Massenveranstaltungen in Corona-Zeiten: So lockern die Bundesländer

Großveranstaltungen

Bis zu 1000 Menschen dürfen an Veranstaltungen in Hamburg wieder teilnehmen. Dabei haben Beispiele aus der Vergangenheit gezeigt, wie schnell sich das Virus in Menschenmengen schlimmstenfalls verbreiten kann.

03.07.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 4 min
Großveranstaltungen wie der Schlagermove in Hamburg sind auch weiterhin untersagt.

Großveranstaltungen wie der Schlagermove in Hamburg sind auch weiterhin untersagt. © picture alliance/dpa

Am Mittwoch sind in mehreren Bundesländern neue Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Kraft getreten – darunter unter anderem neue Regeln für Veranstaltungen. So sind in der Hansestadt Hamburg ab sofort beispielsweise wieder Veranstaltungen mit bis zu 1000 Teilnehmern im Freien und 650 Personen in geschlossenen Räumen erlaubt.

Die geltenden Corona-Maßnahmen im Bundesländer-Überblick

Und auch andere Bundesländer haben inzwischen ihre Verordnungen für Veranstaltungen gelockert:

  • Bremen: Unter besonderen Auflagen sind wieder Veranstaltungen mit bis zu 250 Personen in Innenräumen und 400 Teilnehmern unter freiem Himmel zugelassen.
  • Brandenburg: Öffentliche und private Veranstaltungen können seit dem 15. Juni mit bis zu 1000 Teilnehmenden stattfinden.
  • Baden-Württemberg: Ab sofort sind Veranstaltungen mit bis zu 250 Personen wieder möglich, sofern die Teilnehmer feste Sitzplätze zugewiesen bekommen.
  • Bayern: Veranstaltungen wie Hochzeiten, Geburtstage, Schulabschlussfeiern oder Vereinssitzungen und nicht öffentliche Versammlungen sind seit dem 22. Juni mit bis zu 50 Gästen innen und 100 Gästen im Außenbereich möglich. Seit Mittwoch entfällt zudem die Maskenpflicht in Theatern, Konzertsälen und Kinos, sofern der Mindestabstand gewahrt werden kann.
  • Berlin: Veranstaltungen in geschlossenen Räumen dürfen derzeit mit maximal 300 Personen stattfinden. Ab dem 1. August soll die maximal erlaubte Personenzahl auf bis zu 500 erhöht werden. Open-Air-Veranstaltungen sind mit bis zu 1000 Personen zulässig.
  • Schleswig-Holstein: Seit dem 29. Juni dürfen Veranstaltungen im privaten Wohnraum unter Auflagen mit bis zu 50 Personen im Freien organisiert werden. Messen, Flohmärkte und Landmärkte dürfen eine Teilnehmerzahl von bis zu 250 Personen im Freien nicht überschreiten. In geschlossenen Räumen dürfen solche Veranstaltungen mit bis zu 100 Gästen stattfinden.
  • Hessen: Zusammenkünfte sind mit bis zu 250 Teilnehmern erlaubt.
  • Niedersachsen: Die niedersächsische Landesregierung plant, die erlaubte Teilnehmerzahl bei Veranstaltungen anzuheben. Zum 6. Juli wird die Obergrenze von 250 auf 500 Besucher angehoben.
  • Nordrhein-Westfalen: Seit dem 15. Juni dürfen Kongresse und Messen nur unter Auflagen und mit einem Infektionsschutzkonzept stattfinden. An Veranstaltungen im Kultur- oder Bildungsbereich dürfen wieder mehr als 100 Personen teilnehmen. Unter Auflagen erlaubt sind auch Feste wie Jubiläen, Hochzeiten, Taufen, Geburtstage oder Abschlussfeiern mit maximal 50 Teilnehmern.

  • Rheinland-Pfalz: Veranstaltungen wie Messen oder Märkten dürfen in geschlossenen Räume seit dem 24. Juni eine Teilnehmerzahl von 150 Menschen nicht überschreiten. Im Freien sind Veranstaltungen mit bis zu 350 Menschen erlaubt, sofern Kontaktdaten erfasst und Abstandsregeln eingehalten werden.
  • Saarland: Unter Auflagen sind Veranstaltungen im Freien seit dem 29. Juni mit bis zu 350 Teilnehmern wieder erlaubt – in geschlossenen Räumen mit bis zu 150 Personen. Ab dem 13. Juli sollen Veranstaltungen unter freiem Himmel wieder mit bis zu 500 Menschen gestattet sein, in geschlossenen Räumen mit bis zu 250.
  • Sachsen: Tagungen, Kongresse und kleinere Messen sind mit höchstens 1000 Besuchern und entsprechenden Hygienekonzepten wieder erlaubt.
  • Sachsen-Anhalt: Ab heute sind Open-Air-Veranstaltungen mit bis zu 1000 Teilnehmern wieder erlaubt. Veranstaltungen in geschlossenen Räumen dürfen eine maximale Teilnehmerzahl von 250 Menschen nicht überschreiten.
  • Thüringen: Nur mit genehmigten Schutzkonzepten sind Messen, Spezialmärkte und andere gewerbliche Ausstellungen erlaubt.
  • Mecklenburg-Vorpommern: Ab dem 10. Juli sollen Veranstaltungen im Freien wieder mit maximal 500 Personen und in geschlossenen Räumen mit 200 Menschen erlaubt sein. In Ausnahmefällen könnten auch bis zu 1000 Menschen zugelassen werden.

