Nur die Suche nach einem geeigneten Therapeuten, für die Zeit nach der Klinik, gestaltet sich nach wie vor schwierig.

T. sucht derweil weiter Entlastung im Sport. Mit den meisten seiner Psychotherapeuten hat er gebrochen. „Bis auf wenige Ausnahmen sind die alle unfähig“, lautet sein Urteil. Die Depression hat viele Gesichter. Und nicht immer ist sie von außen erkennbar. Und nicht jede depressive Verstimmung ist gleich eine depressive Erkrankung. Das zu unterscheiden ist Hegerl wichtig. „Die Depression ist eine eigenständige, schwere Erkrankung. Und als solche muss sie auch anerkannt werden.“ Auch von den Betroffenen selbst, betont Hegerl, denn: „Die Selbststigmatisierung der Betroffenen ist groß!“

Hilfe für Betroffene Haben Sie Suizidgedanken? Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern: Telefonhotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste: (0800) 111 0 111 (ev.) (0800) 111 0 222 (r.-k.) (0800) 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche) E-Mail unter www.telefonseelsorge.de
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