Kinderarzt Renz-Polster: Zum Schutz vor Corona „mehr Draußen-Schule machen, mehr Draußen-Kitas“

Coronavirus

Kaum ein Thema in Sachen Lockdown ist so umstritten wie das Thema Schule. Öffnen, Schließen, Testpflicht – gerungen wird um Vieles. Ein Kinderarzt plädiert dafür, den Unterricht zu verändern.

von Leonie Schulte

, 12.04.2021, 07:58 Uhr / Lesedauer: 5 min
Kinderarzt Renz-Polster plädiert dafür, die Betreuung von Kindern vermehrt unter freiem Himmel stattfinden zu lassen.

Kinderarzt Renz-Polster plädiert dafür, die Betreuung von Kindern vermehrt unter freiem Himmel stattfinden zu lassen. © picture alliance/dpa

In vielen Bundesländern beginnt am Montag nach den Osterferien wieder der Unterricht. Ungeachtet aller Aufrufe für eine einheitliche Linie gehen die Länder beim Schulstart erneut unterschiedliche Wege. Während einige Länder trotz hoher Inzidenzwerte am Präsenzunterricht festhalten, wollen andere eine neue Teststrategie etablieren – und Schüler nur mit einem negativen Corona-Test in die Klassen lassen. Auch das geplante neue Infektionsschutzgesetz sieht Tests vor. Ab einer 100er-Inzidenz im Landkreise müssen „Schülerinnen und Schüler allgemeinbildender Schulen bei Teilnahme am Präsenzunterricht zweimal in der Woche nach einem anerkannten Testverfahren auf eine Infektion mit Coronavirus SARS-CoV-2″ getestet werden. Bei einer Inzidenz von 200 soll der Präsenzunterricht untersagt werden.

Für eine andere Maßnahme spricht sich der Kinderarzt, Wissenschaftler und Buchautor Dr. Herbert Renz-Polster im RND-Interview aus.

Herr Renz-Polster, zum Ende der Osterferien beginnt die Debatte erneut: Schulen öffnen oder schließen? Wie lautet Ihre Einschätzung?

Bei der Schuldiskussion kommen verschiedene Sachen zusammen. Das eine ist die Unsicherheit, wie viel Prozent von Übertragungsmöglichkeiten durch eine Öffnung zunehmen könnten, eine theoretische Zahl. Andererseits kennen wir inzwischen sehr gute präventive Strategien, die Schulen sicher machen. Ich persönlich sehe ein hohes Potenzial, dass wir Kindergärten und vor allem die Grundschulen sicher machen können, in dem wir unsere Maßnahmen der Pandemie anpassen.

Was für Maßnahmen meinen Sie?

Indem wir zum Beispiel viel mehr Draußen-Schule machen, mehr Draußen-Kitas. Die Möglichkeiten sind alle da und dieses Potenzial haben wir eindeutig noch nicht ausgeschöpft. Viele blicken auf potenzielle Gefahren, auch durch die neue Mutante. Ich muss sagen, dass ich diese Seite immer schlechter verstehe. Aus anderen Ländern wissen wir: Mit klugen Strategien können wir Schulen offen lassen. Ich finde, wir sollten zuerst Potenzial ausschöpfen, bevor wir aufgeben.

Sie sagen, der Blick ins Ausland könnte uns Mut machen. Warum? Auch aus dem Ausland hört man nicht nur Gutes.

Aus dem Ausland liegen uns Daten von tatsächlichen Ereignissen vor. Also nicht nur Modelle, die möglichen Virusübertragungen berechnen, sondern wirklich gemessene Daten, die zeigen, was passiert, wenn Kinder in die Schulen gehen. Hier liegen die Schweizer, die spanische, die italienische, die schwedische, die US-amerikanische oder auch die israelische Erfahrung vor.

Und daraus kann man ableiten, dass die, die die Grundschulen und Kitas offen gehalten haben, dadurch keine größeren Probleme hatten. Die hatten Hygienekonzepte, die auch bei uns möglich sind. Und wenn jetzt die Mutante ins Spiel gebracht wird, dann ist meine Antwort: Dann lasst uns eben noch klüger, noch konsequenter sein und „outside the box“ denken.

