Kommunen suchen Lösungen für Ansturm der Wintertouristen

Wintertourismus

In Hessen fordern einige Gemeinden die Schließung von Skipisten und Rodelhängen. Nachdem Winterberg dicht gemacht hat, wichen Tagestouristen zuletzt nach Willingen aus.

Willingen

05.01.2021, 15:24 Uhr / Lesedauer: 3 min
Nicht nur Winterberg, sondern auch Willingen muss mit einem großen Touristen-Ansturm fertig werden.

Nicht nur Winterberg, sondern auch Willingen muss mit einem großen Touristen-Ansturm fertig werden. © picture alliance/dpa

Nach dem großen Andrang in Wintersportregionen könnte es in Hessen erstmals Sperrungen von Skipisten und Rodelhängen geben. Grundlage soll das Infektionsschutzrecht der Corona-Pandemie sein. Für das nordhessische Willingen werde eine entsprechende Regelung vorbereitet, sagte Bürgermeister Thomas Trachte (parteilos) am Montag: „Wir sehen aufgrund der Erfahrungen keine andere Lösung.“ Tausende waren am Wochenende in die 7000-Einwohner-Gemeinde geströmt.

Willingen ist mit dem Problem nicht allein. An den Festtagen waren viele Mittelgebirge stark frequentiert: die Wasserkuppe, der Große Feldberg im Taunus, der Hohe Meißner, der Westerwald. Der Schnee und fehlende Alternativen wegen des Lockdowns zogen die Hessen ins Freie. Mit Straßensperrungen versuchten Kommunen und Polizei, die Lage in den Griff zu bekommen.

Winterausflüge in Corona-Zeiten: Anspannung und Entspannung

Zwar sprachen Behörden stellenweise von „chaotischen“ Verhältnissen. Doch manchmal lagen An- und Entspannung nah beieinander. In Königstein im Taunus waren die Zufahrten zu den Waldparkplätzen mit Rodelbahnen teils mit langen Autoschlangen verstopft. Viele Familien parkten daraufhin im Ort und machten sich mit ihren Schlitten am Rande der Bundesstraße 8 auf den Weg zum Rodeln. Nur wenige Kilometer abseits der Ausflugsziele waren noch freie Parkplätze zu haben.

Unter Hinweis auf die „extremen Wetterbedingungen im Feldberggebiet mit Schneebruch, Eisschlag und umgestürzten Bäumen“ verlängerte der Hochtaunuskreis in Absprache mit der Landespolizei die Sperrung mehrerer Straßen in dem Areal.

Wie der Kreis am Montagabend mitteilte, sollen folgende Straßen zunächst bis zum Freitag gesperrt werden: die Landesstraße L3025 ab Anschluss Eselsheck an der Bundesstraße 8, die L3276 zwischen Sandplacken und Oberreifenberg und die L3004 zwischen Oberursel-Hohemark und Sandplacken bis Schmitten, Höhe Schwimmbad. Für den Busverkehr gab es ebenfalls spezielle Regelungen für einzelne Linien.

Winterberg macht dicht - Tagestouristen weichen auf Willingen aus

Die Polizeidienststellen hatten keine Häufung von Corona-Verstößen gemeldet. Stattdessen beschäftigten überlastete Parkplätze und Straßen Ordnungskräfte. Bürgermeister Trachte und die Polizei in Waldeck-Frankenberg halten eine Sperrung wegen des Infektionsschutzes trotzdem für vertretbar. Zwar hätten sich auch die Besucher in Willingen zunächst an Corona-Regeln gehalten.

Doch die Situation habe sich geändert, als die Nachbarn im nordrhein-westfälischen Winterberg Pisten und Parkplätze geschlossen hätten. Da seien Tausende auf Willingen ausgewichen. „Das war so gewaltig, das war so ein Gedränge, das war nicht mehr zu verantworten“, erklärte Trachte.

„Das aktuelle Interesse an für den Nah- und Kurzzeittourismus interessanten Gebieten macht die Einhaltung der Abstandsregelungen vielfach nahezu unmöglich“, sagte das hessische Sozialministerium. Insofern bestehe durchaus ein Ansatzpunkt für Maßnahmen nach dem Infektionsschutzgesetz. Die Entscheidung liege aber in erster Linie bei den Landkreisen und kreisfreien Städten.

Tagestouristen in Hessen: Vogelsberg macht dicht

Wie das Verbot in Willingen aussehen wird, ist noch unklar. Am Dienstagvormittag werde die Lage mit Polizei und Gemeinde final bewertet und eine Entscheidung getroffen, sagte eine Sprecherin des Landkreises Waldeck-Frankenberg.

Die Zufahrtsbeschränkungen täglich zwischen 9.00 und 16.00 Uhr zum Hoherodskopf und zur Herchenhainer Höhe im Vogelsberg bleiben bis Ende der Woche erst einmal bestehen, wie der Vogelsbergkreis mitteilte. Man beobachte die Entwicklung in dieser Woche und entscheide dann über weitere Maßnahmen auch für das Wochenende.

Taunus-Gemeinde Schmitten: „Es gibt Probleme, die kann man nicht lösen“

Zu den Leidtragenden des Besucheransturms gehört auch die Taunus-Gemeinde Schmitten am Großen Feldberg. Bürgermeister Marcus Kinkel (parteilos) glaubt nicht an die Wirkung von Verboten. „Wir werden gar nichts in den Griff kriegen, es gibt Probleme, die kann man nicht lösen auf der Welt“, sagte er. Wenn jetzt gefordert werde, Besucher auf Waldwegen zu kontrollieren, dann stelle sich die Frage: „Wer macht das? Keiner!“

Auch die Gemeinden im Rheingau-Taunus-Kreis wollen ein erneutes Verkehrschaos verhindern. „Wir haben nichts gegen einen solchen Schneetourismus. Er muss aber in geordneten Bahnen verlaufen“, sagte Landrat Frank Kilian, nachdem er sich mit Bürgermeistern aus 17 Kommunen ausgetauscht hatte. Ein wildes Parken werde man nicht mehr dulden. Notfalls würden Fahrzeuge abgeschleppt.

Polizei-Gewerkschaft gegen Einsätze auf Skipisten

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) Hessen sieht den Einsatz von Polizisten auf Skipisten kritisch. Die Polizei sei für die Überwachung des fließenden und ruhenden Verkehrs gerüstet. „Was wir aber nicht wollen, ist, auf Pisten die Allgemeinverfügungen der Kommunen durchzusetzen“, sagte Jens Mohrherr, stellvertretender GdP-Landesvorsitzender. Er glaubt, dass sich die Situation in den Wintersportgebieten ohnehin entschärft: „Der größte Hype ist rum.“

Es gibt auch andere Prognosen: So forderte die Stadt Königstein am Montag wegen der Ausflügler ein Konzept aller Behörden in Abstimmung mit den Anrainerkommunen, „da der Besucherstrom an den nächsten Wochenenden aufgrund der Wetterprognosen und des Lockdowns sicher nicht signifikant abebben wird“.

RND/dpa

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