Magischer Sokolov beim Klavier-Festival

DORTMUND Tasten-Tüftler, Klang-Gourmet, Klavier-Philosoph nennen die Klavierfreunde Grigory Sokolov. Es stimmt alles. Und der 58-jährige Russe ist auch ein Klang-Magier.

von Von Julia Gaß

, 14.07.2008, 18:41 Uhr / Lesedauer: 1 min

Das, was er bei seinem Auftritt beim Klavier-Festival Ruhr am Sonntag im Konzerthaus Dortmund bot, war überirdisch. - Überirdisch schön, überirdisch klug und überirdisch ausdrucksstark. Das war einer jener Abende, die man so schnell nicht vergisst und dessen Klang lange im Ohr bleiben wird.

Der Saal ist abgedunkelt, wenn Sokolov spielt. Nichts soll ablenken von der Konzentration auf die Musik. Tief gebeugt sitzt der Pianist über den Tasten, gräbt sich hinein ins Innere der Musik und nimmt die Zuhörer dabei mit. Nach Applaus huscht er schnell von der Bühne: Sokolov, eine der Legenden der reifen Pianistengeneration, ist scheu. Ihm ging es weder in den beiden Mozart-Sonaten noch in Chopins 24 Préludes um die Darstellung von Effekten. Sokolov will Musik machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das mit äußerster Intensität und abgeklärter Reife.

Eine marmorne Eleganz gab er den Mozart-Sonaten Nr. 2 und 12. Jede Anschlagsnuance scheint mit seinem Klangperfektionismus genau kalkuliert zu sein, trotzdem wirkte besonders das spätere Werk des 22-jährigen Mozart frisch und spontan, sprudelte von innen mit einer faszinierenden filigranen Brillanz. Und die langsamen Sätze, besonders das sinnierende Adagio der zweiten Sonate, spielt wohl kaum ein anderer Pianist mit soviel Eindringlichkeit und Schönheit im Klang wie Sokolov.

Der Russe ist ein Perlentaucher, der in der Tiefe der Musik nach Schönheiten sucht und zugleich ein Vulkan, der ausbricht in dramatischen Momenten. Seine ganze Ausdrucksvielfalt zeigte er in den Chopin-Préludes, in einer unter einem gewaltigen Spannungsbogen am Klavier "erzählten" expressiven und lyrischen Reise durch die Tonarten. So schlicht und trotzdem von so viel Seele erfüllt, so brillant und zart möchte man Chopin immer hören.

Sechs Zugaben rang das Publikum dem Pianisten ab. - Es war einer der Abende, bei dem sich in die Ovationen, Staunen und große Dankbarkeit, dabei gewesen zu sein, mischten.

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