„Frühling nutzen und die Kinder rausschicken“

Was würde das konkret bedeuten?

Dass man zum Beispiel wirklich den Frühling nutzt und die Kinder rausschickt. Also draußen Unterricht, draußen spielen, draußen Kitas. Die Kinder werden dann in ihrem Leben auf diese Zeit als wirklich eine tolle Zeit zurückblicken.

Aber wie sähe das konkret aus: Stühle und Tische auf den Schulhof stellen?

Ja. Oder sie treffen sich im Park. Statt eines Kurssystems sollte dann ein Lehrer oder eine Lehrerin den meisten Unterricht machen. Es gibt doch Waldkindergärten. Vielleicht spricht man mit ihnen, wie sie das machen. Die Kinder verhungern und erfrieren dort ja auch nicht. In Dänemark gibt es sehr viele Schulen draußen. Auch hier kann man sich etwas abgucken. Man kann auch Außengelände pachten und offenes Land nutzen. Das Problem ist vor allem zwischen den Ohren.

Und an welche Maßnahmen denken Sie noch? Es gibt ja bereits Hygienekonzepte.

Auch aus den anderen Ländern wissen wir, dass in aller Regel die Infektionen von den Erwachsenen eingetragen werden. Es geht also vor allem um die Lehrer-, nicht um die Klassenzimmer. Hier müssen die Sicherheitsvorkehrungen erhöht werden.

Aber ist die britische Mutation nicht ein Gamechanger, der auch Sie zum Umdenken veranlasst?

Noch kann niemand genau sagen, was das für die Dynamik bei den Ansteckungen in den unteren Altersgruppen bedeutet. Für mich bedeutet es aber, noch genauer hinzuhören, was die Virologen sagen. Die sagen: Infektionen finden vor allem durch ungeschützte Kontakte in Innenräumen statt.

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Sie sagen auch: Es kommt dabei vor allem auf die Dauer der Kontakte an – der lange gemeinsame Aufenthalt in Räumen ist zu vermeiden. Und sie sagen: Das Virus wird häufig von außen in die Einrichtungen eingetragen, hierbei sind Erwachsene führend. Und wenn ich das praktisch zu Ende denke, dann kommt man auf relativ simple Konzepte: raus mit euch! Und: kluge Teststrategien.

Lockdown hat Nachteile „für psychische, soziale und körperliche Gesundheit der Kinder“

Nicht alle Eltern freuen sich über offene Schulen. Viele haben auch große Sorgen um ihre Kinder. Wie beurteilen Sie als Kinderarzt die Situation?

Ich habe von Anfang an gesagt, dass wir Covid-19 ernst nehmen müssen. Aber wir müssen unterscheiden, welcher Teil der Bevölkerung von dem Virus besonders hart getroffen wird. Und da sage ich auch weiterhin mit Blick auf den Datenbestand, dass wir echt Grund zum Jubeln haben. Natürlich gibt es auch bei Kindern schwere Verläufe, aber das sind nach wie vor Raritäten.

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Die Frage ist, was unser Ziel ist. Ist das Ziel, keine einzige Erkrankung, keine einzige schwere Erkrankung oder sogar auch kein einziger Todesfall, dann muss ich natürlich alles runterfahren und die Kinder isolieren. Das wiederum hat schwere Nachteile für die psychische, soziale und körperliche Gesundheit der Kinder. Es ist also eine Gratwanderung, auf die die Gesellschaft eine Antwort haben muss. Aber nochmal: Auch mit Blick auf möglichen Komplikationen für Kinder glaube ich, dass wir die Schulen unter guten Hygienekonzepten weiter laufen lassen können.

Warum wird es bei der Schulfrage so emotional?

Wenn man sich die Berichterstattung anschaut, da steht jeden Tag etwas darüber, wie sehr Kinder gefährdet sind oder wie sie ihre Eltern gefährden. Da ist man als Elternteil natürlich bedient. Ich wundere mich über diese wenig differenzierte Berichterstattung. Über die Laborstudie von Herrn Drosten gab es zum Beispiel monatelange Diskussionen. Bis heute bezieht sich die Mehrheit der Kommentatoren, die von der Gefährdung der Kinder sprechen, auf diese kleine Laborstudie.

