Kremlkritiker Nawalny nicht transportfähig - Ärzte: keine Spuren von Vergiftung

Russland

Eigentlich sollte Alexej Nawalny nach Berlin ausgeflogen werden. Doch der Transport des Kremlkritikers, der möglicherweise vergiftet worden ist, scheiterte nun.

Moskau

21.08.2020, 11:05 Uhr / Lesedauer: 2 min
Alexej Nawalny, Oppositionsführer aus Russland.

Alexej Nawalny, Oppositionsführer aus Russland. © picture alliance/dpa

Der Gesundheitszustand des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny auf der Intensivstation eines Krankenhauses in der sibirischen Großstadt Omsk erlaubt nach Einschätzung von russischen Ärzten keinen Transport. Das teilte Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch am Freitagmorgen beim Kurznachrichtendienst Twitter mit. Den Wunsch der Familie hielten die Mediziner für den Transport in ein ausländisches Krankenhaus nicht für entscheidend.

Zuvor hatten die Mediziner nach Angaben des örtlichen Gesundheitsministeriums Nawalnys Zustand als schwer, aber stabil eingeschätzt. Demnach hatten Spezialisten aus Moskau nach Angaben der Behörden geprüft, ob er für die Verlegung in eine andere Klinik transportfähig sei. Nawalny soll in Deutschland behandelt werden – wegen des dringenden Verdachts einer schweren Vergiftung. Er wurde im Koma künstlich beatmet, hieß es.

„Nawalnys Leben hängt jetzt von der Tatsache ab, dass der Chefarzt der Intensivstation sich weigert, Verantwortung zu übernehmen“, schrieb seine Sprecherin bei Twitter.

Giftverdacht nicht bestätigt

Unterdessen haben die Ärzte des Oppositionspolitikers bislang nach eigenen Angaben keine Spuren einer möglichen Vergiftung gefunden. Im Blut und im Urin seien weder Gift noch Spuren davon nachgewiesen worden, sagte der Vize-Chefarzt Anatoli Kalinitschenko am Freitag in der sibirischen Großstadt Omsk der Agentur Interfax zufolge.

„Wir gehen nicht davon aus, dass der Patient eine Vergiftung erlitten hat.“ Eine Diagnose hätten sie bereits gefunden, Nawalnys Frau und sein Bruder seien darüber informiert worden.

Zuvor hatte Nawalnys Team unter Berufung auf einen Polizeibeamten davon gesprochen, dass sie einen vermutlich „tödlichen Stoff“ gefunden hätten. Das Gift sei demnach nicht nur gefährlich für den 44-Jährigen selbst, sondern auch für die Umgebung, weshalb das Tragen von Schutzanzügen angewiesen worden sei, sagte der Chef von Nawalnys Anti-Korruptions-Fonds, Iwan Schdanow. Um welchen Stoff es sich handeln könnte, blieb aber zunächst offen.

Flugzeug musste zwischenlanden

Der 44-Jährige hatte am Donnerstag nach Angaben seiner Sprecherin Kira Jarmysch vor dem Abflug von Tomsk nach Moskau einen Tee getrunken. Das Getränk könnte nach ihren Vermutungen vergiftet gewesen sein. Das Flugzeug musste wegen des Notfalls in Omsk zwischenlanden. Nawalny ist ein scharfer Kritiker des russischen Machtapparats und war mehrfach das Ziel von Anschlägen.

Jarmysch hatte am Donnerstag bestätigt, dass die Familie internationale Angebote für eine Behandlung Nawalnys im Ausland bekommen habe, ohne Details zu nennen. Sie begründete eine Verlegung mit der nicht ausreichenden Ausstattung der Klinik und machte Sicherheitsbedenken geltend.

Ein Spezialflugzeug, das ihn von Omsk nach Berlin bringen soll, war am frühen Freitagmorgen aus Deutschland gestartet, wie der Filmproduzent Jaka Bizilj der Deutschen Presse-Agentur sagte. Es sind rund 4000 Kilometer Entfernung zwischen beiden Orten. Demnach befand sich auch ein Team von Medizinern an Bord der Maschine.

Nawalny hatte sich in Sibirien zu einer politischen Reise aufgehalten, um die Regionalwahlen im September vorzubereiten. Er warb dort für seine Strategie einer so bezeichneten „klugen Abstimmung“, die darauf gerichtet ist, jede beliebige Partei zu wählen – nur nicht die Kremlpartei Geeintes Russland. Er will damit deren Dominanz in Russland brechen. Nawalny gilt innenpolitisch als Staatsfeind Nummer eins des Kreml.

RND/dpa/das

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