Loveparade im Pixelprojekt

GELSENKIRCHEN Eine denkwürdige Aufnahme. Sie zeigt den jungen Oskar Lafontaine neben einem charismatischen Willy Brandt. Sein Blick ist auf Brandt fixiert. Brandt aber scheint Lafontaine gar nicht zu beachten.

von Von Bernd Aulich

, 18.07.2008, 14:33 Uhr / Lesedauer: 2 min
Ramschladen in Oberhausen - ein Bild, das sich ebenfalls im Bestand des Pixelprojektes Ruhrgebiet befindet.

Ramschladen in Oberhausen - ein Bild, das sich ebenfalls im Bestand des Pixelprojektes Ruhrgebiet befindet.

Das Foto entstand in der Dortmunder Westfalenhalle. Hier hat Klaus Rose von 1965 bis 1988 Politprominenz abgelichtet. Auch Adenauer und Wehner tauchen auf, wie man sie in Erinnerung hat.

5000 Bilder

54 Serien von 40 Fotografen sind in der gläsernen Arkade des Gelsenkirchener Wissenschaftsparks zu sehen. Als fünfte Folge bereichern sie das 2003 als fotografisches Gedächtnis des Reviers ins Leben gerufene Pixelprojekt Ruhrgebiet. Nicht nur dem raschen Vergessen will Initiator Peter Liedtke mit der in Jahresringen wachsenden und schon 5000 Fotos umfassenden Sammlung entgegen wirken. Das Pixelprojekt zeichnet auch ein treffendes Bild vom rasanten Wandel der Metropole Ruhr.

Für Qualität sorgt eine Jury, die viel Spreu vom Weizen getrennt hat. Übrig blieb eine Fülle dokumentarischer Serien. Einen künstlerischen Anspruch lösen nur wenige Fotografen ein. Dass sich beides durchaus vereinen lässt, zeigen sieben in den 20er Jahren entstandene Aufnahmen aus dem Nachlass des Gelsenkircheners Anton Stankowski, der als Designer und konstruktiver Maler berühmt wurde. Seine Fotos von Schloten und Schächten beweisen einen geschärften Blick für Strukturen.

Sozialer Verfall spiegelt sich in den Aufnahmen von Obdachlosen in Essen, in Olaf Mahlstedts Blick auf die "alte Mitte" von Oberhausen mit ihren Ramschläden, die den Ramsch der "Neuen Mitte" noch überbieten, und in Iris Wolfs kühler Dokumentation der "Verrichtungsboxen" an einem verschwiegenen Platz in Dortmund, wo Sex zur Notdurft wird. Bestürzend Andreas Rens Großformate aus der Anatomie der Ruhr-Universität Bochum. Die Figur, der eine Stoff-Füllung zu entquellen scheint, erweist sich erst auf den zweiten Blick als aufgeschnittene Leiche.

Greller Rummel

Dokumentiert wird aber auch, dass aus Altem Neues wächst wie in Olaf Mahlstedts Einblick in das schicke neue Probenzentrum für Bands auf der ehemaligen Gelsenkirchener Schachtanlage Consol oder im Blick auf die Natur in Mark Wohlrabs facettenreichen Industriewald-Bildern.

Ob der grelle Rummel der Loveparade, von Matthias Gödde 2007 in Essen als abstoßend ordinär dokumentiert, das neue Bild der Metropole Ruhr prägen sollte? Oder stehen nicht eher Rainer Schlautmanns prägnante Szenenfotos der Triennale für das neue Revier?

Wissenschaftspark: Neuaufnahmen des Pixelprojekts, Munscheidstraße 14, Gelsenkirchen., bis zum 10. August, täglich von 10 bis 18 Uhr.

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