Es gibt inzwischen aber viele Daten aus anderen Ländern und weitere Laborstudien, die andere Ergebnisse haben. Wie Wissenschaft halt so ist. Es ist komplexer. Jetzt diskutieren wir so viel über Schule und es heißt, die Schulschließungen gefährden die bildungsferne Schicht. Nur: Dieses Problem ist nicht neu. Früher hat sich nur niemand dafür interessiert.

Es ist also gut, dass wir über Schule sprechen? Oder wird sie gerade instrumentalisiert?

Ich finde es super, dass wir darüber reden. Aber dann bitte ehrlich und nicht mit einem nostalgischen Blick zurück wie toll die Schulen waren. Die Schule, so wie sie ist, geht an einem Viertel der Schüler komplett vorbei. Gerade an denen, die in ihrem Leben eine Aufwertung dringend gebrauchen könnten. Das müssen wir jetzt angehen. Nicht wegen der Pandemie, sondern wegen der Kinder.

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„Kinder kommen besser mit der Pandemie zurecht, als wir denken“

Sie gehen davon aus, dass die Pandemie Spuren bei den Kindern hinterlassen wird. Was für Spuren werden das sein?

Natürlich werden wir Spuren finden. Aber die werden total unterschiedlich sein. Diejenigen, die in ihrer Entwicklung sowieso Schwierigkeiten haben, deren Beziehung zu Hause sowieso schwierig sind, die trifft die Pandemie härter. Generell würde ich aber sagen, dass die Kinder besser mit der Pandemie zurecht kommen, als wir denken. Weil Kinder einfach anpassungsfähig sind. Das unterschätzen Erwachsene manchmal.

Und deshalb wehre ich mich auch gegen pauschale Urteile, etwa da entstünde eine verlorene, eine traumatisierte Generation. Es ist kein Krieg. Das Leben wird mit einem Seufzer wieder Luft holen und weitergehen. Die Kinder werden vielleicht belastet sein, aber Kinder können auch mit Belastung umgehen.

Wenn man Ihnen zuhört, könnte man eigentlich ganz zuversichtlich sein. Trotzdem fühlt sich das Leben für Familien gerade unfassbar schwer an.

Ich finde, epidemiologisch und medizinisch betrachtet könnten wir zuversichtlich sein. Vor allem, wenn man es damit vergleicht, was hätte werden können. An welchem Punkt wären wir gerade, hätten wir keinen Impfstoff? Tatsächlich aber haben wir einen Impfstoff, der sogar modular ist, wir ihn also auch anpassen können.

Objektiv betrachtet kann man sagen: Leute, wir müssen jubeln! Aber wir werden auch aus unserer Komfortzone raus geschleudert und das mag keiner. Manche haben auch Abstiegsängste oder auch Abstiegserfahrungen. Natürlich ist das bitter. Wir müssen also gucken, wie unsere Gesellschaft wieder heilen kann. Darauf brauchen wir eine gesamtgesellschaftliche Antwort. So etwas wie ein New Deal, der uns sensibilisiert für die soziale Frage.

Die werden wir noch nicht während der Pandemie klären können. Aber was wünschen Sie sich jetzt konkret von der Politik, wenn es wieder um das Thema Schulen gehen wird?

Ich sehe das einfach als ein Summenspiel. Man kann rational analysieren, wo die meisten Übertragungen stattfinden. Und das ist in den Haushalten, das kann man schlecht ändern. Und in der Arbeitswelt. Mein Wunsch wäre, dass man sich diese Stellschraube mehr anguckt und Unternehmen sicherer macht, auch verpflichtende Pool-Tests anbietet. Da sehe ich noch nicht, dass hier genug getan wird.

Ansonsten brauchen Schulen Freiheiten, um selber zu schauen, welche Ressourcen sie haben und welche sie brauchen. Und ihnen müssen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Eine Schule, die draußen Unterricht anbieten will, sollte doch die Möglichkeit dazu bekommen.

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