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Kostenkluft zwischen Sarg und Urne wächst immer weiter

dzFriedhofsgebühren

Nach dem Tod eingeäschert zu werden, wünschen sich immer mehr Menschen. Vor Jahrzehnten war diese Entwicklung noch nicht absehbar. Die Friedhöfe stellt das vor Herausforderungen.

NRW

, 04.07.2018 / Lesedauer: 5 min

Nur noch jeder Vierte will am Ende seines Lebens ein klassisches Sarggrab auf dem Friedhof. Nach Branchenschätzungen wird inzwischen bei 62 bis 65 Prozent der jährlich rund 925.000 Verstorbenen in Deutschland eine Einäscherung gewählt.

„Feuerbestattung ist immer normaler geworden“, sagt Alexander Helbach von der Verbraucherinitiative Aeternitas. Vor 20 Jahren betrug der Anteil noch ein Drittel, vor 40 Jahren sogar nur 15 Prozent (in Westdeutschland). Vor allem Menschen in den größeren Städten entschieden sich dafür, so Helbach.

Veränderte Familienstrukturen, mehr Menschen, die alleine leben, aber auch Kostenfaktoren spielten dabei eine Rolle. Bei der Feuerbestattung hat man eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie man sich beisetzen lassen kann, zudem gibt es viele Angebote, die keine Grabpflege erfordern, wie eine Urnenwand oder ein Rasenfeld. „Bei der Bestattung werden Geld und Status immer unwichtiger“, sagt der Aeternitas-Sprecher.

Zu viel Platz auf den Friedhöfen

Die Gebühren für eine Beisetzung im Urnengrab auf dem Friedhof sind wesentlich geringer als für ein klassisches Erdgrab. Zudem nimmt eine Urne weniger Platz ein. „Das ist ein Problem für viele Friedhöfe, die in einer Zeit geplant wurden, als die Anzahl der Erdbestattungen noch bei 90 Prozent lag“, weiß Helbach.

Auch bei der Stadt Dorsten, die sechs kommunale Friedhöfe betreibt, ist das Problem des Flächenüberhangs längst präsent. Deshalb hat die Stadt 2017 eine Firma beauftragt, einen Friedhofsentwicklungsplan für Dorsten zu erstellen. Schritt eins war dabei natürlich erst mal die Bestandsaufnahme. Fazit: „Flächenanteile von insgesamt 12.615 Quadratmetern werden zukünftig als Friedhofsfläche nicht mehr benötigt“, formulierte die Firma Cemterra ziemlich deutlich.

Immer mehr brachliegende Flächen bei gleichbleibenden Fixkosten – viele Kommunen ziehen daraus die Konsequenz, dass sie die Friedhofsgebühren erhöhen. In größeren Städten sind die Preise oft höher als in kleineren Gemeinden.

Große Unterschiede zwischen Selm und Nordkirchen

Sie liegen nur wenige Kilometer auseinander, doch bei der Berechnung der Bestattungsgebühren kommen die Verwaltungen der Städte Selm und Olfen sowie die Gemeinde Nordkirchen auf ganz unterschiedliche Ergebnisse. Bereits ein kurzer Blick reicht aus, um ein deutliches Gefälle zu erkennen. So verlangt die Stadt Olfen für ein Wahlgrab mit 40-jährigem Nutzungsrecht eine Gebühr von 936 Euro.

Am anderen Ende der Tabelle findet sich die Gemeinde Nordkirchen. Obwohl das Nutzungsrecht hier nur 30 Jahre beträgt, werden in der Schlossgemeinde für das Wahlgrab 1702,57 Euro fällig. Der Blick nach Selm zeigt, dass sich die Stadt zwischen den beiden Kommunen eingeordnet hat. Hier müssen die Angehörigen für ein Wahlgrab 1120 Euro bezahlen.

Bestattungsgebühren klaffen auseinander

Doch mit der Gebühr für das Grab ist es natürlich längst nicht getan. Die Stadt Olfen erhebt etwa Gebühren für die Bestattung (bis zu 412 Euro) und für die Nutzung der Trauerhalle (226 Euro). In der Nachbarstadt Selm müssen die Angehörigen deutlich mehr bezahlen. Die Bestattungsgebühren betragen bis zu 940 Euro (Personen über 5 Jahre bei einem Wahlgrab).

Deutlich weniger verlangt die Gemeinde Nordkirchen: Hier wird bei Personen ab dem sechsten Lebensjahr eine Bestattungsgebühr von 355,65 Euro fällig. Dazu kommt jedoch eine Gebühr für die Herrichtung der Grabstelle und der Grabeinfassung von bis zu 126,44 Euro. Für die Benutzung der Trauerhalle werden weitere 205,72 Euro fällig, für das Benutzen der Leichenräume 298,62 Euro.

Trauerhallen müssen geschlossen werden

Für Außenstehende seien Gebührenunterschiede schwer nachzuvollziehen, gibt auch Michael C. Albrecht vom Bundesverband der Deutschen Friedhofsverwalter, der kommunale und kirchliche Träger von Friedhöfen vertritt, zu. Unterschiedliche Grundstückspreise, die Größe von Maschinenparks oder Anliegergebühren für Straßen spielten eine Rolle. „Bei einem 100 Jahre alten Friedhof sind Grundstücke natürlich längst abgeschrieben, bei einem jüngeren oftmals nicht.“

Auch Trauerhallen und Kühlkammern auf dem Friedhof treiben die Kosten nach oben. Sie werden immer seltener genutzt, weil viele Bestatter eigene Räume anbieten. Einige Kommunen sind laut Städte- und Gemeindebund bereits dazu übergegangen, Trauerhallen zu schließen oder zu verkaufen.

