Massive Kritik an RKI und WHO – frühes Maskentragen hätte Leben gerettet

Coronavirus

Das Zögern, eine Masken-Pflicht einzuführen soll Menschenleben gefährdet haben. Man hätte mit einer früheren Reaktion „in Deutschland Tote verhindern können“.

Hamburg

11.07.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kamen die Masken zu spät? Zumindest kritisiert der Rechercheverbund von NDR, WDR und SZ das Verhaöten des Robert Koch-Instituts und der WHO.

Kamen die Masken zu spät? Zumindest kritisiert der Rechercheverbund von NDR, WDR und SZ das Verhaöten des Robert Koch-Instituts und der WHO. © picture alliance/dpa

Mehrere Experten kritisieren das Robert Koch-Institut und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) scharf für die zögerliche und späte Empfehlung, zum Schutz vor dem Coronavirus Gesichtsmasken zu tragen. „Ich würde vermuten, dass wir in Deutschland Tote hätten verhindern können“, sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mit Blick auf die späte Empfehlung von Masken.

Laut NDR, WDR und SZ hielt es der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, noch bis Mitte März für nicht nötig, Masken in der Öffentlichkeit zu tragen. Für einen Schutz gebe es keine Evidenz. Ähnlich ablehnend habe sich auch die WHO gegenüber Masken gezeigt.

Späte Empfehlung

Selbst zwei Wochen nachdem die WHO die Corona-Pandemie ausgerufen hatte, erklärte die für Infektionsprävention zuständige Mitarbeiterin April Baller Ende März: „Wenn Sie keine Atemwegssymptome wie Fieber, Husten oder eine laufende Nase haben, brauchen Sie keine medizinische Maske zu tragen.“ Auch viele andere Wissenschaftler hätten zunächst an einer schützenden Funktion gezweifelt – und täten es teilweise heute noch.

Hingegen hatte der SPD-Gesundheitspolitiker und Epidemiologe Karl Lauterbach schon in einem frühen Stadium der Pandemie geraten, Masken zu tragen. „Die Studienlage gab das ganz klar her“, sagte Lauterbach dem Rechercheverbund. Es habe etliche Untersuchungen gegeben, „die schon Jahre zuvor gezeigt hatten, dass Masken einen erheblichen Anteil von Viren zurückhalten“.

„Es hätte zu einer großen Verminderung der Todesfälle kommen können.“

Anfang Juni erschien im Mediziner-Fachblatt „Lancet“ eine Übersichtsarbeit, die 29 Studien ausgewertet hat, die den Einsatz von Gesichtsmasken untersucht hatten. „Nach unserer Analyse reduzieren Masken das Risiko, sich zu infizieren um etwa 80 Prozent“, sagt der Hauptautor der Übersichtsarbeit, Prof. Holger Schünemann aus Kanada. Durch den frühen Gebrauch von Masken hätte es deshalb weltweit „möglicherweise zu einer großen Verminderung der Todesfälle kommen können“, so Schünemann NDR, WDR und SZ.

Dieser Meinung ist auch Klaus-Dieter Zastrow, Professor für Hygiene an der THM Gießen und bis 1995 Fachgebietsleiter beim Robert Koch-Institut. „Mit Masken für alle wäre die Pandemie im Keim erstickt worden. Es ist ein Skandal, dass sich WHO und RKI dagegen gestellt haben. Stattdessen hätte die Botschaft sein müssen: Ziehen Sie sich irgendetwas über Mund und Nase, alles ist besser als nichts.“ Er hält die Kommunikation des RKI für „katastrophal“.

„Es wäre sehr hilfreich, wenn RKI und WHO eingestehen würden, dass sie da einen Fehler gemacht haben,“ sagt der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach. Doch beide Institutionen rechtfertigen ihre früheren Empfehlungen. Es habe damals nicht genügend Belege für einen Nutzen gegeben, so die WHO auf Anfrage. Und das RKI habe dem Rechercheverbund gegenüber darauf verwiesen, dass es seit Anfang April eine Mund-Nasen-Bedeckung empfehle. Sie könne ein „Baustein sein, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Covid-19 in der Bevölkerung zu reduzieren“.

Allerdings empfiehlt das RKI noch heute auf seiner Website, dass OP-Masken dem „medizinischem und pflegerischem Personal vorbehalten bleiben“ sollen. Für den Gebrauch in der Öffentlichkeit rät es zu einfachen „Mund-Nasen-Bedeckungen“ – aber bei diesen gebe es „für einen Eigenschutz keine Hinweise“, schreibt das RKI.