Kritik wie noch nie: Die WHO in der Corona-Krise

Corona

Die Weltgesundheitsorganisation ist einer der zentralen Kommunikatoren in der Corona-Krise, gerät aber immer wieder in Kritik. Die USA haben sogar angekündigt, die Zusammenarbeit ganz zu beenden.

30.06.2020, 07:26 Uhr / Lesedauer: 3 min
Das Logo der Weltgesundheitsorganisation hängt an einer Fassade am Hauptsitz der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Das Logo der Weltgesundheitsorganisation hängt an einer Fassade am Hauptsitz der Weltgesundheitsorganisation (WHO). © picture alliance/dpa

Das Urteil der Experten ist hart: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe viel zu langsam gehandelt. Ihr Zögern habe Menschenleben gekostet. Die verspätete Ausrufung einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Bedeutung, die fehlende Unterstützung der krisengeplagten Länder vor Ort - die WHO habe schlicht und einfach ihre Verantwortung aufgrund mangelnder Führung und Rechenschaftspflicht nicht erfüllt. Zu diesem Ergebnis kommen zumindest die Experten - als sie die Reaktion der WHO auf den Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014 bewerten.

Kritik ist die WHO also gewöhnt. Und inhaltlich hat sich daran auch in den vergangenen Jahren nur bedingt etwas geändert. An der Schärfe, mit der sie geäußert wird, dagegen schon: Auch bei Corona wird der WHO - unter anderem - vorgeworfen, nicht schnell und entschieden genug gehandelt zu haben - besonders im Hinblick auf China. Eine Recherche der Nachrichtenagentur AP kommt Anfang Juni zu dem Ergebnis: Weil China Daten zum Coronavirus tagelang zurückgehalten habe, habe sich das Virus um das 100- bis 200-Fache ausbreiten können. Und während man bei der WHO China öffentlich noch für die schnell bereitgestellten Informationen gedankt habe, habe es WHO-intern schon Sorgen gegeben, dass das Land mit seiner Zurückhaltetaktik Zeit verspiele.

WHO zwischen den Stühlen

Der Umgang mit China war es dann auch, der für den amerikanischen Präsident Trump Anlass, oder zumindest Vorwand genug war, die Zusammenarbeit mit der WHO aufzukündigen. Die WHO habe zu lange auf Angaben aus China vertraut und sei deshalb mit verantwortlich für die Pandemie, lautete der Vorwurf aus dem Weißen Haus. Formal haben die USA die Zusammenarbeit mit der WHO bisher zwar noch nicht beendet, aber das heiße nicht, dass die Entscheidung noch einmal überdacht werden soll, teilt die Regierung mit.

Sie trifft die WHO hart: Die Organisation ist abhängig von den Beiträgen ihrer Mitgliedsländer - allen voran denen der USA als größtem Spender. Von der effizienten Arbeit der WHO wiederum sind gerade ärmere Länder abhängig, die ohne ihre Hilfe gesundheitliche Krisen kaum überstehen können. Darüber hinaus bringt das auch weitere wichtige Anstrengungen der WHO in Gefahr: den Kampf gegen Tuberkulose, die Ausrottung von Polio und die Erforschung anderer Krankheiten. Die Finanzmittel der WHO zurückzuhalten sei daher falsch, gefährlich und müsse rückgängig gemacht werden, urteil das Wissenschaftsmagazin „Nature“.

Tatsächlich zeigt der Streit um den Einfluss von China, den USA (oder - um eine Verschwörungstheorie aufzugreifen: Bill Gates) das Grundproblem der WHO: Sie ist von ihren Mitgliedern abhängig. Sie kann Empfehlungen geben, aber niemanden dazu zwingen, sie zu befolgen. Im Fall von China war das, das sieht man an den AP-Recherchen, besonders heikel: Demnach befand sich die WHO zwischen den Stühlen: „Die Weltgesundheitsorganisation wurde von China größtenteils im Unklaren gelassen und erhielt nur ein Mindestmaß an Informationen. Dennoch versuchte die WHO, China im besten Licht erscheinen zu lassen, wahrscheinlich, um das Land zu mehr Details zu bewegen. WHO-Funktionäre fragten sich, wie sie China unter Druck setzen könnten, ohne dabei die chinesischen Behörden zu verärgern oder Wissenschaftler zu gefährden“, heißt es in dem Bericht.

Umgang mit Ebola und Corona: Ein abschließendes Urteil

Und tatsächlich hat die WHO - gerade aus der Ebola-Epidemie - gelernt. Eine Lehre war die Einführung des sogenannten „Independent Oversight and Advisory Committee for the WHO Health Emergencies Programme“. Also eines unabhängigen Gremiums, das beurteilt, wie gut die Reaktion der WHO auf Gesundheitsnotfälle ausgefallen ist. Dieses Gremium hat im April bereits ein erstes, kleines Zwischenfazit gezogen: Das Ergebnis fällt gemischt aus, an einigen Stellen empfiehlt der Report den Mitgliedsstaaten und der WHO, bestehende Strukturen noch einmal zu überdenken. So sei zum Beispiel zu beobachten gewesen, dass die Qualität der Berichte aus den Ländern unterschiedlich gewesen sei - was eine vergleichbare Analyse des Ausbruchsgeschehens schwer gemacht habe. Auch könne man in Zukunft überdenken, welche Rolle die WHO beim Aussprechen von Reisewarnungen spielen sollte.

Ein abschließendes Urteil über die Rolle der WHO will der Report aber ausdrücklich nicht geben. Stattdessen empfiehlt er eine unabhängige Untersuchung. Dafür sprechen sich auch viele Mitgliedsstaaten aus: Bei der WHO-Jahresversammlung im Mai wurde aber auch deutlich, dass die andauernde Pandemie nicht der richtige Zeitpunkt dafür sei. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus findet trotzdem, es wäre - wenn überhaupt - besser, wenn die USA eine unabhängige Evaluierung der WHO-Reaktion auf die Coronavirus-Pandemie abwarteten. So könnte Washington in der Bewertung seine Meinung zur Arbeit der Organisation abgeben und sich an Reformen beteiligen. Deutschland hat unterdessen in der Corona-Krise seine Hilfen für die WHO um mehr als 500 Millionen Euro aufgestockt.