Auch in Schwerte geht die Nutzung der Trauerhallen zurück, bestätigt Gerd Krawczyk, Leiter des Baubetriebshofs. Trotzdem wolle die Stadt an den meisten festhalten, habe einige von ihnen erst in den letzten Jahren renoviert.

Friedhöfe müssen kostendeckend arbeiten

Laut Kommunalabgabengesetz müssen Friedhöfe ihre eigenen Kosten decken. Nur über den grünpolitischen Wert der Anlage ist eine Bezuschussung durch kommunale Finanzmittel möglich. Darunter fällt die Pflege des sogenannten öffentlichen Grüns auf einer Friedhofsfläche, von dem die Allgemeinheit profitiert – in ökologischer Hinsicht oder als Erholungsgebiet. Bleiben immer mehr Flächen, die eigentlich für Bestattungen vorgesehen sind, leer, verteilen sich die Kosten auf immer weniger Schultern und die Gebühren steigen somit. Das führt zu einer Spirale, weil die Menschen beim Begräbnis immer preisbewusster werden, bilanziert der Bundesverband Deutscher Bestatter. Sie suchen sich günstigere Anlagen aus oder entscheiden sich für ganz andere Beisetzungsformen.

Auch die kirchlichen Friedhöfe leiden unter Kostendruck. Von den rund 32.000 Friedhöfen in Deutschland stehen rund 12.400 unter kirchlicher Trägerschaft. Das Gebiet der Evangelischen Kirche von Westfalen umfasst 321 Friedhöfe. Im Bistum Paderborn gibt es 260 katholische Friedhöfe, im Bistum Münster 230. „Von unseren 230 Friedhöfen ist ein großer Teil defizitär“, gibt Münsters Bistumssprecher Stephan Kronenburg zu. Bei den Gebühren habe man wenig Spielraum, orientiere sich an dem kommunalen Katalog. Man habe durch das große ehrenamtliche Engagement in den Gemeinden aber immer noch Vorteile gegenüber den städtischen Friedhöfen. Trotzdem müsse man sich auch fragen, so Kronenburg, wie sich Friedhöfe rechnen könnten.

Friedhöfe wechseln die Gemeinde

Im Münsterland wurden zuletzt zwei Friedhöfe an die Gemeinde Ostbevern übergeben, in Warendorf werde aktuell noch über eine Übernahme verhandelt. „Das Bischöfliche Generalvikariat unterstützt die Kirchengemeinden bei der Entwicklung bedarfsgerechter Friedhöfe und rechtssicherer Gebührenkalkulationen“, sagt Bistumssprecher Kronenburg. Das Ziel sei es, Schließungen oder Abgaben von Friedhöfen zu vermeiden.

„Gerade im kirchlichen Bereich ist es eher verpönt, unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten Werbung zu machen“, sagt Michael C. Albrecht. „Die Devise: Irgendwann kommen sie alle zu uns“, gelte aber grundsätzlich nicht mehr. Friedhöfe sollten aber die Öffentlichkeit über ihr Angebot informieren, Info-Tage organisieren oder Flyer verteilen.

Kostenkluft zwischen Sarg und Urne wächst immer weiter

Eine Beerdigung im Friedwald ziehen mittlerweile viele Menschen einer Bestattung auf dem Friedhof vor. © dpa

Kirchen und Kommunen suchen sich Hilfe

Hilfe suchen viele Kirchengemeinden und kommunale Friedhofsverwaltungen bei Martin Venne, Landschaftsarchitekt aus Kassel. Er hat zum Thema Friedhofsüberhangflächen promoviert und führt seit 2007 friedhofsbezogene Forschungsprojekte für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt durch. Heute berät er mit seiner Firma PlanRat Friedhofsträger in ganz Deutschland – darunter in Bochum, Gelsenkirchen, Dortmund, Lünen und Castrop-Rauxel.

„Welche Bestattungsangebote werden gebraucht?“, sei nur eine Frage, die es zu klären gibt, sagt Venne. Welche Flächen eignen sich zum Beispiel für Gemeinschaftsgrabanlagen? „Die Begünstigung für Urnengräber ist nicht gerechtfertigt“, sagt Martin Venne. Er ist der Meinung, ein Erdgrab sollte bezahlbar bleiben. Besser wäre es, allgemeine Flächen bei der Gebührengestaltung auch miteinzurechnen und so die preisliche Spanne zwischen beiden Beisetzungsformen nicht weiter zu vergrößern.

Zugeständnisse statt Separierung

„Die Friedhöfe müssen sich öffnen“, sagt Venne. Es sei nicht hilfreich, auf dem Gelände alles zu verbieten. Erlaubt man zum Beispiel Hunde auf dem Gelände? Oder Fahrradfahren? Dabei dürfte es natürlich nicht zu Situationen kommen, wie der der Trauergesellschaft, die von einem Mountainbiker aus dem Weg geklingelt wurde. „Alles schon da gewesen.“ Wichtig sei ihm, dass alle Beteiligten miteinander ins Gespräch kommen – vom Bürger über den Bestatter bis hin zur Friedhofsverwaltung. Vor allem in Innenstadtlagen seien „Friedhöfe wunderbare Orte der Erholung, in Zeiten von Feinstaubdiskussionen auch eine grüne Perle, die uns vor die Füße rollt.“ Städte in der Haushaltssicherung bräuchten gute Argumente, um Geld in ihre Friedhöfe zu stecken.

Martin Venne ist aber optimistisch: „Viele Friedhöfe leisten gute Arbeit, interessieren sich immer wieder neu.“ Noch nie habe man so viel verändern können wie heute.

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