Corona-Ausbruch bei Tönnies als warnendes Beispiel

Nach dem positiven Infektionsverlauf in den vergangenen Wochen – die Zahl der Neuinfektionen blieb gering, die Reproduktionsrate mehrheitlich unter dem kritischen Wert von 1,0 – sind diese Lockerungen ein weiterer Vertrauensbeweis der Politik in die Bürger.

Andererseits ist es nur rund eine Woche her, dass im Kreis Gütersloh ein Lockdown verhängt wurde, nachdem sich mehrere Mitarbeiter des Fleischverarbeiters Tönnies in Rheda-Wiedenbrück mit dem Coronavirus infiziert haben. Der Vorfall hat gezeigt, wie schnell sich der Sars-CoV-2-Erreger ausbreiten und eine Region in einen Infektionshotspot verwandeln kann.

Wie sinnvoll sind also Massenveranstaltungen, bei denen mehrere Hundert bis Tausend Menschen an einem Ort zusammenkommen?

Infektionsrisiko bei Veranstaltungen gering

Der Infektiologe Prof. Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erachtet vor allem die geltenden Hygiene- und Schutzkonzepte sowie Abstandsregeln bei den Veranstaltungen als wichtigen Einflussfaktor: „Wegen der besonderen Auflagen und des derzeit freundlichen Wetters halte ich das Infektionsrisiko für gering und kalkulierbar“, sagt er gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Allerdings sieht er auch Herausforderungen bei den Hygienekonzepten: „Ein Problem dürfte die Einhaltung von Abstandsregeln bei den Anfahrten und beim Ein- und Auslass solcher Veranstaltung sein. Außerdem kann es schwierig sein, die Einhaltung der Regeln zu überwachen und Menschen, die Regelverstöße begehen, persönlich anzusprechen oder zur Rechenschaft zu ziehen.“

Infektionsrisiko bei Open-Air-Veranstaltungen geringer

Bisher waren Versammlungen mit mehreren Teilnehmern zum Teil nicht folgenlos geblieben: In und um Frankfurt infizierten sich im Mai nach einem Gottesdienstbesuch beispielsweise mehr als 200 Menschen. Auch bei dem Corona-Ausbruch im Kreis Gütersloh wird eine Kirchenandacht als Ursache vermutet. In Göttingen sind aktuell nach privaten Feiern zum muslimischen Zuckerfest mehrere Hundert Menschen in Quarantäne. Die Rede ist in diesem Zusammenhang immer von sogenannten Superspreading-Events.

Dabei ist die Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, im Freien grundsätzlich geringer als in geschlossenen Räumen. „Der viel höhere Luftaustausch und die UV-Strahlung im Tageslicht verringern im Freien das Infektionsrisiko“, sagt Stoll. „Open-Air-Veranstaltungen sind weniger gefährdet für ein Superspreading. Hier könnte sich zusätzlich die Corona-Warn-App als wertvoll erweisen und bewähren.“

Demonstrationen haben keine Infektionswelle entfacht

Das geringere Infektionsrisiko im Freien könnte sich auch bei den vergangenen Anti-Rassismus-Demonstrationen bemerkbar gemacht haben. Diese wurden stark dafür kritisiert, dass Abstands- und Hygieneregeln nicht eingehalten wurden. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hatte die Demonstrationen als einen „Sargnagel für die noch bestehenden Regeln“ bezeichnet.

„Seit Ende Mai wird zwar von vielen Experten postuliert, dass aus solchen Ereignissen steigende Infektionszahlen resultieren könnten, aber bisher lässt sich das meines Wissens nach nicht mit Zahlen belegen“, stellt Stoll klar. Trotzdem rät der Infektiologe bei Demonstrationen weiterhin dazu, Abstand zu anderen Teilnehmern zu halten und gegebenenfalls einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

Bundeseinheitliche Regelungen könnten mehr Vertrauen schaffen

Stoll geht gleichermaßen davon aus, dass die ersten, genehmigten Massenveranstaltungen wenig Einfluss auf die Infektionszahlen in den einzelnen Regionen haben werden – sofern es nicht zu wesentlichen Regelverstößen kommt. „Ein Teil der Übung ist es natürlich auch, Erfahrungen zu sammeln, wie viel Lockerung bei den Restriktionen folgenlos bleibt, es also auch ohne eine Maßnahme X gut geht“, sagt er.

Mit einer niederschwelligen Teststrategie wäre es zudem möglich, frühzeitig zu erkennen, ob eine Veranstaltung Ursprung eines regionalen Corona-Ausbruchs ist. Hinzu kommt, dass Sars-CoV-2-Infizierte derzeit besser ermittelt werden könnten als während einer Grippesaison.

Noch ist unklar, wann weitere Bundesländer ihre Maßnahmen lockern und ebenfalls Veranstaltungen mit bis zu 1000 Teilnehmern genehmigen. Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern sollen aber auch weiterhin untersagt bleiben.

Dass die Lockerungen der Corona-Regelungen nicht bundeseinheitlich geschehen, kritisiert Stoll scharf: „Da Infektionsvorbeugung in einer Pandemie vor allem auf Verständnis und Vertrauen bei den Bürgern basiert, ist durch diese verwirrenden Signale von den zahlreichen politischen Entscheidungsträgern eher mit einer Schwächung der Motivation zu rechnen, andere Hygieneregeln zu befolgen.“

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