Minutenprotokoll: Die Momente, bevor George Floyd starb

Rassismus

George Floyd ist am 25. Mai durch Polizeigewalt in Minneapolis gestorben. Aufnahmen einer Überwachungskamera sowie Handyvideos ermöglichen nun ein Protokoll der letzten Minuten vor Floyds Tod.

Minneapolis

03.06.2020, 18:21 Uhr / Lesedauer: 5 min
In diesem Ausschnitt aus einem Video ist zu sehen, wie der Polizist auf dem Hals von George Floyd kniet.

In diesem Ausschnitt aus einem Video ist zu sehen, wie der Polizist auf dem Hals von George Floyd kniet. © picture alliance/dpa

Am 25. Mai ist der Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis durch Polizeigewalt gestorben. Seitdem gibt es im ganzen Land heftige und teilweise auch gewalttätige Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Die „New York Times“ hat nun Polizeiunterlagen, Aufnahmen von Überwachungskameras sowie Handyvideos von Passanten ausgewertet und ein Protokoll der letzten Minuten vor George Floyds Tod zusammengestellt. Zu sehen in den Aufnahmen ist die Kreuzung Chicago Avenue und 38. Straße.

Die meisten Aufnahmen stammen demnach von der Überwachungskamera des Restaurants Dragon Wok, das gegenüber des Geschäfts Cup Foods liegt, wo der durch die Corona-Pandemie arbeitslos gewordene Floyd gerade Zigaretten gekauft und sich danach in ein blaues Auto gesetzt hatte. Laut „New York Times“ geht die Uhr auf den Aufnahmen der Überwachungskamera 24 Minuten vor, im folgenden Protokoll wurde die Zeit bereits korrigiert.

19.57 Uhr: Ein blauer Wagen steht in der 38. Straße. Floyd ist gerade auf der Fahrerseite in das Auto eingestiegen, in dem noch zwei weitere Personen sitzen. Die Überwachungskamera des angrenzenden Restaurants zeigt: Zwei Angestellte von Cup Foods, wo Floyd zuvor die Zigaretten gekauft hatte, gehen zu dem Wagen. Einer von beiden geht zur Beifahrertür und konfrontiert offenbar die Insassen mit dem Vorwurf, dass Floyd die Zigaretten mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein bezahlt haben soll. Das geht aus Polizeiprotokollen hervor, das Video der Überwachungskamera hat keinen Ton. Floyd gibt die Zigaretten offenbar nicht zurück, die Mitarbeiter gehen wieder weg.

20.01 Uhr: Die beiden Angestellten rufen die Polizei und schildern die Situation. „Wir sind hier in der 3759 Chicago Avenue. Jemand kam in unseren Laden und gab uns gefälschte Banknoten. Das merkten wir, bevor er den Laden verließ, also rannten wir raus (…). Er sitzt da draußen in seinem Wagen, ist schrecklich betrunken und hat sich nicht mehr unter Kontrolle“, sollen sie demnach den Beamten gesagt haben.

20.08 Uhr: Der erste Polizeiwagen kommt an. Er parkt direkt vor dem Cup Foods-Deli. Darin sitzen laut „New York Times“ die Beamten Thomas Lane und J. Alexander Kueng. Der Polizist Derek Chauvin, der mittlerweile wegen Mordes angeklagt ist, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht dabei. Die beiden Polizisten gehen über die Straße zu Floyds Wagen und sprechen ihn an.

20.09 Uhr: Der Beamte Thomas Lane, der auf der Fahrerseite mit George Floyd spricht, zieht seine Waffe. Da die Aufnahmen von der anderen Seite stammen, kann man nicht sehen, was dem vorangegangen ist und ob Floyd irgendetwas gemacht hat. „Hände ans Lenkrad“, fordert er Floyd auf, berichtet die „New York Times“. Dann steckt der Polizist die Waffe zurück ins Holster. Sie reden wieder.

Rund 90 Sekunden später: Nun zeigt die „New York Times“ Aufnahmen, die aus einem hinter Floyds Wagen geparktem Auto stammen und zeigen, dass Polizist Lane den Tatverdächtigen aus seinem Auto zerrt. Sein Kollege Kueng legt George Floyd Handschellen an.

20.11 Uhr: Auf der Beifahrerseite und vom Rücksitz steigen ein Mann und eine Frau aus Floyds Wagen aus. Mehr sieht man von den beiden nicht.

20.12 Uhr: Die Überwachungskamera des Restaurants Dragon Wok zeigt, wie die Polizisten Floyd zu einer Hauswand führen. Er verzieht das Gesicht, sagt etwas zu den Beamten, doch es gibt bei der Aufnahme wiederum keinen Ton. Laut Polizeiprotokoll, auf das sich die „New York Times“ beruft, soll er nicht gewollt haben, dass sie ihm Handschellen anlegen. Dann trifft ein zweites Polizeiauto ein, da die Beamten wegen des Anrufs davon ausgehen, dass Floyd stark betrunken und unkontrolliert ist. In den Aufnahmen ist davon aber nichts zu erkennen, er verhält sich nicht aggressiv oder gewalttätig gegenüber den Beamten.

20.14 Uhr: Die Beamten bringen Floyd, immer noch in Handschellen, auf die andere Straßenseite. Dort fällt Floyd auf den Boden. Ein Polizeiwagen wird umgeparkt und verdeckt die Sicht der Überwachungskamera des Restaurants auf die Szene. Laut Polizeiprotokoll sagt Floyd den Polizisten, dass er unter Klaustrophobie leide und deshalb nicht in den Polizeiwagen steigen wolle. Der Satz „I can’t breathe“ (Deutsch: „Ich kann nicht atmen“) fällt erstmals.

20.17 Uhr: Ein dritter Polizeiwagen trifft ein. Darin sitzen die Beamten Tou Thao und Derek Chauvin, gegen die laut „New York Times“ schon mehrere Beschwerden vorliegen – sechs gegen ersteren und 17 gegen letzteren. Chauvin soll demnach außerdem schon einmal einen Tatverdächtigen erschossen haben. Er versucht nun, seinem Kollegen dabei zu helfen, Floyd auf die Rückbank eines Polizeiwagens zu setzen. Dabei fällt Floyd auf den Boden.

Etwa ab diesem Zeitpunkt fangen zwei Passanten an, die Szene aus zwei verschiedenen Blickwinkeln mit ihren Smartphones zu filmen. Eines der beiden Videos zeigt, wie die Beamten den am Boden liegenden Floyd fixieren, in dem sie sich auf ihn knien – Derek Chauvin sitzt dabei mit seinem Knie auf Floyds Nacken. Das ist laut „New York Times“ mit Berufung auf Polizeivorgaben nur dann erlaubt, wenn der Festgenommene sich körperlich wehrt, wovon bei Floyd nichts zu erkennen ist. Die anderen zwei Beamten knien auf Floyds Rücken und Beinen. Einer steht am Wagen und hat die Szene im Blick.

20.20 Uhr: In einem der beiden Passantenvideos hört man, wie George Floyd auf Englisch sagt: „Ich kann nicht atmen, Mann! Bitte!“ Laut internen Polizeiermittlungen, auf die die „New York Times“ sich bezieht, fragt Polizist Thomas Lane seinen Kollegen zweimal, ob sie Floyd nicht lieber auf die Seite drehen sollten. Der verneint.

Eines der Passantenvideos bricht ab, nachdem die Polizisten den Zeugen offenbar darauf hingewiesen haben, dass er das lassen soll. Die Beamten rufen medizinische Hilfe – Floyd soll aus dem Mund bluten. Derek Chauvin kniet trotzdem weiterhin auf seinem Hals. Das zweite Passantenvideo zeigt, dass er ab dem Zeitpunkt des Notrufs noch sieben Minuten so auf Floyds Hals verharrt. Insgesamt 16-mal sagt Floyd den Beamten laut „New York Times“, dass er nicht atmen könne. „Steh auf, geh ins Auto“, fordert ein Beamter ihn auf. „Ich kann nicht“, antwortet der weiterhin fixierte und am Boden liegende Floyd. Er schreit zweimal „Mama“, bevor er kurz darauf bewusstlos wird. Seine vorher weit aufgerissenen Augen sind nun geschlossen, es sieht aus, als wenn Schaum aus seinem Mund kommt.

20.25 Uhr: Man hört, wie mehrere Passanten auf den Videos schreien, dass die Beamten ihn loslassen sollen. Sie fordern die Polizisten auf, seinen Puls zu prüfen, eine fragt: „Bringen sie ihn um?“

20.27 Uhr: Der Rettungswagen trifft ein, ein Sanitäter steigt aus und fühlt Floyds Puls. Der Polizist Chauvin sitzt auch währenddessen noch auf dessen Hals und geht erst herunter, als der Sanitäter ihn kurz darauf darum bittet. Floyd wird in den Krankenwagen gebracht.

20.33 Uhr: An der Park Avenue, Ecke 36. Straße, etwa zwei Blocks entfernt, heißt es via Funk von den Rettungskräften, dass Floyd einen „vollständigen Herzstillstand“ erlitten habe.

21.25 Uhr: Floyd wird in einem nahegelegenen Krankenhaus für tot erklärt.

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd waren in den USA landesweite Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt ausgebrochen. Der Polizist Derek Chauvin wird des Totschlags beschuldigt, doch es gibt Forderungen nach einer Anklage wegen strengerer Straftatbestände und Anklagen gegen die drei weiteren bei dem Vorfall anwesenden Polizisten.

RND

Anmerkung der Redaktion: Warum wir das Standbild aus dem Augenzeugenvideo zeigen

Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) pflegt einen zurückhaltenden Umgang mit Bildern, die drastische Gewalt dokumentieren. Zu unseren ethischen Standards gehört es, Persönlichkeitsrechte zu achten und keinen voyeuristischen Interessen Vorschub zu leisten. Dass wir dennoch Bilder von der Tötung des Afroamerikaners George Floyd zeigen, liegt an ihrer zeitgeschichtlichen Bedeutung. Die während des Polizeieinsatzes in Minneapolis gefertigten Aufnahmen und deren große Verbreitung standen am Beginn einer beispiellosen Protestwelle in den USA. Zu deren Verständnis sind die Aufnahmen von zentraler Bedeutung. Deshalb zeigen wir sie in diesem Text.

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